Als die Republik Simbabwe am 18. April 1980 ihre Unabhängigkeit erklärte, war Chirikure Chirikure gerade 18 Jahre. Dieser Wendepunkt hat den Dichter geprägt. Früh wehrt er sich durch seine besondere Art, Gedichte nach afrikanischer Tradition zu gestalten, gegen die Dominanz der bisherigen Kolonialmacht. Das widersprüchliche Zusammenwirken beider Kulturen gibt seinen Texten eine spannungsreiche Dramaturgie, die Vergangenes mit Zukünftigem verbinden möchte. Welche Bedeutung Chirikure der Achtung eigener Traditionen gibt, erläutert er im Faust-Gespräch mit Andrea Pollmeier.

Interview mit Chirikure Chirikure

Lautmalerei ist Teil der Rebellion

Sie waren einer der ersten Dichter, die nach der Unabhängigkeit Simbabwes eigene Gedichtbände auf Shona, also nicht in der Sprache der ehemaligen Kolonialmacht, publizierten. Was hat sie von den englischen Texten unterschieden?

Die Shona-Dichtung ist frei, es gibt keine Reime, die wie in der europäischen Dichtung zu Beginn oder am Ende eines Verses stehen können. Ein typisches Gedicht bei uns ist das Preislied. Wenn eine Mutter ihrer Tochter für eine gute Arbeit danken möchte, kann sie für diese Tochter ein familiäres Lobgedicht sprechen, wenn ein Sohn seinen Eltern danken möchte, tut er dies ebenfalls durch ein traditionelles Lobgedicht. Zu jeder Familiengemeinschaft gehört auch ein „Totem“, das den Einzelnen als Teil dieser Clan-Gemeinschaft ausweist. Oft wird das Totem durch ein Tiersymbol gebildet. Dein Totem kann beispielsweise ein Löwe, ein Hase oder eine Kuh sein. Jedes Totem ist mit vielen Gedichten verbunden. Diese Gedichte sind sehr frei und rhythmusbetont. Mein eigenes Lobgedicht in meinem Clan ist:

Klatschend zeigt man seinen Respekt und erzeugt einen Rhythmus. Ein Großteil meiner Gedichte ist darum mit einem speziellen Rhythmus verbunden und passt bei Aufführungen beispielsweise gut mit Mbira-Musik zusammen. Die Silbenstruktur der Sprache unterstützt diese rhythmische Dimension, Kinderreime sind hierfür ein gutes Beispiel:

Mit diesen Liedern wächst man auf und bewahrt so den Fluss und die Schönheit der Sprache. Die Kultur der Shona überlebt mittels mündlicher Übertragung, durch die Inszenierung des gesprochenen Wortes. Darum neigt man zu genauen und sehr deutlichen Bildschöpfungen, die den Menschen in Erinnerung bleiben. Wenn die Geschichten künftig weitererzählt werden, bleiben sie klar und akkurat. Da das alltägliche Leben eng mit der Natur verbunden ist, nutzt man oft Vergleiche, die sich auf die Natur beziehen.

Sie haben sich sehr dafür eingesetzt, die Sprache und Ästhetik der Shona-Kultur in ihrem literarischen Werk zu nutzen. Warum war es für junge Lyriker in Simbabwe zunächst so schwer, die traditionelle Bildsprache, mit der sie aufgewachsen waren, in ihre Gedichte einfließen zu lassen?

Durch die Kolonialisierung kam das geschriebene Wort in unsere Kultur. Der größte Teil der publizierten Bücher, die uns zur Verfügung standen, war von der viktorianischen Kultur beeinflusst. Das galt auch dann, wenn sie in der afrikanischen Sprache verfasst waren, sie folgten dann dennoch viktorianischen Formvorstellungen. Als die jüngere Generation vor mehr als zwanzig Jahren versuchte, sich wieder auf die traditionellen Wurzeln zu beziehen, erlebte man bei den Aufführungen ein Publikum, das unmittelbar und spontan reagierte, das war sehr ermutigend. Doch blieb es eine Herausforderung, dass diejenigen Bücher, die Gedichte in Shona-Sprache und -Rhythmik publizierten, im offiziellen Bildungssystem anerkannt wurden. Es dauerte lange, bis Universitäten und Gymnasien diese Texte als authentische Poesie akzeptierten.

Welche Resonanz haben ihre Werke damals in Simabwe gefunden?

Ich hatte Glück. Nach einiger Zeit verstand man, was ich zu tun versuchte. Jüngere Autoren übernahmen ebenfalls diese Schreibweise und versuchten, ihre Lyrik zu publizieren. Jetzt gibt es ziemlich viele Performance-Lyriker, sie erreichen ein immer größer werdendes Publikum. Trotzdem bleibt es ein harter Kampf, sich nicht nur international, sondern auch innerhalb der afrikanischen Sprachwelt zu behaupten. Indem Englisch die offizielle Amtssprache und die Geschäftssprache im Alltag ist, bleiben westliche Einflüsse dominant.

In welchem Verhältnis stehen in Simbabwe heute noch die Landessprache und die englische Sprache zueinander?

Es gab eine Zeit, da schämten sich die Menschen, anhand ihrer afrikanischen Sprache identifizierbar zu sein. Wenn man Teil der fortschrittlichen afrikanischen Jugend sein wollte, musste man Englisch sprechen, englische Musik hören und englische Literatur lesen. Es bedarf eines ausdauernden Kampfes, um diese Einstellungen zu ändern und Menschen dazu zu ermutigen, sich wieder auf eigene Traditionen zu besinnen und die eigene Sprache zu genießen. Im Medienzeitalter ist diese Herausforderung umso größer. Fernsehen und Internet sind überall in den europäischen Sprachen zugänglich, die Bilder, die das jugendliche Publikum bombardieren, sind komplett westlich geprägt. Dagegen anzukämpfen und den Trend umzukehren, ist schwer. Ich hoffe, dass sich zumindest ein oder zwei mit dem identifizieren können, was ich tue.
Anders ist das, wenn es um Musik geht. Etwa neunzig Prozent der Musik hier in Simbabwe ist in afrikanischer Sprache verfasst. Die Menschen mögen das. Musik kann sich leicht anpassen und Umgangssprache nutzen. Indem man in der Musik die afrikanische Sprache mit der westlichen Sprache mischt, hat sie es geschafft, zu überleben, für Poesie und Literatur ist das hingegen eine große Herausforderung.

Der Autor lija Trojanow hat vor kurzem ähnliche Hürden beschrieben, als er von seinen Versuchen sprach, afrikanische Literatur in Deutschland bekannt zu machen. Die Aufnahmebereitschaft ist in Bereichen der Musik und Kunst erheblich höher.

Von der Shona Kultur kennt man im Westen vor allem die Skulpturen. Sie konnten weltweit vermarktet werden und brachten eine Menge Geld ein. Viele Menschen haben darum versucht, auch solche Skulpturen zu machen. In der Malerei dominieren hingegen Einflüsse der westlichen Kultur. Schon, wenn es um die Materialien geht, die zum Malen verwendet werden, ist unsere Tradition eigentlich anders, als das, was uns durch die Kolonialisierung nahe gebracht worden ist. Es gilt, eine Balance zwischen den Kulturen herzustellen und einen Weg zu finden, traditionelle Malweisen, wie wir sie beispielsweise bei der Steinmalerei in Höhlen angewandt haben, auf Leinwände zu übertragen. Man nutzt eine andere Art der Farbe und spricht zugleich ein anderes Publikum an. Es ist also ein echter Kampf, einerseits an der eigenen Vergangenheit festzuhalten und andererseits mit ihr auf die moderne Welt zuzugehen, sich anzupassen, ohne die Authentizität zu verlieren. Das Internet hat alles sehr viel komplizierter gemacht, in den nächsten Sekunden kann alles passieren, du kannst dein Publikum innerhalb von Sekunden gewinnen oder verlieren.

Zurück zu ihren eigenen Gedichten – sie sprechen darin nicht primär über die Natur, sondern oft über politische Gefahren. Sie nutzen Mittel der Lautmalerei, wie beispielsweise in ihrem Gedicht „Bombing“, oder beschreiben die Rebellionen gegen immer teurer werdende Nahrungsmittelpreise. Gibt es eine Mission, die ihrem Schreiben zugrunde liegt?

Um das zu erklären, stelle ich eine Gegenfrage. Warum soll man überhaupt die afrikanischen Bildmotive und Rhythmen, warum die Tradition und Kultur bewahren? Schließlich kann man sich auf diese Weise in große Gefahr begeben. Was geschieht, wenn man starr rückwärtsgewandt bleibt und die afrikanische Sprache nur nutzt, um über traditionelle historische Dinge zu sprechen, ohne diese mit dem modernen Kontext zu verbinden?
In der Shona-Sprache findet man eine Menge Dichtung, die sich mit den Vorfahren auseinandersetzt oder an Rituale erinnert, die in unserem Dorf üblich waren. Dies ist eine Art sentimentales Schreiben. Ich glaube aber, dass Sprache und Bilder, ihr ganzer Klang und Rhythmus auf die Gegenwartserfahrungen angewandt werden müssen. Sprache sollte eingesetzt werden, um unseren Alltag zu hinterfragen und Herausforderungen, wie sie das Volk von Simbabwe im Kontext der internationalen Gemeinschaft erlebt, zu thematisieren. Meine Gedichte setzten sich mit politischen Erfahrungen auseinander. Ich beziehe sie auf Vorgänge in Simbabwe, aber auch auf Ereignisse der internationalen Welt. Das Bombing-Gedicht ist zeitlos und kann in einem modernen oder historischen Kontext gelesen werden. Es kann sich auf den Zweiten Weltkrieg beziehen, auf Simbabwes Kampf um Unabhängigkeit oder auf die Unterdrückung, die in den letzten Jahren im Land stattgefunden hat. Ziel ist es, sich nicht auf die engen, lokalen Erfahrungen zu begrenzen, dennoch eigene Erfahrungen einzubringen, mit ihnen eigene Ausdrucksformen zu entwickeln und so das Publikum zu überzeugen.

Sie leben seit drei Jahren als Gastautor in Deutschland. Wie geht es ihnen hier? Erleben sie eine Atmosphäre der Offenheit und des Austauschs?

Der Wunderhorn Verlag hat mich sehr unterstützt und mich mit zahlreichen deutschen und internationalen Autoren in Verbindung gebracht. Ich war Teil des DAAD- Künstlerprogramms in Berlin, war auf Sylt und bin jetzt in Paderborn. Mit Hilfe dieser Initiativen trifft man andere Autoren und Verleger, nimmt an Diskussionen teil und spricht anschließend informell miteinander. So war ich auf der Buchmesse, bei Literaturfestivals, in Universitäten und Schulen. Man wird hier immer gut aufgenommen und als kreative Person respektiert. Doch wünsche ich mir mehr Situationen, in denen ich auf natürliche Weise mit anderen kreativen Menschen aus meiner unmittelbaren Umgebung, in der ich lebe, zusammenkomme. Leider ist mein Deutsch noch nicht stark genug, um informelle Gelegenheiten für solche Begegnungen selbst aktiv nutzen zu können.

Sind ihnen durch den Aufenthalt in Deutschland spezielle Themen deutlich geworden?

Während meines Berlin-Aufenthalts habe ich das Zug-System und die Effizienz von Dingen besonders wahrgenommen. Ich habe festgestellt, wie die Uhrzeit in einen eindringt, bewusst und unbewusst. Wetter ist auch immer ein Thema. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich einmal beim Verlassen des Bahnhofs eine völlig andere Wetterlage erwartet hatte. Wenn der Himmel bedeckt ist, kann man am Sonnenstand nicht erkennen, wo Osten oder Westen ist. Zuhause benötigt man nicht unbedingt einen Stadtplan oder Navigationssystem, um die Richtung zu finden, man kann sich ja immer an der Sonne orientieren, die sicher scheint und immer von Ost nach West wandert. So findet man leicht seinen Weg, in Deutschland hingegen kann man sich auf die Hilfe der Sonne nicht verlassen. Darum sieht man in Großstädten immer Menschen, die völlig desorientiert auf Stadtpläne schauen. Das beschreibe ich.

Audios und Übersetzung: Andrea Pollmeier, Faust-Kultur

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erstellt am 22.2.2013

Chirikure Chirikure, Foto: Wolfgang Becker
Chirikure Chirikure, Foto: Wolfgang Becker

AUDIOs © Andrea Pollmeier