Zahlreiche Veranstaltungen erinnern im Berliner Themenjahr »Zerstörte Vielfalt 1933-1938-1945« an die Machtübernahme der Nationalsozialisten vor 80 Jahren. Die Auftaktausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin ist bis zum 10. November, dem 75. Jahrestag der Pogromnacht gegen die jüdische Bevölkerung in Berlin, zu sehen. In einer Art Stadtrundgang führt sie die Besucher an ausgewählte Orte Berlins, die in den 30er Jahren eng mit der Etablierung der NS-Diktatur verknüpft waren. Alexandra Hartmann ist diesem historischen Weg gefolgt.

Deutsches Historisches Museum Berlin

Zerstörte Vielfalt 1933-1938-1945

Von Alexandra Hartmann

Weder Ampel noch Zebrastreifen – die Fußgänger riskieren einiges, um zwischen den vorbeifahrenden Autos auf die andere Straßenseite zu kommen. Am Eingang zur kostenlosen Sonderausstellung  „Zerstörte Vielfalt 1933-1938“ im Deutschen Historischen Museum (DHM) flimmert diese Straßenszene an den Wänden des Foyers, aufgenommen auf dem Kurfürstendamm Anfang der 1930er Jahre.

Der Beitrag des Deutschen Historischen Museums gehört zu den zentralen Projekten des Berliner Themenjahres „Zerstörte Vielfalt 1933-1938-1945.“ Zahlreiche Veranstaltungen in Berlin erinnern an die Machtübernahme der Nationalsozialisten vor 80 Jahren.

Die Auftaktausstellung schlägt den historischen Bogen von der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 bis zur Pogromnacht am 10. November vor 75 Jahren. Beide Jahrestage sind nicht nur Anlass für diese Sonderschau, sie setzen auch den Rahmen für ihren Besichtigungszeitraum: Vom 31.01. bis zum 10.11.2013 können Besucher im DHM auf die zentralen historischen Ereignisse zurückblicken, die zum Aufstieg der Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1938 geführt haben.

In einer Art Stadtrundgang wird der Besucher an ausgewählte Orte in Berlin geführt, die in den 30er Jahren eng verknüpft waren mit der Etablierung der NS-Diktatur. In der Ausstellung sind sie als großflächige Schwarz-Weiß-Fotos gut zu erkennen: Das Brandenburger Tor, der Anhalter Bahnhof und das Rote Rathaus sind darauf zu sehen. Schlaglichtartig werden die Geschehnisse an diesen Orten in Text- oder Hörbeiträgen zusammengefasst und mit anderen Themen verbunden.

Erste Station ist der Kurfürstendamm – einer DER zentralen Orte in Berlin in den 30er Jahren. Auf der Video-Installation am Eingang ist das rege Treiben und rasante Tempo einer aufstrebenden Großstadt zu erkennen. Der dichte Straßenverkehr ist Kennzeichen für Fortschritt und Modernität – eine Stadt will nach oben und hat es bereits Ende der 20er Jahre an die Spitze geschafft: Berlin gehört zu den bedeutendsten Industriemetropolen Europas und ist mit vier Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt der Welt.

Der Ku'damm, wie die Berliner ihre Lieblingsstraße gern abkürzen, ist das kulturelle Zentrum Berlins. Der Boulevard ist Schaufenster und Glanzmeile zugleich: Elegante Geschäfte, Cafés, Cabarets, Kinos, Theater und Tanzpaläste reihen sich aneinander – die Avantgarde fühlt sich wie zuhause. Künstler aus dem In- und Ausland, Filmemacher, Schauspieler, Komponisten und Schriftsteller tummeln sich hier. Ihr Talent, ihre Vielseitigkeit und Experimentierfreude schaffen eine bunte, einzigartige Kultur und Vielfalt, die das urbane Lebensgefühl in Berlin bestimmen.

An der nächsten Station der Ausstellung wirft der Besucher einen Blick hinter die glänzenden Fassaden. Dort offenbaren sich die Schattenseiten des ausschweifenden Großstadtlebens: Tausende von Menschen leiden an den Folgen der Wirtschaftskrise von 1929. Anfang der 30er Jahre hat fast jeder dritte Erwerbsfähige keine Arbeit. Massenarbeitslosigkeit, Wohnungsmangel, Obdachlosigkeit und politische Skandale erschüttern das Vertrauen in die Regierung der Weimarer Republik. Soziale Not und politische Spannungen begünstigen den Aufstieg antidemokratischer Parteien.

Die Wahlkampfplakate an der Wand zeugen von den radikalen Propagandaformeln, mit denen Kommunisten und Nationalsozialisten Anfang der 30er Jahre gleichermaßen im Volk auf Stimmenjagd gehen: „Runter mit der roten Farbe! – wählt: Deutschnational“ lautet die Parole der Rechten. Die Linken kontern – ihre Wortwahl und Illustrationen sind nicht weniger drastisch. (Abb. 1 und 2)

Gleich daneben dokumentieren Fotos die bürgerkriegsähnlichen Zustände auf Berlins Straßen: Die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten nehmen zu. Es vergeht kaum ein Tag ohne Schießereien. Dieses Chaos machen sich die Nationalsozialisten zunutze. Ihr Kalkül: Sie wollen den Bürgerkrieg mit gezielten Provokationen gegen kommunistische Anhänger auf die Straße bringen, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erregen und sich schließlich selbst als ordnende Kraft zu etablieren. Ihr Plan geht auf: Die Sturmabteilung der Nationalsozialisten, SA, ernennt sich selbst zur Hilfspolizei und sorgt für Ruhe. Die SA nimmt vor allem den Kurfürstendamm ins Visier: Die Straße und das Viertel rundherum sind in ihren Augen „Sündenpfuhl“ und „Inbegriff jüdischer Dekadenz.“

Die Ausstellung setzt eigene Beiträge und Exponate in Bezug zu Themen und Aktionen anderer Projektpartner des Themenjahres. Dabei rücken Biographien und Lebenswerke von Berliner Bürgern ins Licht, deren Leben die Nazis durch Vertreibung oder Ermordung zerstört haben. So verweisen rot gekennzeichnete Vitrinen auf Museen, Gedenkstätten, Privatinitiativen, die in diesem Jahr weitere Ausstellungen, Lesungen, Filmvorführungen, Kunst- und Theaterprojekte planen, um den Nationalsozialismus in Berlin aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten.

Diese zusätzlichen Exponate und Querverweise bringen das Konzept und die Besucher im DHM jedoch an Grenzen: Die Idee des Stadtrundgangs, der an Orte führt, wo die zentralen historischen Ereignisse erläutert werden, gelingt nicht immer. Dem Rundgänger kommt die räumliche Orientierung abhanden, weil „Nebenschauplätze“ zwar thematisch richtig platziert, aber die Bezüge zum Hauptereignis nicht klar dargestellt werden. So fragt man sich hier und da: Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Vor dem Besucher stehen plötzlich zwei rot gekennzeichnete Objekte – ein Monitor und eine Vitrine: Soll er sich erst mit diesen Exponaten beschäftigen? Oder lieber den Bildern an der Wand folgen? Oder soll er besser erst lesen, was an der Säule steht, die  rundherum mit Notizen und Ereignissen aus der Zeit von 1929 bis 1932 beklebt ist?

Die Lektüre der „Nachrichtentapete“ auf der Säule ist jedenfalls aufschlussreich. Zu lesen gibt es interessante historische Details: So findet sich eine Meldung vom 5. März 1931, auf der es heißt: Uraufführung vom „Hauptmann von Köpenick“ im Deutschen Theater. In seinem Bühnenstück nimmt Carl Zuckmayer die Obrigkeitshörigkeit und Liebe zur Uniform der Deutschen auf's Korn. 1933 verbieten die Nationalsozialisten die kritischen Ausführungen und Aufführungen Zuckmayers.

Eine Nachricht, datiert vom 13. April 1932, versetzt den Leser ins Staunen: „SA und SS werden verboten“ steht da. Aufgrund der Gewalt und Krawalle auf Berlins Straßen befürchtet die Regierung von Hindenburg einen Putschversuch der rechtsradikalen Organisationen. Am 16. Juni wird das Verbot jedoch wieder aufgehoben.

Wer sich den bereits erwähnten Exponaten mit roter Umrandung zuwendet, lernt zwei Frauen kennen, die in den 30er Jahren in Berlin gelebt und gearbeitet haben.

Eine von ihnen war die jüdische Schriftstellerin und Journalistin Gabriele Tergit, alias Elise Hirschmann. Sie arbeitete freiberuflich für diverse Berliner Zeitungen. Ihre Gerichtsreportagen galten als besonders scharfsinnig. Nach einem versuchten Überfall der SA auf sie in ihrer Wohnung, floh sie über Prag nach Tel Aviv und zog später nach London.

Die Informationen über ihre spannende Lebensgeschichte sind eher spärlich und  unbefriedigend und lassen den Besucher ratlos zurück. Wer sich die Mühe macht und den Versuch unternimmt, mehr über die Biographie dieser Frau zu recherchieren, erfährt: Tergit prangerte als Gerichtsreporterin immer wieder auch Richter an, die „auf dem rechten Auge blind waren“, und deren Gesinnung sich in ihren Urteilen niederschlug. Sie verfolgte auch den ersten Prozess gegen Hitler im Kriminalgericht Moabit. Zusammen mit Josef Goebbels war er wegen eines Pressevergehens angeklagt. Die Berichterstattung der NS-Gegnerin darüber sowie eine Reihe weiterer Artikel dürften für die Nazis Grund genug gewesen sein, Tergit ganz oben auf die Liste ihrer politischen Feinde zu setzen. Nachdem die SA-Männer erfolglos versucht hatten, sie nachts in ihrer Wohnung zu überfallen, konnte sie zusammen mit Mann und Kind fliehen. Ab 1938 lebte Tergit in London, wo sie das P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland 1957 zum Sekretär wählte. Ihre Karriere als Schriftstellerin war jedoch beendet.

Ein ähnliches Schicksal erlitt Fritzi Massary. Auf dem Monitor mit roter Umrandung klebt eine Schwarz-Weiß-Aufnahme ihres Porträts. Wer die angebrachten Kopfhörer benutzt, lauscht ihrem Gesang – eine Originalaufnahme mit Massary, die „Im Liebesfalle“ singt, eine Gesangseinlage aus der Operette „Madame Pompadour.“ Mehr erfährt man leider nicht.

Die österreichische Schauspielerin und Sängerin feierte in den 20er/30er Jahren in Berlin als „Königin der Operettenstars“ ihre größten Bühnenerfolge. 1932 hatte sie ihren letzten Auftritt: Die Aufführung der Operette „Eine Frau, die weiß, was sie will“, mit ihr in der Hauptrolle, wurde von lauten Sprechchören der SA gestört. Kurz darauf emigrierte sie nach Amerika. Dort konnte sie an ihre einstigen Erfolge nicht mehr anknüpfen und musste ihre Arbeit aufgeben.

„Zerstörte Vielfalt“ – das Schicksal und Karriereende dieser beiden Frauen ist exemplarisch für so viele andere zerstörte Laufbahnen zu dieser Zeit. Erfolgreiche und hoffnungsvolle Talente fallen der Verfolgung und Vertreibung der Nationalsozialisten zum Opfer. Sie werden ausgegrenzt oder ermordet. Ihre Kunst, ihr Glaube oder ihre politischen Ansichten passen nicht in das rassistische Weltbild der Nazis, die die Erinnerung an diese Menschen und ihre „entartete“, „undeutsche“ Kunst aus dem kollektiven Gedächtnis löschen wollen. (Porträtausstellung des Themenjahres am Brandenburger Tor)

Berlin verliert auf diese Weise seine bunte Vielfalt. Glanz und Ruf einer kulturellen Weltmetropole sind zerstört.

Der Weg durch die Ausstellung führt weiter zur nächsten Schwarz-Weiß-Aufnahme im Großformat: Der Wirt Hans Eberhard Maikowski steht vor seiner Gaststätte in der Hebbelstraße 20 in Charlottenburg – eines von insgesamt 170 SA-Sturmlokalen, die quer in der Stadt verstreut lagen. An Treffpunkten wie diesen trinken die SA-Männer ausgiebig Bier, schmettern Nazi-Lieder und lassen ihrem braunen Gedankengut freien Lauf. Nach und nach werden die SA-Sturmlokale zu Gefängnissen und Folterstellen.

Erneut muss der Besucher entscheiden: Soll er sich erst mit Maikowskis Biographie oder mit den Machenschaften der SA befassen? Man könnte auch eine halbe Umdrehung auf dem Absatz machen und sich erst mit einem Schlüsselereignis dieser Ausstellung beschäftigen: Der Tag der Machtübernahme der Nazis.

Der Fackelzug der Nationalsozialisten auf der großen Schwarz-Weiß-Fotografie vom 30. Januar 1933 zieht vorm Auge des Betrachters verschwommen vorüber. Die Entschlossenheit und der Machtwille in den Gesichtern des vorbeiziehenden „braunen Bataillons“ sind dennoch gut zu erkennen. Der Zug vom Brandenburger Tor zur Reichskanzlei wird von Tausenden von Fackeln und preußischer Militärmusik begleitet. Der Aufmarsch markiert den Beginn einer neuen Zeitrechnung und soll vor allem den Eindruck vermitteln, die Mehrheit der Berliner stehe hinter dem gerade ernannten Reichskanzler Hitler. Tatsächlich aber hat die NSDAP in der Reichshauptstadt bei Wahlen niemals eine Mehrheit errungen: In Berlin gehen die Kommunisten als stärkste Kraft hervor.

Auf der Fotowand mit dem Fackelzug ist ein Monitor befestigt. Ein Wochenschaubericht dokumentiert Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. Er hat die Macht nicht ergriffen, wie fälschlicherweise oft behauptet wird, sondern sie wurde ihm übergeben. Nach zahlreichen Verhandlungen betraute der greise Reichspräsident von Hindenburg den NSDAP-Führer mit dem Amt des Reichskanzlers. Damit hat Hitler sein Ziel erreicht: Endlich hält er die Macht in der Hand, um die größenwahnsinnige Idee seines „Tausendjährigen Reichs“ zu verwirklichen. Geschickt nutzt er seine Position und baut den Handlungsspielraum der Nationalsozialisten in kürzester Zeit aus.

Die Nazis können ihre Machtbefugnisse insbesondere dadurch festigen, indem sie politische Schlüsselfunktionen besetzen: Hermann Göring, ein enger Vertrauter Hitlers, wird kommissarischer Innenminister. Als Dienstherr der preußischen Polizei spielt er beim Aufbau des nationalsozialistischen Regimes eine wichtige Rolle, denn mit der Kontrolle über Ordnungsorgane wie die Polizei, können die Nazis nun politische Gegner auf ganz legitimen Weg ausschalten.

Der Weg von der Weimarer Republik zur NS-Diktatur ist kurz: Rasend schnell vollzieht sich der politische Wandel. Auf bemerkenswerte Weise gelingt es der Ausstellung, dieses Tempo einzufangen. Sie macht die Machtstufen, die die Nazis nach und nach erklimmen, sichtbar und offenbart die immer tiefer einschneidenden Einschränkungen in soziale und politische Rechte und Freiheiten.

Zurück zu Hans Eberhard Maikowski, der Wirt des SA-Sturmlokals. Er wird in der Nacht des Fackelzugs erschossen. Die Umstände seines Todes sind bis heute nicht geklärt. Die Nazis behaupten, er sei das Opfer von Kommunisten. Sie sollen für seinen Tod büßen. Die Nazis erklären den toten Maikowski zum Märtyrer. Er bekommt ein Staatsbegräbnis, und Goebbels persönlich hält die Trauerrede. Kurze Zeit später werden 50 Kommunisten angeklagt.

Gleich an der Wand gegenüber von Maikowskis Lokal ist eine Kellertür zu sehen – ein Original aus der Papestraße 20 – Adresse für eines der berüchtigsten SA-Gefängnisse in Berlin. Die Tür symbolisiert eine neue Stufe des Terrors: Unmittelbar nach Hitlers Machtübernahme beginnen die SA-Anhänger gezielt und massiv gegen politische Gegner vorzugehen. Der selbsternannte Polizeitrupp ist Hüter seiner eigenen Ordnung und geht eigenmächtig vor allem gegen Oppositionelle vor: Gewerkschafter, Kommunisten und  Sozialdemokraten – etwa 2.000 Menschen werden illegal verhaftet und in SA-Gefängnisse verschleppt. Die Festgenommenen werden tagelang verhört, gedemütigt, gefoltert und umgebracht. (Sonderausstellung „Berlin 1933 – Der Weg in die Diktatur“ – Ort: Topographie des Terrors – vom 31.01.-09.11.2013)

Ein wesentlicher Schritt zur Festigung des NS-Herrschaftssystems ist die Gleichschaltung der Medien über den Weg der Gesetzgebung. Nachdem im Februar 1933 der Berliner Reichstag in Flammen steht, erlässt Reichspräsident von Hindenburg eine Verordnung, die faktisch die Presse- und Meinungsfreiheit außer Kraft setzt: Viele linke Zeitungen werden daraufhin verboten, liberale und konservative Blätter schalten sich in vorauseilendem Gehorsam oft selbst gleich und unterstützen Hitlers Aufstieg mit Propaganda-Artikeln auf ihren Titelseiten.

Die Gleichschaltung der Medien zerstört die Meinungsfreiheit und Pressevielfalt – wie am Beispiel der „Vossischen Zeitung“ zu erfahren ist: Am 31. März 1934  nimmt sie „Abschied vom Leser.“ In einem Leitartikel ist zu lesen, dass es sich um einen Abschied „wider Willen“ handelt. Nicht wirtschaftliche Gründe, sondern „Gesinnung“ und der „Wille einer Politik“, die jegliche Kritik und politische Auseinandersetzung versagen, sind Ursache für das Verschwinden des Blattes.

Der Rundfunk ist bereits seit 1932 verstaatlicht. Die Nazis vereinnahmen das Radio als mediales Übertragungsinstrument für ihre Propagandazwecke: Ob Parade, Rede oder Begräbnis – via Volksempfänger verschaffen sich Goebbels und Hitler Gehör und dringen mit ihren Reden in die Wohnzimmer der Deutschen vor. Bei der Erstürmung von Parteizentralen oder gewaltsamen Übergriffen auf politische Gegner sind Radio-Mikrophone allerdings nicht anwesend. Der Staatsterror soll nicht überall sichtbar werden.

Bei NS-Razzien gegen soziale Minderheiten dagegen ist die Presse sehr erwünscht: Die Schikanen und Festnahmen der Nazis finden unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Die Repressalien richten sich gegen Homosexuelle, Obdachlose und Prostituierte und häufen sich vor allem in Bezirken wie dem Scheunenviertel, wo viele Juden leben. Herbeigerufene Journalisten berichten ausführlich über das Vorgehen der Nazis. Diese Methode soll Wirkung zeigen und die Berliner Bevölkerung bewusst einschüchtern.

Auf dem Weg der Gesetzgebung schalten die Nationalsozialisten auch die Kommunalverwaltung gleich. Ein weiterer Schritt, mit dem sie ihre Macht weiter festigen können. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ bildet die Grundlage für die „politische Säuberung.“ Staatsdiener können „aus rassistischen und politischen Gründen“ entlassen werden. Mit Hilfe eines Fragebogens, auf dem auch die religiöse Zugehörigkeit beantwortet werden muss, filtern die Nazis jüdische Beamte heraus. Tausende verlieren ihren Job, während deutsche “Volksgenossen” plötzlich ungeahnte Karrieremöglichkeiten und Aufstiegschancen entdecken. Korruption und Vetternwirtschaft beeinträchtigen infolge die Verwaltungsarbeit erheblich.

Auch der städtische Dienst ist von dieser „Säuberung“ betroffen: Mehr als 2.000 Mitarbeiter der Berliner Verkehrsgesellschaft werden ersetzt.

Auf der Videoinstallation in der Ecke daneben ist der Anhalter Bahnhof zu sehen. In den 30er Jahren wird er zur Plattform für Flucht, Vertreibung und Emigration. Bereits im ersten Jahr ihrer Herrschaft erklären die Nationalsozialisten Antisemitismus zu ihrer Staatspolitik. 1933 flüchten allein 13.000 Juden ins Exil. Bis dahin ist Berlin DAS Zentrum jüdischen Lebens in Deutschland. Mehr als ein Drittel aller deutschen Juden lebt hier. Während der gesamten NS-Diktatur verlassen mehr als 30.000 jüdische Berliner Bürger die Stadt.

Für die meisten Reisenden geht es nach Prag oder Paris. Gutgekleidete Zugreisende sind auf den Aufnahmen zu sehen. Sie nehmen Abschied: Noch eine letzte Liebkosung und das kleine Kind wird schnell an seine Eltern im Zug zurückgereicht. In den Gesichtern liegen Nervosität und Anspannung: Die Fahrenden wissen nicht, ob sie jemals zurückkommen und diejenigen wiedersehen werden, die sie auf dem Bahnsteig zurücklassen.
1942 fahren vom Anhalter Bahnhof nur noch Züge mit Juden ab, die in Konzentrationslager wie Theresienstadt deportiert werden.

Gleich neben der Abschiedsszene auf dem Anhalter Bahnhof berichtet die Ausstellung vom Schicksal der Juden, die Berlin nicht verlassen können. Sie erleben in kürzester Zeit ihre radikale Entrechtung und Ausgrenzung: Nicht nur jüdische Beamte dürfen ihren Beruf nicht mehr ausüben, sondern aus Ärzte und Lehrer müssen ihre Arbeit niederlegen. Auf die Schaufenster der Läden jüdischer Händler und Verkäufer wird der Judenstern oder ein großes „J“ gemalt.

Kennzeichen wie diese machen es den Nazis in der Pogromnacht leicht, jüdische Einrichtungen auszumachen, die sie in in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Brand stecken oder zertrümmern.

Die Nationalsozialisten nutzen die Pogromnacht als Vorwand, um die „Entjudung der Wirtschaft“ voranzutreiben: Ihrer Auffassung nach haben die Zerstörungen in jener Nacht die öffentliche Ordnung erheblich gestört. Die Juden sollen deshalb mit einer „Sühneleistung“ in Höhe von einer Milliarde Reichsmark für die entstandenen Schäden haften. Viele jüdische Geschäftsinhaber werden zwangsenteignet und müssen ihre Läden und Betriebe „Ariern“ und „Volksgenossen“ überlassen.

Juden ist es ab diesem Zeitpunkt bei Strafe auch verboten, Kino, Theater und Konzerte zu besuchen. Ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Teilhabe gänzlich beraubt ist das Leben in Berlin für sie kaum noch zu ertragen.

Die Menschenverachtung der Nazis geht aber noch einen Schritt weiter: Die Ausstellung führt zu dem Thema „Euthanasie, Zwangssterilisation und Rassenhygiene” und dokumentiert, wie Ärzte in den Heimen und Kliniken in Berlin „unwertes Leben“ aussortieren: Sie „deklarieren“ Obdachlose, Alkoholiker, geistig Behinderte, Waisenkinder und Juden zum Beispiel als „Erbkranke“ und schicken sie mit ärztlicher Unterschrift ins KZ.

In diesen Themenschwerpunkt eingebunden sind die Vorbereitungen der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin. Viele hoffen, der Olympische Geist werde in Deutschland wieder für mehr Offenheit und Toleranz sorgen. Das Gegenteil ist der Fall: Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit entsteht im Schatten der neuerrichteten Sportstätten, wenige Kilometer außerhalb von Berlin, das Konzentrationslager Sachsenhausen. In keinem anderen KZ werden während der NS-Zeit so viele medizinische Experimente an Menschen vorgenommen wie dort. Einige Exponate erinnern an die grausamen Versuche. Ärzte erproben an Häftlingen unter anderem die Wirkung von Zyankali und kastrieren und sterilisieren Patienten.

Die letzte Station der Schau gehört streng genommen nicht mehr in den zeitlichen Rahmen, den sich die Sonderausstellung selbst gesteckt hat: Eine übergroße Schwarz-Weiß-Fotographie zeigt das Rote Rathaus im Jahr 1945. Es ist nur noch eine Ruine. An den Resten der Gesteinsmauern prangt: „Ihr werdet Berlin nicht wiedererkennen.“ Es ist Goebbels Versprechen, das er den Berlinern bei der Machtübernahme gegeben hat. Vom Glanz und von der Vielfalt einer Weltstadt sind nur noch Schutt und Asche geblieben – Berlin ist am Ende des Nationalsozialismus nur noch ein einziger Trümmerhaufen.

Alexandra Hartmann ist freie Fernsehjournalistin, lebt in Mainz und in Berlin

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 20.2.2013

© Stiftung Deutsches Historisches Museum

»Runter mit der roten Farbe!
– wählt: Deutschnational« 
Wahlplakat der Deutschnationalen Volkspartei
zur Stadtverordnetenwahl, Entwurf:
 Otto Sander-Herweg, 1921
© Stiftung Deutsches Historisches Museum

© Stiftung Deutsches Historisches Museum

»Wählt Kommunisten« 
Wahlplakat der KPD zur Stadtverordnetenwahl, 
Entwurf: F. Menzel, 1929/1933 © Stiftung Deutsches Historisches Museum

© Stiftung Deutsches Historisches Museum

Fackelzug durch das Brandenburger Tor 
anlässlich des 3. Jahrestags der Ernennung
 Adolf Hitlers zum Reichskanzler
 Berlin, 30. Januar 1936 © Stiftung Deutsches Historisches Museum

© Stiftung Deutsches Historisches Museum

Das in der Pogromnacht zerstörte jüdische
 Geschäft »Beleuchtungshaus des Westens,
 Wilhelm Philippi« am Kurfürstendamm 203 in Berlin, 10. November 1938 
© Stiftung Deutsches Historisches Museum

© bpk / Bayerische Staatsbibliothek / Heinrich Hoffmann

Die in der Nacht vom 9. auf den 10. November zerstörte Synagoge in der Fasanenstraße in Berlin-Charlottenburg, 10. November 1938 © bpk / Bayerische Staatsbibliothek / Heinrich Hoffmann

© Stiftung Deutsches Historisches Museum

Propagandaplakat des »Rassenpolitischen Amtes der NSDAP« zur Akzeptanzförderung von Eugenik und Euthanasie, um 1937/1938 © Stiftung Deutsches Historisches Museum