Buchkritik von Jannis Plastargias

Lütfiye Güzel »LET´S GO GÜZEL!«

Es mag daran liegen, dass sie sich selbst in die Nähe von Charles Bukowski rückt, viel wahrscheinlicher ist es allerdings, dass sie tatsächlich als „literarische Erbin“ (Thomas Becker in der WAZ) dieses großen Dichters und Schriftstellers mit der deutschen Abstammung gelten kann. Vergleichbar mit seiner Art, Dinge zu benennen, der Leichtigkeit in der Schwere, in der Melancholie. Wenn sie in ihrem Kurzgedicht „neulich“ schreibt: denke ich mir das hier aus: / ich denke über das leben / so ähnlich wie über den tod / augen zu & durch, dann fühlt man sich unweigerlich an das literarische Vorbild erinnert. Und doch, obgleich sie in ihrer Geschichte „Linienbus“ von Schubladen schreibt: Ich lebe in einer Schublade oder: Die Schublade steht manchmal offen, aber ich bleibe drin, lässt sie sich tatsächlich in keine Schublade stecken, denn sie entwischt dieser immer wieder unbemerkt. DAS ist vielleicht die größte Stärke ihrer Kurzgeschichten und Gedichte. Wenn man eine Idee hat, wie man sie einordnen kann, überrascht sie mit einer neuen Nuance. Lapidar und kurz bleibt sie stets dabei, die vielen Worte liegen ihr nicht, Ich bin 16. Ich bin 39 kann sie kurz zusammen fassen, und trotzdem liegt eine ganze Geschichte in diesen wenigen Worten.

Lütfiye Güzel legt mit ihrer zweiten Veröffentlichung, einem Kurzgeschichten- und Gedicht-Band mit einem nur auf den ersten Blick reißerischen, auf den zweiten Blick jedoch eher tiefsinnigen Titel „LET`S GO GÜZEL“, nach. Hatte sie bereits mit der „Herz-Terroristin“ im letzten Jahr berühren können, baut sie ihren Ruf als Underground-Autorin, die endlich und berechtigterweise endlich entdeckt und veröffentlicht wurde, weiter aus. Gerrit Wustmann fragt sich in seiner Rezension von diesem Werk im Poetenladen, ob man die Texte „Pop“ oder „Social Beat“ nennen kann. Ich neige zu dem schönen Begriff Social Beat, in dem Sinne, dass ich den Beat der sogenannten Beatniks heraus höre, gleichzeitig jedoch ebenso die Stimme derjenigen vernehme, die aus anderen Verhältnissen stammen, die das „Moloch“ nicht nur beobachtet haben, nicht nur besingen, sondern die es auseinander nehmen, die die Gesellschaft, die so etwas zulässt, anprangern.
In ihrem Gedicht „die jungen leute“ schreibt sie: sie sind so unfrei / die jungen leute / so abhängig / & so verloren / wie sie ihr leben / retten können / allen ampeln / allen kreisverkehren / zum trotz / wird mir / glaube ich / für immer / ein rätsel bleiben. Lässt sich klarer und poetischer, mit einfachsten Worten, die eigene Verlorenheit in dieser Welt von heute beschreiben? Ist das nicht die Stimme, auf die wir in den letzten Jahren in Deutschland gewartet haben?

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erstellt am 18.2.2013

Lütfiye Güzel
Let's Go Güzel
Gedichte
88 Seiten
Verlag: Dialog Edition (2012)

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