Am 18. Februar 2013 wurde Yoko Ono 80 Jahre alt. Die Retrospektive in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt bietet eine Gelegenheit, der hinter dem Pop-Mythos verborgenen Künstlerin näherzukommen.

Yoko Ono, Frankfurt 2013. Foto: Gaby Gerster

Yoko Ono, Frankfurt 2013. Foto: Gaby Gerster

Yoko Ono – Retrospektive

We are halves already

Das Ereignis Yoko Ono in Frankfurt

Von Isa Bickmann

In der Regel laufen Pressekonferenzen sehr unaufgeregt ab. Diesmal musste man allerdings Acht geben, nicht von einer Horde Fotografen umgerannt zu werden, die dem Star hinterherhechteten, als er sich zu einer kleinen Tanzeinlage in der Rotunde der Schirn Kunsthalle bereit erklärt hatte. Erstmals stand auch einiges an Sicherheitspersonal herum, das die Künstlerin auf Schritt und Tritt begleitend vor zu viel Nähe abschirmte. Die Ausstellungseröffnung abends war dann derart überfüllt, dass vielen draußen vor der Tür nichts anderes übrig blieb, als den per Lautsprecher übertragenen Reden zu lauschen, ohne dabei einen Blick auf Yoko Ono werfen zu können. Der Schirn Kunsthalle und ihrem Leiter ist also ein Coup gelungen in einer Zeit, in der Besucherzahlen enorm wichtig sind für die Zukunftssicherung einer Institution und ihrer Positionsfestigung im Frankfurter Museumsgefüge.

Aber kamen die Menschen wirklich allein wegen der Kunst Yoko Onos? Wohl eher nicht. Es ist in erster Linie die Beatles-Lennon-VIP-Aura dieser überraschend schmalen, kleinen Person. Sie wird vornehmlich als Protagonistin der Popgeschichte und bekannteste Witwe der Welt wahrgenommen, weniger als Künstlerin.
Nun kommt diese retrospektive Würdigung mit weiteren Stationen in Humblebaek, Krems und Bilbao unter entsprechendem Marketingwirbel. Man lässt die Schau als etwas Besonderes erscheinen, obwohl sie in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum mehrere Vorläufer hatte, wie 2005 im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich und 2008 in der Kunsthalle Bielefeld. 2009 erhielt Yoko Ono auf der Biennale von Venedig den Golden Löwen für ihr künstlerisches Lebenswerk. In Frankfurt wurden 2001 Werke in einer Galerieausstellung gezeigt, und 2005 holte sie Daniel Birnbaum in den Portikus, wo sich Städelschüler von Onos „Instructions“ zu eigenen Umsetzungen anleiten ließen. So wenig präsent ist sie hierzulande also nicht als Künstlerin, doch überlagert das eine das andere Bild, woran sie selbst natürlich nicht unschuldig ist, denn John Lennon ist auch in dieser Ausstellung per Bild und Ton allgegenwärtig.

Es sind vor allem die frühen Werke, die man gewiss als Vorläufer der Konzept- und Performancekunst bezeichnen kann. Und so hat die Kuratorin der Frankfurter Ausstellung, Ingrid Pfeiffer, zurecht den Schwerpunkt auf die innovativen Arbeiten der sechziger und frühen siebziger Jahre gelegt, auch um eine Qualität zu präsentieren, die sich nicht in allen Werken der Künstlerin zeigt.

Yoko Ono stammt aus einem sehr wohlhabenden, musisch vielseitig interessierten Elternhaus. Sie erhält „eine Erziehung nach japanischem Geist und wurde in westlichem Wissen unterrichtet“ (Kat., S. 89). Als erste Frau studiert sie eine Zeitlang Philosophie an Tokios Elite-Universität Gakushūin. Das Japanische in ihr, hörbar im immer noch mit Akzent gesprochenen Englisch, ist im OEuvre auffällig präsent. Sehr überzeugend legt das im Katalog Alexandra Munroe dar. Schon früh rebelliert Ono gegen die Traditionen, löste sich von ihrer Familie sowie später von ihrem ersten Ehemann. Sie lernt Mitte der fünfziger Jahre John Cage kennen, mit dem sie die auf den Zen-Buddhismus basierende künstlerische Haltung teilt und mit dem sie z.B. „Music Walk“ gemeinsam aufführt. Ihre erste Einzelausstellung 1961 findet in der AG Gallery (New York) statt, die von George Maciunas (1931-1978) gegründet wurde, dem bedeutenden Organisator der „Fluxus-Bewegung“ – auch das Wiesbadener Festival, dessen 50-jähriges Jubiläum 2012 gefeiert wurde, ging auf ihn zurück. Selbst wenn Ono sich dieser Gruppe nie fest anschloss, so ist ihr Werk doch in deren Kontext zu betrachten. Der Fluxus-Mitbegründer Ben Patterson (*1934) hat ihr in der Wandinstallation „Fluxus Constellation“ von 2003 einen festen Platz zugewiesen (heute in der Sammlung des Museo d’arte contemporanea Villa Croce, Genua; sie war im letzten Jahr im Rahmen seiner Soloausstellung im Nassauischen Kunstverein zu sehen). Patterson wirkte übrigens in Onos Gesäßansichten-Film mit („Bottoms“, 1966); auch dieser wird in der Frankfurter Ausstellung gezeigt. Er weist etwas von dem Humor auf, der durchweg in Onos Werk neben all der Ernsthaftigkeit gegenwärtig ist.

Yoko Onos Werk beruht vor allem auf Ideen, auf sogenannten „Instructions“, Anweisungen, die man praktisch oder gedanklich ausführen kann. Sie sind ein Appell an die Imagination des Betrachters/der Betrachterin und zeigen den Wunsch der Künstlerin, mit ihm oder ihr zu kommunizieren. Noch heute bilden die Anweisungen eine Konstante in Onos Werk. Eine der frühesten Instructions lautet:

LIGHTING PIECE
Light a match and watch till it goes out
1955 autumn

Damit ist Ono eine Vorreiterin der Konzeptkunst, viele Jahre bevor Sol LeWitt eine Theorie verfasste (1967) oder Lawrence Weiner sich 1968 den konzeptuellen „Statements“ zuwandte. Die Basis mag gewiss bei Ono die japanische Tradition des Haikus bilden, wie mehrfach in der Literatur über die Künstlerin beschrieben.

LAUGH PIECE
Keep laughing a week
1961 winter

Von Anfang an, lange bevor John Lennon in Onos Leben tritt und sie fortan zwischen Pop und Avantgarde pendelt, ist stets die Musik wesentlicher Bestandteil ihres interdisziplinären künstlerischen Ansatzes. „Mediale Hybride“ nennt Kerstin Skrobanek im Katalog (S. 123) diese Werke. Dazu zählt auch der Film „Fly“ von 1970 (s. Abb.), der in Frankfurt ebenfalls präsentiert wird und Betrachterinnen zu Gesprächen animiert, ob das auszuhalten sei: Still liegen und Fliegen den eigenen Körper zur Erkundung zur Verfügung zu stellen. Ono warf einen weiblichen Blick auf den Frauenkörper, nicht unsinnlich, aber auch nicht voyeuristisch. Bei deutlicher Fähigkeit zu empathischem Verhalten ist auch dieser Film schwer auszuhalten. Die Tonspur, ein fliegenartiges Surren, Zischen, lässt Onos Stimme hören, wie sie diese schon früh für ihre Aktionen und auch heute noch auf Konzerten einsetzt. Die Schirn hat eine Art Musikzimmer eingerichtet – und es ist zu hoffen, dass die Besucher während der Laufzeit der Ausstellung ohne Gedränge und in Ruhe die musikalische Welt Onos erkunden können.

VOICE PIECE FOR SOPRANO
            to Simone Morris
Scream.
            1. against the wind
            2. against the wall
            3. against the sky
1961 autumn

Beeindruckend ist die Performance „Cut Piece“, 1964 von der Künstlerin erstmals in Kyoto, dann in Tokio aufgeführt. Von der dritten Durchführung in New York gibt es eine Filmaufnahme, die leider in der Ausstellung nur auf kleinem Raum präsentiert wird. Yoko Ono sitzt in schicksalsergebener Haltung auf dem Boden und lässt sich von dem Publikum die Kleider vom Leib schneiden, eine auch für die Künstlerin bedrohliche Situation: Nach und nach kommen Personen mit der Schere in der Hand auf sie zu und zerschneiden ihr Kleid. Zum Schluss tritt ein Mann auf, der sehr akribisch – und Onos mit einem Augenverdrehen angedeuteten Protest übergehend – ihr Unterhemd herunterschneidet und zudem noch die Träger des BHs kappt. Ono verharrt dann dort, hält die lose Kleidung vor ihre Brüste (s. Abb). Das ist ein starkes Bild für die Demütigung von Frauen und lässt diese beim Betrachten physisch spürbar werden. Sieht man sich den Film an jenem Tag an, der zum weltweiten tanzenden Protest gegen Gewalt an Frauen ausgewählt wurde („One Billion Rising“, 14. Februar 2013), dann gewinnt dieses bald 50 Jahre alte Stück Performance höchste Aktualität und ist gleichzeitig ein Vorläufer jener Performance-Kunst einer Marina Abramović, welche mit ihrer völligen mentalen und körperlichen Auslieferung an den Aktionsvorgang bekannt wurde.

Auf die Immaterialität in Onos Werk muss man sich einlassen, aber es lohnt sich. Dass ihre Kunst so wenig kommerziell, ja geradezu entschleunigend erscheint, weil sie ephemer und poetisch-philosophisch daherkommt, wirkt, nebenbei bemerkt, geradezu erfrischend in unserer Zeit, und man denkt, dass es der Menschheit ganz gut täte, gelegentlich ein paar Handlungsanweisungen Onos auszuführen. Dann kämen wir dem „Give Peace a Chance“ ein wenig näher.

Die Interaktion mit dem Publikum ist Ono ein wichtiges Anliegen, so fordern einige Werke in der Frankfurter Ausstellung zur praktischen Handlung auf. Aber auch die, welche eine geistige Beteiligung erfordern, wie das Nachdenken über die Vieldeutigkeit der Hälfte (des Himmels, eines Paares, der Gegenstände eines Raumes) laden zur Kommunikation ein.

Das Engagement der Künstlerin soll auch nicht nach ihrem achtzigsten Geburtstag innehalten: Sie kämpft weiterhin für Frieden (imagine peace), gegen den Hunger (Why hunger) und für einen sorgsamen Umgang mit der Umwelt (Artists against fracking) und das, wie kaum eine andere ihrer Generation, auch mit den modernen Mitteln der Social Media: Sie verbreitet ihre Botschaften auf allen Kanälen, von Pinterest, Instagram bis Twitter. Man kann ihr unter @yokoono folgen.

In 10 Jahren will sie uns in Frankfurt wiedersehen.

erstellt am 18.2.2013

Yoko Ono Half-A-Wind Show. Eine Retrospektive, Foto: Norbert Miguletz

Yoko Ono
Half-A-Wind Show. Eine Retrospektive
Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2013
Foto: Norbert Miguletz

YOKO ONO
HALF- A- WIND SHOW
EINE RETROSPEKTIVE
15. Februar – 12. Mai 2013

Schirn Frankfurt

Yoko Ono. Filmstill aus Fly, 1970

Yoko Ono
Filmstill aus Fly, 1970
16 mm film transferred to digital
Color, sound, 25 min

Collection of the artist

© Yoko Ono

Yoko Ono. Cut Piece, 1965

Yoko Ono
Cut Piece, 1965
Performed by Yoko Ono

Carnegie Recital Hall, New York, 1965
Foto: Minoru Niizuma
© Courtesy LENONO PHOTO ARCHIVE

Yoko Ono. Half-A-Room, Lisson Gallery, London, 1967

Yoko Ono
Half-A-Room, Lisson Gallery, London, 1967
Foto: Anthony Cox

© Courtesy LENONO PHOTO ARCHIVE

Katalog
Katalog

Yoko Ono: The Stanford Lecture 2009 - Part 1/4: Childhood. from Yoko Ono on Vimeo.

Yoko Ono: The Stanford Lecture 2009 - Part 3/4: Five Films and Chair Piece. from Yoko Ono on Vimeo.