Fachwerkhäuser in Hann. Münden
Fachwerkhäuser in Hann. Münden

Deutschlands Dörfer schrumpfen, Deutschlands Städte wachsen. 85 Prozent der Menschen leben hier zu Lande bereits in Städten. Eine Landpartie unternahm Christiane Florin, die sich die Dörfer in Niedersachsen ansah und viel guten Willen, doch immer weniger Menschen entdeckte. Sie berichtet von leerstehenden Häusern und alten Leuten, aber auch von Menschen, die sich dagegen stemmen mit Aktionen wie „Haus sucht Bauer” oder „Denkmal! Kunst”. Ein Blick in das noch real existierende Deutsch-land.

Landflucht und Verstädterung

Deutsch-stadt statt Deutsch-land?

Von Christiane Florin

Bernd Demandt ist wahnsinnig. „Ich habe einen Knall, sonst könnte ich das nicht durchstehen“, sagt er und lässt den Blick über den Hinterhof seines Anwesens wandern. Auf dem Boden erobert Unkraut die Hoheit über ausgemusterte Bretter zurück, am Haus suchen Balken vergeblich Halt. Mehrere marode Fachwerkhäuser hat der 46-Jährige in der Innenstadt von Hann. Münden (dem früheren Hannoversch Münden) gekauft und saniert. Das brüchige Ensemble gehörte zuvor einem Investor, der nichts investierte. „Ruinen-Hyäne“ nennen die Herren vom Denkmalschutz diese Steuersparer-Spezies.

Bernd Demandt HannMünden 2.0

Demandt gibt als Berufsbezeichnung „Denkmalaktivist“ an. Der Kämpfer besetzt keine alten Häuser, er besitzt sie. Anders als in der Immobilienbranche üblich trägt er statt grauem Anzug eine schwarze Jeans und einen grau-schwarzen Strickpulli, die Haare bändigt keine Pomade. Der gebürtige Düsseldorfer kommt nicht nur ohne Gel daher, sondern auch fast ohne Geld. „Die Banken fürchten mich“, sagt er lachend. In einem seiner Häuser betreibt er ein Hotel, ein anderes, das sorgsam restaurierte „Gästehaus Tanzwerder“, vermietet er als Ferienwohnung, in einer profanisierten evangelischen Kirche hat er ein Café eröffnet. Unter der Kanzel steht die Eistheke, sanft gerundete Barhocker provozieren am Altar. Wer sich hier oder in einer der Kirchenbänke niederlässt, kann Dr. Eisenbarths Wunderelixier schlürfen. Der legendäre Mediziner liegt an der Kirchenmauer begraben.

Eine Wunderspritze könnte das ehemalige „Hyänen-Haus“ gebrauchen. Die Fassade verbuchen die Touristen noch als intaktes Fachwerk, die bröckelnde Rückseite bleibt ihnen verborgen. Zusammen mit seinem Bruder hat Demandt das Dach abgedichtet und Decken gestützt. Aus der hindernisreichen Baustelle soll das erste barrierefreie Hotel in Hann. Münden werden. Mehr als 1,5 Millionen Euro müsste er aufbringen, eine Summe, die ihm keine Bank leihen will. Bei einer Kaltmiete von 4,50 Euro pro Quadratmeter wird das Haus nie Gewinn abwerfen. Aber Demandt denkt nicht daran, ein Baudenkmal auf ein Renditeobjekt zu reduzieren. Als Archäologie-Student sanierte er sein erstes Gebäude, seitdem faszinieren ihn die Geschichten hinter den Farb- und Lehmschichten. „Ich bin ein Arbeiterkind und habe schon mehr Geld in Sanierungen gesteckt, als mein Vater in seinem Leben verdient hat“, sagt er kopfschüttelnd.

Andere reden von „Immobilien“, er will mit dem Unbeweglichen etwas bewegen, zum Beispiel mit dem „Denkmal! Kunst“-Festival. Während der Festspielzeit wohnen und arbeiten Künstler in leerstehenden Häusern. Fachwerk einmal nicht als hübsche Kulisse, sondern als Inspirationsquelle für Aktuelles – ein kühner Gedanke in einem Städtchen, das an die Nostalgie appelliert. Die Resonanz auf das Festival ist ausbaufähig, bei Gästen wie bei den Einheimischen. „Ich kann sanieren, aber in der Werbung bin ich miserabel“, gibt Bernd Demandt zu.

Wer durch Hann. Münden flaniert, konsumiert die Illusion einer bruchlosen Vergangenheit. Baukunst aus sechs Jahrhunderten vereint sich zu einem harmonischen Stadtkern. Während andernorts Nachkriegsbauten die Wunden des Bombenkrieges ahnen lassen, setzte die Fachwerkstadt bei Brandverletzungen aller Art auf architektonische Vorkriegsware. Touristen bleiben vor dem Gasthaus „Reblaus“ stehen und versuchen, den Spruch auf dem Balken zu entziffern. „Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten, und neues Leben blüht aus den Ruinen“. Staunend lesen sie das Baujahr: 1947/48.

Vor allem in den Nebenstraßen werden neue Ruinen sichtbar. Stellenweise gaukelt nicht einmal mehr die Fassade Leben vor. Fast ein Zehntel seiner knapp 25 000 Einwohner wird Hann. Münden bis 2025 verlieren, das prognostiziert eine Studie des geografischen Instituts der Universität Hamburg für den Großraum Göttingen. Die Bertelsmann-Stiftung rechnet für denselben Zeitraum mit einem Minus von nur einem Prozent für ganz Niedersachsen. Der Süden des Landes aber sei der Zeit um zehn bis 15 Jahre voraus – in einem wenig schmeichelhaften Sinne. Vor der Wende war die Grenze zur DDR nahe, nun teilt die Region mit dem Osten das Problem Landflucht.

Ein wirtschaftlicher Verlust – und ein kultureller

Das Festival „Denkmal! Kunst“ soll den Sinn für den Wert historischer Bausubtanz schärfen; auch die Interessengemeinschaft Bauernhaus betreibt Lobbyarbeit, damit das Ungenutzte nicht zum Nutzlosen erklärt wird. „Wir müssen die Häuser vermitteln – in doppelter Hinsicht“, sagt ihr Bundesvorsitzender Diet­rich Maschmeyer. „Wir müssen Käufer finden und der Bevölkerung den Wert klarmachen.“ Schon als Junge streifte Maschmeyer durch unbewohnte Fachwerkhäuser und sann darüber nach, wer in diesen Räumen wohl gegessen, gearbeitet, gestritten und geschlafen hatte. Wie den Denkmalaktivisten Demandt treibt ihn die Leidenschaft für die unterschätzten Schätze. Mit dem Nationalkomitee Denkmalschutz hat sein Verein unter dem RTL-ähnlichen Titel „Haus sucht Bauer“ Journalisten zum Rendezvous mit Scheunen und Ställen geladen. Ohne Medienarbeit könnte in Berliner, Hamburger und Münchner Redaktionstuben – weit entfernt von den demografischen Problemzonen – der Ruf „Weg mit dem alten Zeug“ naheliegen.

Ortsschild Bodenfelde

Gut 30 Kilometer nördlich von Hann. Münden, in Bodenfelde, suchen die Häuser vergeblich Bauern oder andere Gewerbetreibende. Hier hat sich die Leere ins Zentrum vorgearbeitet. Oder in das, was früher das Zentrum war. Große Fenster unterhalb des kleinteiligen Fachwerks erzählen von jenen Tagen, als die Dörfer der Stadt entgegenwachsen wollten. Als überhaupt alle an endloses Wachstum glaubten. Jetzt stellen die Geschäfte die Schrumpfung aus. Hinter blinden Scheiben liegt Geschirr, übrig geblieben von einer Haushaltsauflösung. In der Auslage schräg gegenüber versuchen großflächig bunte Gemälde den Staub zu übertrumpfen. Damit frischten Hobbykünstlerinnen in den Siebzigerjahren Wartezimmer auf. Nun fehlt die Arztpraxis. An die Schnellreinigung erinnert ein Schild, im Schaufenster präsentiert eine Schulklasse Niki-de-Saint-Phalle-Imitate. Die Rundungen der Figuren gaukeln Fülle vor, die Farben pralles Leben.

Das Shopping-Flair verduftete, der Benzingestank des autogerechten Dorfes blieb. Bodenfelde – Durchfahrtsland. Die Gemeindeverwaltung hat sich aus dem Staub gebaut, sie residiert in einem rosaroten Neubau, in der Einflugschneise von Aldi. Die Wirklichkeit lässt sich jedoch nicht rosarot tünchen, wenn in den Hamburger Diagrammen zur demografischen Entwicklung tiefrote Minusbalken wett­eifern: Adelebsen minus 8,8 Prozent, Hann. Münden minus 9,8 Prozent, Staufenberg minus 16,1 Prozent, Duderstadt minus 9,4 Prozent. Ein Plus verzeichnen die Wissenschaftler nur beim Altersdurchschnitt und beim Seniorenquotienten. Der Anteil der über Achtzigjährigen wird bis 2025 um 32 Prozent steigen, die Gruppe der 10- bis 14-Jährigen schrumpft um 42 Prozent.

Burg Adelebsen
Burg Adelebsen

Peter Graf Wolff Metternich, Herr der Burg Adelebsen, blickt bekümmert auf sein Reich, obwohl an diesem Morgen ein blauer Himmel die Burg samt der dienenden Architektur zu ihren Füßen postkartengemäß in Szene setzt. Der Turm anno 1300 signalisiert Wehrhaftigkeit, doch wehren muss sich Adelebsen zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht gegen jene, die nahen. Probleme machen diejenigen, die gehen. 6700 Einwohner hat der Flecken. Das Sägewerk Klausner wurde nach Schweden verlagert. 200 Beschäftigte müssen erst die Firma verlassen, dann den Ort. Von früher erzählt der Graf wehmütig, von Ochsen- und Pferdegespannen, vom Gewusel auf dem Hof zur Erntezeit. Er hat mit den Gräflichen Besitzungen Hardenberg eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) gegründet, damit sich die Land- und Forstwirtschaft noch lohnt. Die Arbeit auf dem Feld erledigen wenige Menschen mit großen Maschinen. Im Turm krächzt eine Dohlenkolonie, ansonsten ist es still.

„Dorf mit Zukunft“ behauptet das Selbstmarketing von Adelebsen trotzig. Im sanierten Ortskern gemahnt ein traurig dreinblickendes, auf einem Sockel errichtetes Fachwerkhaus daran, dass guter Rat teuer ist. In den ehemaligen Ratskeller will niemand einziehen, nicht einmal eine Vogelfamilie. Gerald Wucherpfennig, der Kämmerer, zählt auf, was Ratskeller­denkern von heute zum demografischen Wandel einfällt: Es gibt ein Bündnis für Familienfreundlichkeit, ein Mehrgenerationenhaus und eine Skateranlage, die im Winter in eine Eisbahn umfunktioniert werden kann. Alles werde sehr gut angenommen. Aber alles macht Adelebsen nicht jünger. „Haus sucht Akademikerpaar“, könnte ein anderer Slogan heißen. Uni-Absolventen, die nach dem Studium in Göttingen ihr Nest auf dem Dorf bauen, werden rar. Adelebsen ist auch ein Opfer der flexiblen Arbeitswelt. Ein altes Gemäuer verträgt keine Zeitverträge.

Walter Henckel glaubt dennoch ans Dorf, trotz Global Village. Der Architekt zieht noch einmal den Stehkragen unter der lindgrünen Trachtenjacke in Form, bevor er den Gästen seine Heimat Hemeln zeigt. Zu jedem Haus, jeder Scheune, jeder Figur auf den Fachwerkbalken, kann er eine Geschichte erzählen. Die Blumenkästen ohne eine einzige verwelkte Geranie, die gefegten Wege, die frisch gestrichenen Zäune raunen: „Dies ist ein behauster Ort.“ Ein stabil gebautes Festhaus signalisiert, dass diese Dorfgemeinschaft kein Zeitgeist davonweht. Die Hemelner haben nach dem Zweiten Weltkrieg allen Gefallenen aus ihrem Dorf einen Baum gepflanzt, vom Feld jedes toten Soldaten wurde Erde herbeigebracht. Heimat – eine Verbindung, die auch der Tod nicht scheidet. 150 der knapp 1000 Einwohner sind dabei, wenn am Heldenhain gedacht wird, erzählt Walter Henckel stolz, „im viel größeren Hann. Münden kommen am Volkstrauertag höchstens 20“. Die Lebenden mobilisieren noch mehr als die Helden.

Walter Henckel blickt zufrieden hinauf zu den tragenden Balken des Festhauses. „Schöne Architektur vermittelt Heimatgefühl“, sagt er bei einer Tasse Filterkaffee. Damit die Hausbesitzer keine lila Kunststofftüren oder knallblaue Fensterrahmen schön finden, berät er sie beim historisch korrekten Wohnen. „Als Rentner habe ich ja Zeit“, fügt er hinzu. Auch sein Altersgenosse Gerhard Sommer kümmert sich um die Heimat. Er vermisst penibel Verliehausen, ein Dorf bei Hann. Münden. Nur 1,87 Prozent der Verliehausener sind jünger als sechs Jahre, 16 Prozent jünger als 15, jeder Dritte ist älter als 60. „Früher sah die Bevölkerungsstruktur wie ein Tannenbaum aus, jetzt wie eine Palme“, sagt er.

Sommer weiß, wie das Leben hinter dem Fachwerk so spielte. Das eine Gehöft steht verlassen da, weil die Tochter einen anderen Bauern heiratete und auf dessen Hof zog, da drüben lebt eine 80-Jährige, die das Haus kaum in Schuss halten kann. „Was willst du denn? Ich bekomm’ doch meine Rente!“, sagt sie, wenn der Ortsrat sie auf eine Renovierung anspricht. Sommer rät nicht nur zum denkmalbewussten Geldausgeben, er investiert auch selbst. In Wahmbeck hat er aus einem verfallenen Eichenfachwerkhaus ein Café gemacht. Radler legen hier gern eine Pause ein. Die Einnahmen reichen, um die Kosten zu decken. Gewinne müssten nicht sein, sagt Sommer.

Schräg gegenüber, im Laden „Lebensmitte(l)“ wirtschaftet ein anderer Rentner gewinnzonenunabhängig. Albert Mordmüller steht in Karohemd und Strickjoppe hinter einer garantiert nicht-digitalen Registierkasse. Die Preise für Tütensuppen, Waschpulver, Taschenlampe, Kinderslips und alles andere weisen die Etiketten in DM aus. Er habe die Eurobeträge im Kopf, sagt der 84-Jährige. Seit 1934 gibt es das Geschäft, er übernahm es von seinen Eltern. Jahrzehntelang war er Wahmbecks männliche Tante Emma. Doch längst hat er nicht mehr regelmäßig geöffnet. „Mein Enkel will Bademeister werden“, antwortet er auf die Frage nach der Zukunft der „Lebensmitte(l)“. Wer klingelt, kann etwas kaufen. Aber man höre das Klingeln nicht immer, präzisiert seine Frau. Nun tröstet nicht einmal Onkel Emma darüber hinweg, dass die „Versorgungsinfrastruktur“ fehlt, wie es im Bürokratendeutsch heißt.

erstellt am 18.2.2013