Berlinale 2013
Berlinale 2013

Visionen der Realität, Realität der Visionen

Das Internationale Forum des jungen Films hält an vergessenen Ansprüchen fest

Von Thomas Rothschild

Wenn das Internationale Forum des jungen Films bei der Berlinale sein diesjähriges Programm mit der restaurierten Fassung eines vor vierzig Jahren entstandenen Films eröffnet, dann darf das als Signal verstanden werden. Die Filmkunst in jenem emphatischen Verständnis, mit dem das Forum einst – in Opposition zum Wettbewerb – gegründet wurde, ist an einem Endpunkt angelangt. Sie hat das Stadium des Musealen erreicht, und das ist nicht negativ gemeint. Sie erhält einen Anspruch aufrecht, der mehr als je im Gegensatz steht zu jenem kaufmännischen Denken, wonach alles in jeder Saison neu sein muss, um das „Alte“ zu ersetzen, also verkauft zu werden wie ein „moderner“ Mantel oder das „aktuelle“ Schuhmodell. Sie leistet Widerstand gegen die Logik eines Wettbewerbs, der sich gegen den Vorwurf verteidigen soll, dass ein Film schon in Sundance gelaufen sei – als würden die Berliner massenhaft zum Festival nach Sundance fliegen.

aus: Le cousin Jules von Dominique Benicheti

Le cousin Jules | Cousin Jules | Frankreich 1973, 91 Min |
Ohne Dialog | REGIE: Dominique Benicheti

Le cousin Jules von Dominique Benicheti, der vor zwei Jahren gestorben ist, handelt von einem alten Schmied im Burgund und von seiner Frau, die ihrerseits während der fünf Jahre dauernden Dreharbeiten gestorben ist. Das Wort „handeln“ ist eine Übertreibung. Der Film beobachtet vielmehr in langen, geduldigen Einstellungen die Protagonisten bei ihren alltäglichen Verrichtungen: bei der Arbeit, beim Kaffeetrinken, beim Kartoffelschälen. Der Film lässt sich und dem Zuschauer Zeit – und Zeit ist sein eigentliches Thema. Es ist ein bescheidenes Leben, das die beiden Alten auf dem Lande führen, aber es wird weder bejammert, noch idyllisiert. Der Film zeigt einfach ein Leben, das zwar beschwerlich war und nach dem sich heute gewiss niemand zurück sehnt, das aber menschliches Maß besaß. Man gewinnt nicht den Eindruck, dass die beiden Alten bei ihrem kargen Mahl weniger glücklich sind als die Nachgeborenen in einem Gourmetrestaurant. Der Schmied leistet, mit Marx gesprochen, unentfremdete Arbeit, und das wird durch den Film sinnlich erfahrbar. Und siehe da: es gibt keinen Mord, keine Autojagd, keine Spannungsdramaturgie und keinen Höhepunkt – aber das Publikum im voll besetzten Saal hält 90 Minuten lang den Atem an. Die Macht des Kinobildes wird hier zur Wirklichkeit. Mit Le cousin Jules hat das Forum gleich zu Beginn einen Höhepunkt gesetzt.

Das übrigens gehört zu den erfreulichsten Erfahrungen bei der Berlinale: All das Gerede über den Tod des Kinos erweist sich als Makulatur. Die Säle sind, auch bei Filmen von unbekannten Regisseuren aus exotischen Ländern, voll, und zwar keineswegs nur mit älteren Menschen, sondern mit der geschmähten Jugend. Fazit: Filmkunst findet ihr Publikum – vorausgesetzt, dass man sie beharrlich anbietet, und zwar nicht nur in wenigen Großstädten und nicht nur auf DVD. Sie muss, selbst oder gerade wenn sie historisch zu werden droht, einen Ort haben, wo sie kontinuierlich und systematisch bereit gestellt wird, in Originalfassung, in guten Kopien und weit entfernt von jedem Popcornautomaten.

Shirley - Visions of Reality

Shirley – Visions of Reality | Österreich 2013, 93 Min | REGIE:
Gustav Deutsch | DARSTELLER: Stephanie Cumming, Christoph Bach

Shirley sagt: „So near and yet so distant.“ Ein Film von Wim Wenders heißt: In weiter Ferne, so nah! Eine Anspielung? Wim Wenders ist bekanntlich ein Bewunderer Edward Hoppers. In seinen Filmen finden sich immer wieder Bilder, die an Hopper erinnern. Der Österreicher Gustav Deutsch geht einen Schritt weiter. In seinem Film Shirley – Visions of Reality stellt er Bilder von Edward Hopper exakt nach. Shirley posiert darin als eine der Figuren, oft auch als die einzige, in der für Hopper typischen Verlorenheit. In einem inneren Monolog werden den in den Bildern dargestellten Situationen, den imaginierbaren Vor- und Folgegeschichten, Gedanken zu politischen und kulturellen Ereignissen zugeordnet, die wiederum in einem Bezug stehen zu dem Jahr, in dem das jeweilige Bild entstanden ist. So ergibt sich eine ganz eigenartige Geschichte des 20. Jahrhunderts von den dreißiger bis zu den sechziger Jahren, in der Thornton Wilders Erfolgsstück Wir sind noch einmal davongekommen und das Living Theatre, Elia Kazans Denunziationen vor dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe und der Bürgerrechtsprotest einer Joan Baez, Hound Dog und Ornette Coleman, William Wylers Dead End und das großartige Regiedebüt Une aussi longue absence von Alain Resnais' Cutter Henri Colpi als Wegmarken fungieren. Colpis genialen Wurf sieht man übrigens nicht, man erkennt nur, seitlich, die Reflexion von der Leinwand und hört den Dialog und Cora Vaucaire mit dem Chanson Trois petites notes de musique. Die Magie des Kinos, unsichtbar sichtbar festgehalten in einem gemalten Bild, das wiederum zu Kino wird.

Gustav Deutschs Film vereint auf eindrucksvolle Weise Elemente des Experimentalfilms mit der Erzählstruktur eines Publikumsfilms. Mit Le cousin Jules hat er, so sehr er sich thematisch und formal unterscheidet, die Vorliebe für die lange Einstellung gemeinsam, die dem Zuschauer erlaubt, sich in ein Bild zu vertiefen. Es ist ein typischer Forum-Film. So lange solche Filme im Wettbewerb (und erst recht beim Oscar) keine Chance haben, bleibt die Kluft zwischen Film als Kunst – jenes Films also, dessen Geschichte sich dem Ende zuzuneigen scheint – und Film als Ware bestehen. Diese Kluft spiegelt sich in der Berlinale-Berichterstattung wieder. Eine geschmäcklerische, dem Inhaltismus verpflichtete „Kritik“ lässt nicht erkennen, ob sie von Filmen, Romanen oder Theaterstücken, ob sie von Bildern, Worten oder Bühnenereignissen spricht. Für die Medien außerhalb Berlins sind belanglose „Stars“, die über rote Teppiche schreiten, der Schal von Dieter Kosslick oder das Kleid von Senta Berger offenkundig wichtiger als ein Film wie Shirley – Visions of Reality. Sie haben sich längst zu Bütteln einer kunstfeindlichen Tratschkultur machen lassen. Die Avantgarde, der sie folgen, heißt BILD. Das Tragische: Einige, die diesen Trend mitmachen, sind einst gegen Springer auf die Straße gegangen. Der Film von Gustav Deutsch könnte sie an Lebensstationen erinnern, die sie längst verdrängt haben. Die Mahnung, die der Marquis von Posa Don Carlos bestellen lässt, ist bei ihnen nicht angekommen: „Sagen Sie ihm, dass er für die Träume seiner Jugend soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird“.

Träfe der als Befund oder als Forderung vielfach geäußerte Satz zu, wonach der Film Ausdruck oder gar Abbild seiner Zeit sei oder sein solle, dann müssten die deutschen Filme von unfähigen Planern und unfertigen Flughäfen handeln, die ungarischen Filme von präfaschistischen Zuständen, die Filme aus den verschuldeten Ländern der EU von Geldproblemen und Wirtschaftskrise. Dem ist aber nicht so – jedenfalls nicht in dieser Ausschließlichkeit. Die Künste reagieren mittelbarer und verschlüsselter auf die gesellschaftliche Wirklichkeit, als es jene suggerieren, die sie für andere Zwecke in den Dienst nehmen wollen. Sie haben ihre eigenen Gesetze.

Die ewige Rückkehr von Antonis Paraskevas

I aionia epistrofi tou Antoni Paraskeua | The Eternal Return of Antonis Paraskevas | Griechenland 2013, 91 Min | REGIE: Elina Psykou | DARSTELLER: Christos Stergioglou, Syllas Tzoumerkas, Theodora Tzimou

Antonis Paraskevas war ein gefeierter Fernsehmoderator. Jetzt aber scheint seine Zeit vorbei. Er versteckt sich in einem leer stehenden Luxushotel, um seine eigene Entführung vorzutäuschen und dann, als Held, wieder aufzutauchen. Doch die Rechnung geht nicht auf. Gegen Ende wühlt der heruntergekommene Star, von niemandem mehr erkannt, gehüllt in die Kleidung einer Vogelscheuche, in Abfalleimern nach Essensresten.

Oberflächlich handelt Die ewige Rückkehr von Antonis Paraskevas von Elina Psykou vom Niedergang einer skurrilen Persönlichkeit. Am ehesten erinnert der griechische Beitrag zum Internationalen Forum des jungen Films an den vor vierzig Jahren entstandenen Streifen Themrock, der Michel Piccoli zu internationalem Ruhm verhalf. An die Stelle der anarchischen Radikalität von Themrock tritt jedoch Resignation. Auf einer zweiten Ebene kann man den Film als Parabel verstehen. Mit dem Absturz seines Helden wäre die jüngste Geschichte des Landes gemeint. Darauf deutet eine kurze Szene hin, in der die Sylvester-Fernsehsendung zu sehen ist, die die Einführung des Euro bejubelt.

Yesterday never Ends

Ayer no termina nunca | Gestern endet nie | Panorama 2013 | REGIE: Isabel Coixet | DARSTELLER: Javier Cámara, Candela Peña

Noch indirekter reflektiert der spanische Panorama-Beitrag Gestern endet nie von Isabel Coixet die aktuelle Wirtschaftskrise. Er spielt im Jahr 2017. Ein Paar, das sich fünf Jahre zuvor, also in unserer Gegenwart, getrennt hat, trifft sich in einer desolaten Umgebung bei Barcelona und spricht endlos, allzu endlos über die Ursachen der Trennung, den Verbleib der Frau in Spanien, die Auswanderung des Mannes nach Deutschland. Das „verlorene Land“, für das die „zwei traumatisierten Menschen“ stehen sollen, findet sich so nachdrücklich nur im Katalog.

Die Annahme, die Künste würden die Wirklichkeit eins zu eins widerspiegeln, verkennt deren Wesen. 1929, im Jahr der Weltwirtschaftskrise, liefen unter anderem folgende Filme an: Frau im Mond von Fritz Lang, Die weiße Hölle vom Piz Palü von G.W. Pabst oder Asphalt von Joe May. Aus den USA kamen die Musicals The Broadway Melody und Gold Diggers of Broadway. Und wer da meint, die oft anzutreffende Melancholie in Filmen unserer unmittelbaren Gegenwart müsse sich der wirtschaftlichen Lage in ihren Entstehungsländern verdanken, greift zu kurz. Die Melancholie der frühen Filme von Antonioni oder von Tarkovskij bedurfte keiner Finanzkrise.

Mit den Mitteln des Spielfilms lassen sich die Auswirkungen der Wirtschaftskrise – Arbeitslosigkeit, Armut, Statusverlust – zeigen, nicht aber die abstrakten Mechanismen der Krise. Aber auch die Dokumentarfilme aus den „Euro-Problemländern“ sind mehr an Typen als an Strukturen interessiert, mehr an fotografierbarer Beobachtung als an darzustellender Analyse. Eine griechische oder spanische Entsprechung zu den wirtschaftskritischen Filmen Harun Farockis oder auch Alexander Kluges war auf der Berlinale jedenfalls nicht zu entdecken.

Der halbdokumentarische spanische Film Die Plage von Neus Ballús bietet ein Panoptikum unglücklicher Menschen an – den aus Moldawien eingewanderten Jurij, der sich seinen Lebensunterhalt in der Landwirtschaft verdient, die nicht mehr ganz junge Maribel, die an einem entlegenen Feldweg vergeblich auf Freier wartet, einen Bauern, dessen Pflanzen von der weißen Fliege befallen sind, die alte Maria, die sich im Altersheim nicht unter die Dusche zwingen lassen will, und deren philippinische Pflegerin. Es ist ein Elend. Aber mit der aktuellen Wirtschaftskrise hat das nichts zu tun. Missernten gibt es auch anderswo und zu anderen Zeiten, und das Leben im Altersheim ist auch sonst meist nicht lustig.

Die Plage bleibt ebenso unspezifisch wie An den Wolf von Christina Koutsospyrou und Aran Hughes. Die „Idiotie des Landlebens“, die dieser griechische Film, wenngleich einfühlsam, vorführt, ist nicht an die Situation gebunden. Daran ändert der etwas überraschende symbolische Schluss nichts: Irgendwer böllert in der Gegend herum. Man hört die erschreckten Tiere. Es könnten auch Kinder sein.

Das Gegenstück zu derlei Filmen, die eher ein allgemeines Lebensgefühl als eine ökonomische Realität abhandeln, ist der russische Wettbewerbsbeitrag Ein langes glückliches Leben von Boris Khlebnikov. Er präsentiert sehr genau die Schwierigkeiten beim Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft. Über die künstlerische Qualität freilich sagt diese Unterscheidung nichts aus. Von der Wirtschaftskrise – im Jahr 1931 – ist auch in Shirley – Visions of Reality die Rede. Sie kommt hier nur am Rande vor. Der Film hat freilich einen unschätzbaren Vorzug: Er ist ein echtes Kunstwerk. Filmkunst folgt eben anderen Kriterien als der Journalismus.

Mehr als in den Stoffen wirkt sich die Finanzkrise in der Entstehung von Filmen aus. In Ungarn fand seit 1965 alljährlich kurz vor der Berlinale die Präsentation der nationalen Jahresproduktion statt. In diesem Jahr wurde die Filmschau abgesagt, weil es nach Aussage der ungarischen Regisseure mangels Filmförderung nichts zu zeigen gebe.

Welche Wirklichkeit soll der Film abbilden, wenn es keinen Film mehr gibt? Die Krise ist kein Filmstoff. Sie ist die Wirklichkeit.

Mit einer restaurierten Kopie wurde das Internationale Forum des jungen Films eröffnet, mit einer restaurierten Kopie wurden die Berlinale Specials beendet. Der Film hatte gerade seine Volljährigkeit erreicht, er war gerade 18 Jahre alt, als Hanns Heinz Ewers mit Der Student von Prag dem deutschen Film zu internationalem Ansehen verhalf. Es gibt noch keine Kamerafahrten, auch die Schwenks fallen noch sehr reduziert aus. Die Story, eine Variante von Chamissos Peter Schlemihl und von Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray, wirkt aus heutiger Sicht simpel. Und um einen Schauspieler doppelt im Bild zu zeigen, musste das Objektiv bei der Aufnahme zur Hälfte abgedeckt werden. Man kam ohne Computer aus. Und doch „funktioniert“ dieser Film heute noch. Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wo dieser hundert Jahre alte Film mit der Orchesterfassung der wiederentdeckten Originalmusik vorgeführt wurde, war bis zum letzten Platz besetzt. Mit jungen Menschen.

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erstellt am 17.2.2013

»All das Gerede über den Tod des Kinos erweist sich als Makulatur.«

»Aber auch die Dokumentarfilme aus den »Euro-Problemländern« sind mehr an Typen als an Strukturen interessiert, mehr an fotografierbarer Beobachtung als an darzustellender Analyse. Eine griechische oder spanische Entsprechung zu den wirtschaftskritischen Filmen Harun Farockis oder auch Alexander Kluges war auf der Berlinale jedenfalls nicht zu entdecken.«

»Mehr als in den Stoffen wirkt sich die Finanzkrise in der Entstehung von Filmen aus. In Ungarn fand seit 1965 alljährlich kurz vor der Berlinale die Präsentation der nationalen Jahresproduktion statt. In diesem Jahr wurde die Filmschau abgesagt, weil es nach Aussage der ungarischen Regisseure mangels Filmförderung nichts zu zeigen gebe.«