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Wir waren nicht immer so empfindlich, wie wir jetzt gegenüber Gedenkorten und Mahnmalen sind, die die Erinnerung an die Opfer der Verbrechen des Faschismus wachhalten sollen. Diese Empfindlichkeit aber lässt sich nicht schuldhaft einfrieden. Sie schärft auch den Blick auf den Umgang anderer Nationen mit dem unangenehmen Erbe. Der Zeithistoriker Johannes Winter hat Chatyn in Weißrussland (Belarus) besucht und die Unterschiede des Gedenkens wahrgenommen.

Ortstermin – Belarus

Eine Landschaft von Massengräbern

Mitten in den Wäldern nördlich von Minsk, der Hauptstadt von Belarus, liegt Chatyn. Kein Dorf, sondern das Symbol eines Dorfes. Es ist das Buchenwald von Belarus, die zentrale Gedenkstätte von Weißrussland. Während wir durch den Memorial-Park wandern, um das Ensemble von Denkmälern zu erkunden, erzählt Tatjana Paschkur die Geschichte des Untergangs von Chatyn. Im waldreichen Weißrussland führten Sonderkommandos der Waffen-SS, unterstützt von einheimischer Hilfspolizei, unter der Bezeichnung „Bandenkrieg“ einen mörderischen Vernichtungsfeldzug gegen die Partisanen. Bei einem Gefecht im März 1943 tötete die Guerilla den Anführer eines solchen Kommandos, Hans Woellke, Polizeihauptmann und Olympiasieger. 1936, weiß Tatjana, habe Woellke in Berlin die Goldmedaille im Kugelstoßen gewonnen. Das Sonderkommando nahm seinen Tod zum Anlass für einen Rachefeldzug. Im Rahmen einer sog. Vergeltungsaktion zerstörte es das Dorf Chatyn, das den Deutschen als „bandenfreundlich“ galt. Einhundertsechsundfünfzig Menschen, darunter fünfundsiebzig Kinder, wurden in eine Scheune getrieben und bei lebendigem Leib verbrannt. Ihr Dach symbolisiert ein schwarzer Deckel aus Granit, der auf dem Rasen des Parks ruht.

Das Dach ist Teil der Topographie eines Dorfes. Aber in welchen Dimensionen! Wir stehen vor der riesigen Bronzefigur eines Mannes, der sein totes Kind in den Armen hält. Josef Kaminski, der Dorfschmied und einzige Überlebende, ist die Verkörperung von Leiden und von Unbeugsamkeit. In ihm verdichtet sich der Mythos von Belarus, wie er jedem Schulkind nahe gebracht wird. Wir treten vor die stilisierten Grundmauern eines Hauses, aus denen eine Stele ragt, gleichsam der Kamin, sie trägt eine Glocke, die alle halbe Minute schlägt, zur Wachsamkeit ruft, darunter ein Schild mit den Namen der Bewohner – Chatyn, das waren 26 Häuser und sind jetzt 26 Glocken. Verstreut im Gedenk-Gelände die Nachbildungen der vier Dorfbrunnen. Im Hintergrund eine graue Betonmauer mit zahllosen Nischen, jede mit einem Hinweis versehen auf einen Ort der Vernichtung in Weißrussland. Opferzahlen, welche Unfassbarkeit hinterlassen. Gegenüber der Mauer drei Birken, die aus einer Marmorplatte wachsen. Dahinter der „Friedhof der Dörfer“ aus Granitquadern, ein jeder bestückt mit einer Urne für Aschereste aus 186 vernichteten Dörfern. Eine Schulklasse lauscht aufmerksam der Führerin. Neben einer ewigen Flamme metallene Baumgebilde, gefügt aus den Namen hunderter wiederaufgebauter Dörfer, für den Ort Barki ein frisches Blumengesteck. Dass die Mehrheit der Bewohner dieses wie auch anderer Dörfer jüdisch war, bleibt ungesagt. Tatjana Paschkur fügt die Zahl der Opfer in Belarus an: 2,5 Millionen. Jeder vierte Einwohner von Belarus sei im Krieg, der früher der „Große Vaterländische“ hieß, ums Leben gekommen. Auch ihr Großvater. Chatyn soll die Erinnerung daran festhalten. In der Schule hat sie gelernt: der nächste Krieg beginnt, wenn der vorige vergessen ist.

Leonid Lewin ist einer der Architekten, die das Mahnmal von Chatyn Ende der sechziger Jahre entworfen haben. Er habe versucht, sagt er, sich vom Stil der Breschnew-Ära möglichst wenig beeinflussen zu lassen, ist sich jedoch nicht sicher, ob dies immer gelungen sei. Der Tatort, jetzt eine große Lichtung, ist als Erinnerungslandschaft von grandioser Einfachheit gestaltet. Gerade deshalb kann sie den wachsenden Zeitraum zwischen Geschehen und Gegenwart aushalten. „Kunst ist stärker als Politik“, hat Lewin einmal hoffnungsvoll gesagt. In seinem Heimatland gilt der Vorsitzende der jüdischen Gemeinden von Belarus als Architekt der Erinnerung.

Über zwanzig große Denkmäler hat er in der ehemaligen Sowjetunion entworfen, darunter auch Mahnmale, die an den „heroischen Kampf gegen die faschistischen Besatzer“ erinnern. Chatyn ist sein berühmtestes. Indessen, der Ortsname hat eine doppelte Bedeutung, einen Nebensinn. Er birgt eine Verwechslung in sich. Das weiß auch Lewin. Heute gilt als sicher, dass dies gewollt war. Von Seiten Moskaus. Der Name soll von einem anderen Verbrechen ablenken, es verdecken. Denn im fast namensgleichen Katyn im Wald bei Smolensk ließ Stalin im Frühjahr 1940 ein Massaker an 4.500 polnischen Offizieren verüben, noch bevor die Wehrmacht die Sowjetunion überfiel und ihren Vernichtungskrieg begann. Der Ort Katyn, heute auf russischem Territorium, gilt inzwischen als Inbegriff stalinistischen Terrors. Ein erstes Eingeständnis der Schuld sprach einst Präsident Gorbatschow aus.

Von Katyn lässt sich eine Linie nach Kuropaty ziehen, auch dies ein Ort des Schreckens. Wenigstens sechs Spuren hat die Ringautobahn von Minsk, und wo sie gebaut wurde, wächst kein Gras mehr. Die Bulldozer haben ganze Arbeit geleistet. Aber es gibt eine Stelle, an der die Maschinen von Menschen gestoppt wurden. Auslöser war ein Zeitungsbericht, der ihren Protest wachrief und ihn im Wald von Kuropaty heimisch machte. 1988 war das, als ein Archäologe herausfand, dass hier mindestens 50.000 Tote in Massengräbern verscharrt sind, erschossen vom sowjetischen Geheimdienst NKWD in den Jahren 1937 und 1938. Ermordet wurden große Teile der weißrussischen Intelligenz, die Opfer galten als „Volksfeinde“, „Verschwörer“ oder „Nationalisten“, sie wurden von Nachbarn denunziert, pro Kopf gab es 15 Rubel. Es war die Epoche des Großen Terrors, ein Totentanz der Spezialisten des Genickschusses.

Tatjana Paschkur will mir den Ort zeigen, der vom Regime des Alexander Lukaschenko zwar geduldet, aber nicht offiziell anerkannt ist. Kein Hinweis irgendwo, vom Parkplatz an der Autobahn führt ein holperiger Weg hinab in den Wald. In einen Wald ohne Gräber, aber voller Kreuze, ein Wald, durch den sich eine Allee von Kreuzen zieht, rohe Balken, ab und zu ein Namensschild, ein verdorrter Blumenstrauß. Verzweifeltes Bemühen, das der Namenlosigkeit der Massengräber die Gewissheit des Verbrechens und des Ortes abzutrotzen sucht. Irgendwo dazwischen ein jüdischer Grabstein, halb zerstört, notdürftig instandgesetzt. Einige Meter weiter ein Mahnmal, das der amerikanische Präsident Clinton spendete, als er 1994 zu Besuch in Minsk weilte. Es hat die Form einer Ruhebank, die zertrümmert wurde und erkennbar ausgebessert ist. Akte von Vandalismus, sagt Tatjana. Und Indizien für das mühsame Ringen mit den Dämonen des Stalinismus, für einen Krieg der Erinnerung. Es ist der miserable Zustand der Erinnerungsstätte, der den Eindruck bestätigt: Kuropaty ist kein zweites Chatyn. Ihm fehlt dessen Feier der Eindeutigkeit. Hier geht es um Opfer, die die eigenen Leute, nicht die Invasoren zu verantworten haben. Kuropaty ist – wie Katyn – ein Synonym für den stalinistischen Terror. Die Kreuze verweisen auf Dissidenz. Menschen setzen sich zur Wehr, die darauf bestehen, ihre Lieben zu betrauern, sie dem Vergessen zu entreißen. Zwischen den Bäumen wandern wir, und ich erkenne den mühsamen Versuch, mit der offiziellen Gedenkkultur der historischen wie der aktuellen Diktatur zu brechen. Ob dieser Kampf zur Erosion des sowjetischen Bewusstseins beiträgt oder ob er zu einem Teil der nationalen Leidensgeschichte wird, bleibt unklar. Letzteres scheint jedenfalls für Tschernobyl zu gelten, die Atomkatastrophe von 1986, als es in dem Reaktor, der nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt in der benachbarten Ukraine steht, zu einem GAU kam. Ein Fünftel des weißrussischen Staatsgebiets wurde verseucht. 70 Prozent des gesamten Fallouts gingen auf Belarus nieder. Nicht nur die bitteren Evakuierungen aus dem Katastrophengebiet, sondern auch die als heroisch gefeierten Einsätze der sog. Liquidatoren, wie die Rettungsmannschaften genannt wurden, erinnerten viele Weißrussen an die Zeiten des Krieges. Die Bewältigung der Atomkatastrophe stellte gleichsam vertraute Bilder bereit.

Von Kuropaty lässt sich eine Linie nach Trostenez ziehen. Ein mächtiger Hügel ragt aus der flachen Landschaft vor den Toren von Minsk. Das sei ein Müllberg, sagt Tatjana. Die Deponie bedeckt das größte deutsche Vernichtungslager auf sowjetischem Boden: 200.000 Tote, die meisten waren Juden. Aber auch politische Gefangene und Partisanen wurden hier erschossen. Die Toten-Zahlen in Belarus haben etwas Unfassbares. Jenseits der Landstraße ragt eine Trabantenstadt in den Himmel, aus der Ära Breschnew, neun Stockwerke waren damals Mode. Wir stehen vor einem Gedenkstein, dessen Inschrift von „Sowjetbürgern“ spricht und von „Nazifaschisten“. Von jüdischen Opfern ist nicht die Rede. Hinter einem Wäldchen ein zweites Mahnmal, das von den Resten diverser Trinkgelage gesäumt ist. Hier habe eine Scheune gestanden, in der 6.500 Menschen verbrannt wurden, sagt Tatjana, am Tag vor der Befreiung durch die Rote Armee. Nicht weit davon liegt ein Weiher, in dem die Mordkommandos der SS ihre Gaswagen reinigten, nachdem sie die Toten aus dem Minsker Ghetto in die Gruben hinter dem Lager gekippt hatten. In diesem Weiher habe sich eine Frau versteckt, zwei Wochen lang. Bis sie von Bauern gerettet wurde. Wird erzählt.

Wir gehen einen Feldweg entlang zwischen Bäumen, damals die „Eduard-Strauch-Allee“, sagt Tatjana, benannt nach dem SS-Chef von Minsk. Die Straße habe Trostenez mit dem Vernichtungsplatz Blagowschtschina verbunden. Nach dem Krieg lange Jahre militärisches Sperrgebiet, heute eine Lichtung im Wald, in der die Natur die Vergangenheit, das historische Geschehen ignoriert. Nebenan lag ein Fußballplatz, dort ließ der Kommandant Häftlinge aus dem Lager gegen Neuankömmlinge aus den Deportationszügen antreten, zum perversen Vergnügen der Wachmannschaften. Wer verlor, wurde sofort erschossen. Von den Gleisen, auf denen Juden aus ganz Europa hierher transportiert wurden, ist nichts mehr zu sehen. Eine Ödnis liegt über der Landschaft, die sprachlos macht. Doch gerade darin besteht wohl ihre Botschaft. Während Chatyn eingemeindet ist ins kollektive Gedächtnis, würdevoll in die Landschaft gesetzt und gepflegt, ist Trostenez vernachlässigt, sich selbst überlassen, unter Müll begraben. Die Differenz gibt Antworten, man kann darin lesen, man kann die traditionelle Spaltung der Erinnerung erkennen, die darin verharrt, den „heroischen Kampf gegen den Faschismus“ zu feiern. Das geschundene Belarus, das erst seit 1991 unabhängig ist, tut sich schwer, auch den Holocaust, auch den Gulag wahrzunehmen, sich deren Historie zu öffnen.

Mitten in Minsk findet sich das letzte Gebäude des ehemaligen Ghettos, in das die Juden der Stadt, aus dem Reich und aus ganz Europa vor ihrer Vernichtung gepfercht wurden. Darin haben Einheimische gemeinsam mit dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund eine Geschichtswerkstatt eingerichtet. Am Ende meiner Rundreise durch die Erinnerungslandschaft von Belarus lese ich hier aus meinem Buch „Die verlorene Liebe der Ilse Stein“. Es ist die Geschichte einer Jüdin aus einem Dorf bei Frankfurt, die mit ihrer Familie ins Ghetto von Minsk deportiert wurde. Und überlebte. Mit Hilfe des Wehrmacht-Hauptmanns Willi Schulz und unterstützt vom jüdischen Widerstand gelang ihr die Flucht in die Wälder, zu den Partisanen. Während die Übersetzerin vorträgt, fällt mich die Erinnerung an meine Eltern an. Gleichsam ein Lore-Roman vor Apokalypse. 1942, inmitten des Krieges, erlebten sie in Weißrussland ihren Honeymoon: Arzt verliebt sich in Krankenschwester. Was machten sie hier? In der Uniform des Führers pflegten sie Verwundete der Wehrmacht, die für den größten Friedhof der Weltgeschichte verantwortlich ist. Von Killing Fields sprechen Historiker heute und meinen Weißrussland.

Nach der Lesung kommt es zu bewegenden Gesprächen mit Überlebenden, die Ilse Stein gekannt haben. Leonid Lewin, der Architekt von Chatyn, ist anwesend. Von ihm stammt auch die Skulpturengruppe am Steilhang der „jama“, der Grube im ehemaligen Ghetto, ein Mordort, der heute von Wohnblocks umgeben ist: Menschen, zu ihrer Erschießung stolpernd. Es ist der Ort eines Massakers. An einem einzigen Tag wurden hier 5.000 Menschen erschossen. Daran erinnert die Gedenkstätte. Das Mahnmal, sagt Lewin, sei das einzige in der Sowjetunion bzw. ihren Nachfolgestaaten, das eine hebräische Inschrift trägt.

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erstellt am 15.2.2013

Mahnmale für die im Zweiten Weltkrieg ausgelöschten weißrussischen Dörfer in Chatyn, Belarus

Staatliche Gedenkstätte Chatyn
Staatliche Gedenkstätte Chatyn
Mahnmal in Chatyn
Mahnmal in Chatyn
Mahnmal in Chatyn
Mahnmal in Chatyn