Bisher ist sein Werk nicht sehr umfangreich. Und es wächst auch nicht wie Unkraut. Der Lyriker Harry Oberländer schreibt nicht die Nächte durch, um dann 100 Gedichte auszuwerfen, sondern formt und verändert seine Verse permanent. Und oft ist der erste Einfall dazu im Ergebnis schließlich vergessen. Die Zeit, die die Sorgfalt braucht, gibt er ihr. Die Arbeit am Text kennt keinen Abgabetermin. Nach vielen Mühen um das Wort/ hab ich das Einfache beschrieben./ Wie jeder Baum an seinem Ort/ bin ich bei mir geblieben. So beginnt sein Gedicht „Lied vor der Tür“, das seinen Band „Garten Eden, Achterbahn“ eröffnet. Er erzählt von Landschaften und sieht ins sternenschwarze All. Er spricht mit Orpheus, Lanzelot und Baudelaire, vom einsilbigen Wald und von Sarajewo, Herbst 1994. Er porträtiert Cesky Krumlov mit einer Versmonographie, benennt immer wieder die deutsche verheerte Vergangenheit und die schwindende Menschlichkeit der Gegenwart. Aber hin und wieder begegnet er dann doch seinen Engeln. Mein schwarzer Engel fragt,/was hast Du getan auf der Erde/ und ich kann antworten: Bis heute/ suche ich ein Wort unter Wörtern,/ eine Landschaft hinter dem Bild. (Eine Art Nachtgebet)

Die Gedichte, die er hier liest, geben eine Ahnung von der Seele Sediment.

Harry Oberländer
Harry Oberländer
Text und Audio

Harry Oberländer

Monade

für Maria

Als ob Sprache der Schlüssel sein könnte,
mit dem du, Nomade im Raum des Atmens,
den Himmel dir aufschließest; jenseits der Erde
und der immerwährenden Hölle. Der Himmel
empört sich blau. Hölle braucht Jenseits nicht.
Jeder Partikel Materie hat eine Innenseite. Monade
ist fensterlos. Vor Augen die Amaryllis in Blüten.
Rote Vulven, sie locken mit glatter Haut, mit
gierigen Zungen. Im April ist es Sommer geworden.
Es kriecht kein Toter mehr aus den Grab, Eliot.
Heiß ist es und trocken. Die Atmosphäre erwärmt sich.

Wintergedicht

mit reisenden Engeln

… hinaus in die Kälte und Licht fällt
über die Höhen im Mittag. Die Glocke
läutet dem hellen Dezember, die Kirche
evangelisch und verschlossen. Über das
Grabfeld am Kreuz reisen durch Irisblau
Engel mit zierlichen Koffern von Auftritt
zu Auftritt, Gebet ihr Gelächter. Draußen
brennt der seraphische Kuß seine Lippen
ins Nachteis, es ruhen Weinstock und Reben.
Unter dem Bogen im Feld blüht einzig die
standhafte Rose. Rot ist so rot ist die Rose.

Winkel

Und so verläuft, mein Herz, der Fluß:
Verbiegt sich hinter Mainz.
Ob ich nicht wüßte, was mich treibt.
Strom ist, der den Gebirgen trotzt.
Sich endlich Bahn bricht. Tal und Katarakt.
Das Bett ein Grab am Grund der Finsternis,
Charakter, aller Seelen Sediment.
Auf Urgesteinsschicht fließt in haaresbreitem Riß.

Komm, laß uns gehn, die Abendkühle
verschafft dem Atem Raum. Des Ganzen nicht,
des Falschen nicht gedacht. Bin arm ein Kind,
geh gerne aus bei Nacht. Find keines Wegs ein Ziel.
Treib dergestalt derleib zu finsterfahlen Schleusen,
daß kein Gestirn erbarm …

Hinunter in den nassen Wald der Reusen.
Hinab zum Fluß, du sagst, es sei der Rhein.
Wenn das so ist, dann geh, geh nur hinein.

Das Messer, es ist kalt, es spiegelt blau
den reduzierten Mond. Es trifft genau.
Du wirst ein schönes Untergehen finden.
Am Ufer, Karoline, lügen Linden.

Egon Schiele, die kleine Stadt III

neunzehnhundert&dreizehn

nachts ist die Moldau schwarz

in stummen Straßen leere stunden
die Stadt, die Narben, Winkel, Wunden.
laut leben in den Tag die armen Leute
der Dieb, der Tod, holt sich die Beute

lackiertes Wasser glatt wie Harz

Egon Schiele: liegende Frau

neunzehnhundert&siebzehn

der Ast war schwarz das Licht war blühend
der Mond war gestern rot von Rost umraucht

die Scham am Abend lag entblößt und glühend
trug er der Leinwand auf ein dunkles feuchtes Blau

danach im Märzschneemorgen leuchten alle Hügel
die violetten Schatten wandern westwärts, schau

im Feldgesträuch wächst schon ein blasses Himbeerrot
die Leiber aber werden bald verglühen in Fiebernot

Anmerkung zur Poetik

Es ist ein sonniger Tag im Dezember.
Hügel, verschlafenes Fachwerk,
verträumter Winter, Vulkangebirge.

Im Wirtshaussaal predigt der Pfarrer
von Gnade. Kein Werk, kein Gedicht,
nichts bleibe, wenn das Fleisch
zurückkehre ins Wort.

Mit der Asche des toten Poeten
ziehen wir still durch das Dorf,
bergauf zum Friedhof. Der hinter-

bliebene Himmel, so kalt, so klar,
hellt auf, augenblicklang leuchten
die weißen Kondensstreifen.

Gedichte: © Harry Oberländer

erstellt am 15.2.2013

Harry Oberländer liest:

AUDIOS © Bernd Leukert, Redaktion Faust