Die Oper „Der Spieler“ (Igrok) von Sergej S. Prokofjew nach dem gleichnamigen Roman von Fjodor M. Dostojewski, Libretto Sergej S. Prokofjew an der Oper Frankfurt.

 Foto: Monika Rittershaus
Frank van Aken (Alexej; in der Mitte kniend) und das Ensemble, Foto: Monika Rittershaus
Operntipp

Casino fatal!

Von Barbara Röder

Regisseur Harry Kupfer hat zum Geniestreich ausgeholt und mit seinem Bühnenmagier Hans Schavernoch Prokofjews „Spieler“ auf die Frankfurter Opernbühne gezaubert.

Dirigent Sebastian Weigle verleiht der rasanten Musik Prokofjews jene russische Nonchalance, die den brillanten Text Dostojewskis zum Brodeln bringt. Es klackert und klappert. Die Kugel rollt auf dem Rouletttisch, und alle hüpfen glücksspielwahnsinnig hin und her. Es wird geliebt, gelebt und gezockt mit Schwindel erregender Leidenschaft und Gier.

Auf den zwei großen Drehbühnen der Oper Frankfurt geht es dynamisch zu, eine extra Drehscheibe, die mal kunterbunte Roulettscheibe, mal weißer Zauberring ist, packt Bühnenmeister Hans Schavernoch noch oben drauf. Im Saal eines Luxus-Sanatoriums stehen vor einer milchigen Plexiglaswand weiße Clubsessel, die zum kurzen Smalltalk einladen sollen. Hier wird besiegelt, wer gegen wen spielt im Leben sowie am Rouletttisch. Über allem Geschehen prangen mächtige Las-Vegas-Leuchtreklamen oder Videos einsamer Hotelfluchten. Hinter der Milchglaswand lauern geduldig Irrenärzte, Wärter halten Zwangsjacken bereit.

Foto: Monika Rittershaus
Clive Bayley (General a.D.) und Statisterie der Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus

In dieses Szenarium platziert Harry Kupfer seine Sicht des „Spielers“ von Dostojewski. Er, der seinen Roman in nur 26 Tagen schreiben musste, da er Spielschulden begleichen wollte, musste, vom Spielrausch befallen, immer weiterspielen. Dostojewski sei ein Neurotiker, resümierte sein Landsmann Nabokov treffend. Dostojewski sei einer, der „seit frühster Kindheit unter der geheimnisvollen Krankheit der Fallsucht litt. Ein Epileptiker, dessen Zustand sich verschlimmerte mit dem Unglück, das er erlitt.“ Auf seiner Reise durch die Spielhöllen Europas wurde Dostojewski von einer „infernalischen“ Frau, das Vorbild für die Paulina im „Spieler“ (herrlich überzeichnet von Barbara Zechmeister) begleitet. In der Figur des Hauslehrers Alexej (kantig tenoral artikuliert von Frank van Aken) spiegelt sich das „alter Ego“ Dostojewskis wider.

Jene Dostojewski-Studie mag Regisseur Harry Kupfer inspiriert haben, denn er ersinnt mit Eleganz und temporeichen Beziehungsstrategien jene spielsüchtige, untergangsverliebte Gesellschaft, die im Fieberwahn zu handeln scheint. Kupfer borgt sich den heißen Atem der „Wilden zwanziger Jahre“ und macht ihn zur Triebfeder seines gesellschaftlichen Szenarios. So transferiert er seinen „Spieler“ in die Zeit der Uraufführung, die 1929 in Brüssel stattfand. Der Zeitgeist der Weltwirtschaftskrise ist immer spürbar

Kupfers Figuren scheinen dem Film „Cabaret“ entstiegen oder kommen aus Ingmar Bergmanns Film „Das Schlangenei“, der im Berlin der Zwanziger spielt. Sie könnten auch direkt aus einem Gemälde von George Grosz geschlüpft sein. Alle Figuren wirken künstlich, halb irr, halb hysterisch, total verloren im Spiel ums Geld. Und Nabokov bemerkte spöttisch mit einem Augenzwinkern, dass „fast ausschließlich alle Gestalten Dostojewskis aus einer Ansammlung von Neurotikern und Irren bestehen“. Auf der Frankfurter Bühne findet sie zusammen, ausgestattet mit Aktionismus und famoser Sangeslust, ein Traumensemble!

„Money makes the world go round!“

In all dem Chaos ums Gewinnen und Verlieren könnte nur eine, so scheint es, die Menge vor dem Ruin retten: die reiche Erbtante Babuschka. Im Rollstuhl wird sie auf die Scheibe geschoben und erliegt dann jedoch ebenso dem Prickeln ums Gewinnen. Einer verliert sprichwörtlich bis aufs Hemd: alles. Dem General (Clive Bayley) bleibt nur die nackte Haut! Parallel ertönt das übersprühende Parlando, die Klicker- und Klackertöne, das süffig schnelle Auf und Ab im Orchester. Sebastian Weigle lässt es sich nicht nehmen, sie genüsslich hinzufetzten, die springenden Roulettkugelklänge.

Prokofjews „Der Spieler“ entpuppt sich als opulent klingendes Meisterwerk. Ein Solitär der russischen Opernliteratur, der lange funkelnd nachhallt.

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erstellt am 15.2.2013

Frank van Aken (Alexej), Foto: Monika Rittershaus
Frank van Aken (Alexej), Foto: Monika Rittershaus
Foto: Monika Rittershaus
Anja Silja (Großmutter; sitzend), Barbara Zechmeister (Polina) und Dietrich Volle (Potapitsch), Foto: Monika Rittershaus
Foto: Monika Rittershaus
Barbara Zechmeister (Polina) und Frank van Aken (Alexej)

Sergej Prokofjew: Der Spieler
Oper in vier Akten
Text vom Komponisten nach dem Roman Igrok (1866) von Fjodor M. Dostojewski

Oper Frankfurt am Main
Weitere Termine:

15.02.2013 | 17.02.2013 | 22.02.2013 | 24.02.2013

Oper Frankfurt

Musikalische Leitung
Sebastian Weigle
Regie
Harry Kupfer
Bühnenbild
Hans Schavernoch
Kostüme
Yan Tax
Licht
Joachim Klein
Dramaturgie
Malte Krasting

General a. D.
Clive Bayley
Polina, Stieftochter des Generals
Barbara Zechmeister
Alexej, Hauslehrer der Kinder des Generals
Frank van Aken
Babuschka
Anja Silja
Der Marquis
Martin Mitterrutzner
Mr. Astley
Sungkon Kim
Blanche
Claudia Mahnke
Fürst Nilski
Peter Marsh
Potapitsch, Haushofmeister der Babuschka
Dietrich Volle
Direktor des Casinos
Vuyani Mlinde

Zahlreiche weitere Mitglieder des Ensembles der Oper Frankfurt
Stipendiaten des Operstudios
Chorsolisten der Oper Frankfurt und Gäste
Frankfurter Opern- und Museumsorchester