Gastland auf der Buchmesse 2010

Argentinien in Frankfurt

Von Holger Ehling

Als die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner vor Jahresfrist ihren Untertanen mitteilte, dass das Land sich bei der Frankfurter Buchmesse als Ehrengast präsentieren würde, da strahlte sie und verkündete, die großen Ikonen der argentinischen Kultur würden dann angemessen dargestellt werden: die früh verstorbene Präsidentengattin Evita Peron, die Tangolegende Carlos Gardel, der Alt-Revoluzzer Che Guevara sowie der früher überirdische Fußballer Diego Maradona. Die Kulturszene am Rio de la Plata hüstelte lautstark und gestattete sich die Anmerkung, bei Buchmessen gehe es gemeinhin um Bücher.

Das offizielle Missverständnis dessen, was der Auftritt Argentiniens bei der Frankfurter Buchmesse eigentlich soll, ist mittlerweile ausgeräumt. Im Kulturprogramm des Ehrengastauftritts bilden Tango und Steaks zwar weiterhin das Leitmotiv; allerdings wurden auch ungefähr 60 Schriftsteller eingeladen, die sich im Umfeld der Buchmesse in ganz Deutschland präsentieren. Bekannte und weniger bekannte Autoren werden dabei sein, Leute mit Esprit und originellen Ideen, aber auch eine Reihe von Schreibern, die eher durch gute Beziehungen zu Ministerium und Schriftstellerverband auffallen, als durch epochales Talent – halb so wild, solche Mixturen gehören zu jedem der Gastlandauftritte.

Die großen alten Männer strahlen bis heute

Der Blick auf die argentinische Literatur lohnt sich allemal. Dass die Autoren der Gegenwart in der Wahrnehmung der argentinischen wie auch der internationalen Leserschaft überstrahlt werden von den großen alten Männern der argentinischen Literatur, von Borges, Cortázar; Bioy Casares oder Arlt, ist dabei nicht wirklich hinderlich. Seit den vierziger Jahren haben immer neue Generationen von Autoren in Argentinien die Texte der Altvorderen für sich entdeckt, haben sich an ihnen abgearbeitet und ihre Talente an diesen Vorgaben geschärft. Auch für den Betrachter aus deutscher Perspektive lohnt die Beschäftigung mit diesen Texten.
Die kurzen literarischen Formen, die von den großen alten Männern so intensiv gepflegt wurden, vom Essay über die Kurzgeschichte bis zur Novelle, sind zwar auch in Argentinien von der alles verschlingenden Präsenz des Romans an den Rand des Buchmarkts gedrängt worden, aber bei vielen der jüngeren Autoren zeigt sich die handwerkliche Schulung, die sie durch die Beschäftigung mit diesen anspruchsvollen Formen erlangt haben. Das literarische Ansehen von unterhaltenden Genres wie Krimi oder Fantasy in Argentinien verdankt sich ebenso dem Wirken der großen Alten – Cortázars Roman „Rayuela“ (Suhrkamp), Borges’ Erzählungsband „Das Aleph (Hanser)“ oder seine gemeinsam mit Adolfo Bioy Casares verfassten „Chroniken von Bustos Domecq“ (Hanser) wirken hier nach.
Schon seit den 1960er Jahren werden die großen Texte und Autoren getreulich ins Deutsche übersetzt und dank großzügiger Fördermittel der argentinischen Regierung haben eine ganze Reihe deutscher Verlage ihre Programme Gastland-adäquat aufgepolstert: Mehr als 300 Titel sind derzeit erhältlich; einen Überblick gibt der „Quellenkatalog“ der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika Litprom .

Bei der Buchmesse geht es allerdings weniger um Literatur, als vielmehr um das Geschäft mit Büchern. Schauen wir also auf den Buchmarkt in Argentinien, und das heißt vor allem: Buenos Aires. Knapp die Hälfte der 40 Millionen Argentinier leben in der Metropolenregion, fast alle der knapp 2300 Verlage, gut 80 Prozent der insgesamt etwa 660 Buchhandlungen des Landes und die meisten der ca. 1600 weiteren Buchverkaufsstellen wie Kioske und Supermärkte, befinden sich hier.

Buenos Aires: Herz und Seele Argentiniens

Wer nach Buenos Aires kommt, der kommt aus dem Staunen über diese ungeheuer elegante Stadt nicht heraus, die mit vollem Recht einen Platz in der Liste der Weltmetropolen beansprucht. Berechtigt ist dieser Anspruch schon allein wegen der Einwohner der Stadt, die – so sie es sich leisten können – ungeheuer bildungs- und kulturbeflissen sind und ein großes, treues Publikum darstellen für Bildende Kunst, Theater, Oper, Film und Literatur. Nicht nur in schmalzigen Tango-Klassikern wird der Mythos dieser Stadt besungen; bis heute schlägt hier das Herz des Landes – wirtschaftlich, politisch und kulturell.
Der Reichtum der Vergangenheit manifestiert sich in den eleganten inneren Bezirken von Buenos Aires, und an wenigen Orten der Welt wird Literatur so schön inszeniert wie in der Prachtbuchhandlung El Ateneo Grand Splendid an der Avenida Santa Fé: Ein alter Kinopalast aus den 1920er Jahren ist seit gut zehn Jahren die Kulisse für den größten Buchladen der Stadt. Auf 2000 Quadratmetern, verteilt auf vier Stockwerke, findet sich ein exquisites Buchsortiment, ein großes Multimedia-Angebot und eine große Kinderbuchabteilung, die jeder durchschreiten muss, der es sich im Café des Ateneo bequem machen will. Völlig zu Recht wird das Ateneo immer wieder unter die schönsten Buchhandlungen der Welt gewählt.
Überhaupt kommt der Bücherkäufer in Buenos Aires auf seine Kosten: Ob im Bohemien-Viertel Palermo, im Nobelstadtteil Recoleta oder an der südlichen Avenida Corrientes, häufig reiht sich Buchladen an Buchladen: Vom edlen Vollsortiment à la Ateneo über das gepflegte Antiquariat, vom Schulbuchladen mit Schreibwarenangebot bis zum Billigramscher reicht das Spektrum; die allgegenwärtigen Zeitungskioske halten zusätzlich ein beachtliches Basissortiment an Büchern bereit, und auch die Supermärkte halten Massenware vorrätig.
Die große Wirtschaftskrise, die vor knapp zehn Jahren Argentinien traf, beutelte auch die Buchbranche schwer: Seinerzeit fiel die Gesamtauflage der im Land produzierten Bücher von 75,3 Millionen Exemplaren im Jahr 2000 auf 33 Millionen im Jahr 2002; die Titelproduktion sackte gleichzeitig von knapp 12.900 auf ca. 9.500 zusammen. Davon hat sich die Branche gut erholt: 2009 wurden wieder mehr als 75 Millionen Bücher gedruckt, mehr als 20.000 neue Titel kamen auf den Markt. Für stetige Nachfrage nach Lesestoff sorgt nicht zuletzt die staatliche Universität von Buenos Aires, die mit rund 400.000 Studenten zu den größten Hochschulen der Welt zählt; mit einer Alphabetisierungsquote von ca. 97 Prozent steht Argentinien gleich hinter Kuba unter den Leseländern Lateinamerikas.

Bücher als Luxus

Alles prima also im Leseland Argentinien? Nicht wirklich: Mehr als 50 Prozent der Argentinier geben an, keine Bücher zu lesen. Was allerdings weniger mit Desinteresse zu tun hat, als mit den hohen Bücherpreisen: Gängige Bestseller gehen für rund 70 Pesos (13,50 Euro) über den Ladentisch; selbst Massenware in Supermärkten kostet um die 30 Pesos (5,80 Euro). Das hört sich erträglich an, gemessen am Einkommen sind diese Zahlen aber dramatisch: Ein durchschnittlicher Angestellter bringt allenfalls 4000 Pesos (775 Euro) nach Hause. Übertragen auf deutsche Verhältnisse hieße dies, dass ein Taschenbuch stolze 80 Euro kosten würde – wie hoch dann wohl die Verkaufszahlen bei uns wären?
Bücher sind leider Luxusgüter in Argentinien, und so konzentrieren die Menschen sich beim Bücherkauf auf das Nötige: Schulbücher und Texte, die der Ausbildung dienen. Sie stellen mit knapp 3.000 Neuerscheinungen pro Jahr zwar nur ein gutes Siebtel der aktuellen Titelproduktion, allerdings entfallen auf diesen Bereich mit 22 Millionen Exemplaren fast 30 Prozent aller in Argentinien gedruckten Bücher. Auf den Bereich der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften entfallen weitere 28 Millionen Exemplare. Nur ein Drittel der Buchproduktion Argentiniens ist also für das allgemeine Lesepublikum bestimmt.

Spanische Konzerne dominieren

Seit der Wirtschaftskrise wird die Szene noch stärker von den Medienkonzernen aus Spanien dominiert als vorher: Mehr als 40 Prozent des Buchmarkts in Argentinien entfällt auf Ableger von Planeta, Santillana, Random House Mondadori (Bertelsmann) und Anaya. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Argentinier zu braven Lesern iberischer Bücher geworden wären. „Wir importieren höchstens 10-15 Prozent unseres Programms direkt aus Spanien; der Großteil der Produktion stammt von einheimischen Autoren. Es ist Politik des Hauses, einheimische Talente zu fördern“, sagt Pablo Avelluto, Programmgeschäftsführer bei Random House Mondadori. Auch Augusto di Marco, Avellutos Pendant beim Konkurrenten Santillana, bestätigt dies: „Es wäre für uns keine kluge Politik, allzu stark auf Bücher aus Spanien zu setzen“.
Der Grund dafür ist nicht nur bei den Kosten für den Import zu suchen: „Argentinisches und iberisches Spanisch haben sich sehr weit auseinander entwickelt“, sagt Avelluto. Dies sei besonders im Kinderbuchmarkt von Relevanz: „Wenn Eltern Bücher kaufen für ihre Kinder, dann erwarten sie, dass die bei uns gebräuchlichen Begriffe verwendet werden.“ Nicht nur bei Kinder- und Jugendbüchern sind aufwändige Lokalisierungen iberisch-spanischer Texte nötig, um sie verkaufen zu können; eine Situation, die übrigens nicht auf Argentinien beschränkt ist, sondern für ganz Lateinamerika gilt.
Dies ist dann auch der Grund dafür, warum Übersetzungen aus anderen Sprachen in den Belletristik-Programmen der argentinischen Verlage keine besondere Rolle spielen: Derzeit ist der Anteil der Übersetzungen mit 2 Prozent der Titelproduktion kaum relevant. Denn deutsche, amerikanische, französische und sonstige Verlage aus nicht-spanischsprachigen Ländern verkaufen die Übersetzungsrechte zum überwiegenden Teil an spanische Verlage, und diese bedingen sich in aller Regel die weltweiten Vertriebsrechte aus. Dank der hohen Kosten für Lokalisierung oder den physischen Transport der Bücher sehen dann zumeist nur wenige dieser übersetzten Titel die fernen Gestade Lateinamerikas.

Kinderbücher als Schrittmacher

Die große Bedeutung von Schulbüchern und Texten, die der Bildung dienen, haben wir bereits erwähnt. Dies beflügelt auch den Absatz von Kinder- und Jugendbüchern, die im Markt weitaus besser dastehen als die Belletristik: Bei knapp 2700 neuen Titeln pro Jahr und einer Gesamtauflage von etwa 13,9 Millionen Exemplaren kommen Kinder- und Jugendbücher auf eine Durchschnittsauflage von ca. 5150 Exemplaren. Bei der Belletristik, mit 7600 neuen Titeln und einer Gesamtauflage von rund 15,7 Millionen Exemplaren, liegt die Durchschnittsauflage bei nur knapp über 2000 Stück.
Deutliche Unterschiede zwischen argentinischen Kinder- und Jugendbüchern und dem weltweiten Mainstream lässt sich an den Inhalten feststellen: „Argentinische Autoren befassen sich mit den Themen des Landes“, sagt Cintia Roberts, Lektorin bei Random House Mondadori. Und diese Themen dürfen durchaus auch politischer Natur sein – da wird dann auch einmal die Lebenswelt der Oberschicht in den abgeschotteten Exklaven am Rand der Megacity Buenos Aires in düsteres Licht getaucht. „Vampirbücher und ähnliches importieren wir aus Spanien“, sagt Roberts.
Die Beliebtheit des Genres führt dazu, dass viele Autoren hier ein kommerzielles Standbein finden. So sagt Ana María Shua offen: „Ich verdiene mit Kinder- und Jugendbüchern sehr ordentlich“. Dabei kommt ihr und ihren Kolleginnen und Kollegen ein Wandel im Umgang mit Literatur für Kinder und Jugendliche zugute, der auch mit dem Erfolg von Harry Potter zu tun hat: „Viele Verlage produzieren Kinder- und Jugendbücher, die in den Schulen eingesetzt werden. In meiner Jugend dienten Kinderbücher nur dem Vergnügen, heute haben sie eine wichtige Funktion in der Schule“, sagt sie. In Argentinien ist es die Comision Nacional de Bibliotecas Populares (CONABIP), die in jedem Jahr einen festen Betrag pro Bibliothek zu Verfügung stellt, den diese dann eigenständig verwenden können. Dazu gibt es in den einzelnen Provinzen Empfehlungslisten für den Einsatz von Büchern in Schulen, und auch diese Titel werden in großen Mengen zentral eingekauft.

Die große Bedeutung des Staats für den Kinder- und Jugendbuchmarkt ist nicht auf Argentinien beschränkt: „In ganz Lateinamerika ist der Staat der wichtigste Kunde in unserem Bereich“, erläutert Roberto Chwat, Inhaber von Editorial Sigmar, dem größten Kinderbuchverlag Lateinamerikas mit 2800 lieferbaren Titeln: „Ob in Argentinien oder Mexiko oder Venezuela – überall werden Bücher in großen Mengen angekauft und dann an Schulen und Schüler verteilt. Zusätzlich gibt es viele private Initiativen zur Leseförderung, die ebenfalls gute Abnehmer sind“.
Durch die Ankaufsprogramme in Lateinamerika hat sich inzwischen ein eigener Markt für Übersetzungsrechte im Kinder- und Jugendbuchbereich entwickelt, der sich nicht mehr ausschließlich an Spanien orientiert. Ginge es nach den Verlagen in Lateinamerika, wäre dies ein Modell für den geschäftlichen Umgang auch in anderen Segmenten des Buchmarkts. Ob der argentinische Auftritt in Frankfurt in dieser Beziehung hilfreich sein kann, wird sich zeigen.

Buchmarkt Argentinien 2009:

  • Zahl der Verlage: 2295
  • Zahl der Buchhandlungen: ca. 660
  • Neuerscheinungen: 20.308
  • Gesamtauflage: 75,09 Millionen
  • Gesamtumsatz: ca. 600 Millionen US-Dollar
  • Anteil Übersetzungen: 2 Prozent

Quelle: Cámara Argentina del Libro

Holger Ehling ist Autor und Kommunikationsberater in Frankfurt/Main

ehlingmedia

erstellt am 15.10.2010

Buchhandlungen in Argentinien,
fotografiert von Holger Ehling
© ehlingmedia

Libreria, Palermo
Libreria, Palermo
Cuspide en la Florída
Cuspide en la Florída
Ateneo Grand Splendid
Ateneo Grand Splendid
Libreria Paídos
Libreria Paídos