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Franz Liszt – Dante Symphonie – Magnificat

CD-Kritik

Vom Tastenvirtuosen zum Klangzauberer

»The Sound of Weimar« – Franz Liszts Orchesterwerke mit Martin Haselböck

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Organisten – man glaubt sie als versponnene, brucknermäßig in ihre Tasten- und Pfeifenkünste versunkene Individuen zu kennen; skurrilen Humor traut man ihnen durchaus zu, kaum dagegen Weltgewandtheit. Bedarf es dieser aber nicht, um – zum Beispiel – Intendant der Berliner Staatsoper, des Brüsseler Théatre de la Monnaie, des Festivals in Aix-en-Provence zu werden? Das waren beziehungsweise sind – nein, keine typischen Organistenjobs, aber Posten, mit denen Organisten unlängst sehr erfolgreich wurden. Vielseitigkeit und Organisationsvermögen – man kann es bei dieser Künstlerspezies vermuten, wenn man an ihre hochaktive „Vierfüßlerarbeit“ denkt, die ja die Fähigkeit zu komplexen Koordinationsleistungen zur Bedingung hat. Irgendwann können uns auch die Hirnforscher mal diesen Zusammenhang erklären.

Also hat auch der Wiener Martin Haselböck, ein gefeierter Orgelvirtuose, seinen Radius noch einmal erweitert und ist Dirigent geworden. Kein in Oper oder Sinfonik „normal“ umtriebiger Taktstäbler, sondern doch eher ein speziell artistisch motivierter Orchestergründer und -leiter, der es sich mit den Instrumentalisten seiner Wiener Akademie zur Aufgabe machte, die Tondichtungen von Franz Liszt auf Originalinstrumenten des 19. Jahrhunderts zu Gehör zu bringen. Wer behauptet, das sei wenig spannend, weil sich seitdem das orchestrale Klangbild kaum verändert habe, braucht nur einmal den ruppigen (Paukenwirbel) Beginn von „Prometheus“ zu vernehmen, oder, pauschaler gesagt, Haselböcks Versionen mit den bieder philharmonischen von Kurt Masur und dem Gewandhausorchester Leipzig zu vergleichen. Bei Haselböck „redet“ das Orchester anders. Die Klangfarben scheinen frischer gemischt, die dynamischen Kontraste sind größer, härter, ungeschmeidiger.

Liszts lange, leider durch (ausgerechnet aus Anlass der ingeniös-harmlosen Buffa „Barbier von Bagdad“ von Peter Cornelius angezettelte) Hofintrigen beendete Zeit als Weimarer Opern- und Orchesterchef in der Mitte des 19. Jahrhunderts war auch eine Lehrzeit für den Komponisten, der dabei seine programmmusikalische Poetik genauestens entwickelte und in einer exemplarischen Werkreihe profund vorstellte. Mag sein, dass ihm sein Schüler Joachim Raff einige Anregungen zu instrumentatorischen Details gab; die kontinuierliche Arbeit mit der Weimarer Kapelle befähigte den ehemaligen Pianisten Liszt (wie Haselböck ein Tastenmusiker mit nachmaligem Orchesterfaible) freilich nach und nach selbst, sich der Rezepturen des seinerzeit „modernen“, das heißt, des spätromantischen Klangzaubers zu versichern, wie ihn vor allem Berlioz inaugurierte und Wagner, der künstlerische Weggefährte Liszts, weiter ausdifferenzierte. Wagner fand später abschätzige Worte für die Musik seines Schwiegervaters (dabei in unschöner Gesinnungs-Kumpanei mit Liszts Tochter Cosima), aber insbesondere von dessen harmonischen Erkundungen profitierte er enorm.

Liszts Programmmusik-Konzept, das von der Brahmspartei im 19. Jahrhundert heftig befehdet wurde, manifestierte sich vor allem in einsätzigen Tondichtungen, die in konziser Form (meistens nach modifizierten Regeln der „absoluten“ Musik) bestimmte literarische Inhalte wiedergaben oder antönten (man konnte sie eventuell auch mit Gewinn hören, wenn man diese literarischen oder programmmusikalischen Bezüge nicht kannte). Es finden sich darunter mythologische Sujets wie „Orpheus“ oder „Prometheus“. „Tasso“ und „Mazeppa“ erinnern an Persönlichkeiten der Historie, „Die Ideale“ oder „Festklänge“ assoziieren Allgemeineres, ebenso „Les Preludes“, die schwungvollste und melodisch mitreißendste der Lisztschen Orchestermusiken, die allerdings durch Missbrauch in der Nazizeit (als Einleitung für Radio-Frontberichte) kontaminiert war. In einigen dreisätzigen Sinfonien, der Dante-, der Berg- und der (in dieser Sammlung von 5 CDs nicht enthaltenen) Faust-Sinfonie nähert sich Liszt einerseits der klassisch-traditionellen Formgestalt, andererseits den bei den Malern seiner Zeit zunehmend beliebten Triptychon-Tableaus. Ganz entschieden diesen entspricht auch die letzte, dreiteilige Tondichtung „Von der Wiege bis zum Grabe“, vielleicht die reifste und faszinierendste Orchesterstudie Liszts überhaupt, eine an romantisch-symbolistische „Lebensalter“-Gemäldezyklen von Böcklin, Hodler oder Segantini erinnernde Meditation.

Liszt, ein künstlerisch rundum gebildeter und interessierter Weltmann, wurde auch nach seinem Tode immer wieder unterschätzt; die ihm so nahe, lautstarke Stimme Wagners drohte ihn zu übertönen. Richard Strauss hat den Typus der einsätzigen sinfonischen Dichtungen (in „Don Juan“, „Till Eulenspiegel“ oder „Also sprach Zarathustra“) vielleicht noch glanzvoller als Liszt erfüllt. Aber mit ihrer Vielzahl (5 CDs, mehr als 5 Stunden Musik) und ihren ausgreifenden inhaltlichen Bezügen bleiben die Lisztschen Orchesterwerke dennoch stets eine reizvolle Erbschaft. Etwas näher am Vergessenwerden als manches andere, eignen sie sich umso besser zur periodischen Neuentdeckung. Sie wird durch Halselböcks Interpretation – der man „Originalität“ im umfassendsten Sinne attestieren kann – zum Ereignis.

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erstellt am 13.2.2013

Franz Liszt
The Sound of Weimar
Liszts Orchesterwerke im Originalklang
Orchester Wiener Akademie
Dirigent: Martin Haselböck
5 CDs, NCA (M.A.T. Music Theme Licensing Ltd.) 60260

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