Ein Künstler lässt Vasen entstehen. Ist er dann noch ein Künstler? Sind sie als Kunst zu bezeichnen, weil sie von einem Künstler und nicht von einem Designer oder Kunsthandwerker hergestellt wurden? Wie umschifft er diese Grenzlinie zwischen angewandter und bildender Kunst? Wo stellt er sie aus? In einer Galerie? In einem Geschäft für Einrichtungsgegenstände? Wie geht man als Betrachter damit um? Kann man hier Qualitätsmaßstäbe des Kunsthandwerks anwenden? Oder sind es künstlerische Objekte, die über ihre Funktion hinaus auch etwas über unser Schubladendenken aussagen und herkömmliche Kriterien zur Diskussion stellen? Ist folglich eine derart Fragen aufwerfende Existenz nicht schon ein Grund dafür, sie der Kunst zuzuordnen?

Vase von Sebastian Stöhrer
Grenzgänge

Sebastian Stöhrers Vasen

Von Isa Bickmann

Die heutige Bildhauerei öffnet sich zunehmend der Einbindung visuell ansprechender, raumwirksamer Elemente, die deutlich die Grenze zum Design überschreiten. Spiegelnde Oberflächen auf imposanten Wandinstallationen ziehen auf den internationalen Kunstmessen Sammler magnetisch an, und Künstler richten ganze Räume inkl. des Mobiliars ein, wie z.B. Tobias Rehberger die Cafés in Venedig und Baden-Baden. Anselm Reyle blendet seine finanzstarken Sammler mit glänzenden Materialien, wobei er den dekorativen Aspekt keineswegs leugnet. Jeff Koons schuf Auflagenobjekte aus Porzellan (der kleine Terrier „Puppy“ mit 3000 identischen Exemplaren), die als Blumenvasen nutzbar sind. Das Design hält Einzug in die dreidimensionale Kunst. High und Low verbrüdern sich. Die gute alte Bauhaus-Idee lebt in popularisierter Form wieder auf.

Was ist auch dagegen einzuwenden, wenn doch der Topos von der Schönheit des Kunstwerks, die bei der Mehrheit der Betrachter immer noch als Qualitätskriterium gilt, mit einem dekorativ-funktionalen Anspruch verbunden wird? Dass die klassischen Grundsätze der Skulptur, wie Raum, Volumen und Bewegung, nach der Postmoderne nicht mehr für sich allein funktionieren, zeigt uns die jüngere Generation der Bildhauer, die eigentlich keine Bildhauer mehr sind, sondern die dritte Dimension mit mehr als einem Medium bespielen – dabei über die traditionellen Werkstoffe Stein, Holz, Metall, Kunststoff oder Fundstücke hinausgehen – und auch Fotos, Videos und den ganzen Raum einbeziehen. So werden Bedeutungsspielräume erweitert.

Auch Sebastian Stöhrer ist eher ein Künstler, der mit Materialkombinationen und „gefundenen“ Materialien arbeitet und seine Werke auf den Raum hin installiert. Der bei Thomas Bayrle an der Frankfurter Städelschule Ausgebildete ist mit imposanten Bildern aus Kinderknete bekannt geworden, die – obwohl zweidimensional – wie Wandobjekte funktionieren. Zuletzt sah man von ihm biomorphe Wesen aus glänzendem Messingblech.

Stöhrer schuf nun eine enorm variantenreiche Serie von Vasen in verschiedenen Größen. Sie funktionieren, sind also nutzbar. Auf den ersten Blick fühlt man sich an die informelle Skulptur der fünfziger und sechziger Jahre – z.B. von Emil Cimiotti, Otto Herbert Hajek, Étienne-Martin – erinnert: Formal ist das also ein Blick in die Kunstgeschichte.

Vase von Sebastian Stöhrer

Die Keramik als ein Material, das aufgrund seiner Verhaftung am nutzbaren Gegenstand ohnehin auf der niedrigsten Stufe der Materialwerteskala steht, weist den Gebrauchsartikel aus, denn funktionale Gefäße bestehen nun mal auch aus Keramik. Damit verortet Stöhrer seine Objektserie in den Kunsthandwerkskontext. Doch hier sind es Unikate, die nicht, wie in der Handwerkskeramik üblich, einander gleichen, sondern die völlig einzigartig sind. Egal welche Blumen sie fassen, sie lenken den Blick auf sich. So wie der Künstler sie in seinem Portfolio präsentiert, blumenlos, sind es in erster Linie Keramikplastiken, die an Naturwesen wie Korallen und Weichtiere oder Pflanzen erinnern. Es scheint, als habe Stöhrer sich die Naturkräfte zu eigen gemacht und ganz klassisch analog zur Natur, also nach der Naturbeobachtung, Formen gebildet. Der Künstler bekennt im Gespräch, dass zuerst die Formfindung im Vordergrund stand, die Idee einer Funktion kam erst später hinzu. Hätte er den Nutzfaktor „Vase“ nicht in den Fokus gestellt, wäre folglich der Ausschlag hin zu Kunstseite stärker, da das Improvisiert-Handwerkliche in der Oberflächenbehandlung und Bemalung sichtbar ist. Und so macht das variantenreiche spielerische Moment der Genese dieser Vasen-Wesen, das sich auch in der farbigen Fassung mitteilt, fast den Eindruck, als wollten sie sich behaupten als urwüchsige plastische Formen inmitten der Klarheit und Glätte des heutigen Designs und den Materialanhäufungen der zeitgenössischen Installationskunst.

Vase von Sebastian Stöhrer

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erstellt am 11.2.2013

Vase von Sebastian Stöhrer

Sebastian Stöhrer stellt die Vasen aus im:
Westsektor
Brückenstraße 54
60594 Frankfurt am Main
Di-Fr 12-19, Sa 11-17
Tel. 069 95 92 80 22

Westsektor

Vase von Sebastian Stöhrer
Vase von Sebastian Stöhrer
Vase von Sebastian Stöhrer
Vase von Sebastian Stöhrer
Vase von Sebastian Stöhrer
Vase von Sebastian Stöhrer