Das halbe Wort

Jagoda Marinic

Jagoda Marinić hätte ich vielleicht als eine der ersten Autorinnen hier vorstellen müssen, gilt sie doch als „Mittlerin der Kulturen“. (hier)
Sie veröffentlichte Anfang des letzten Jahres ihr E-Book „Rassismus sichtbar machen – Ein Plädoyer”, in dem sie die Frage zu beantworten versucht, wieso Rassismus für die deutsche Öffentlichkeit so unsichtbar geblieben ist, und zwar trotz der hitzigen Debatten über Integration und Migranten? Sie fragt sich, wieso gerade die Migrantinnen und Migranten, die in der Integrationsdebatte die ersten Ansprechpartner sein sollten, gar nicht oder kaum zu Worte kamen. Jagoda Marinić dagegen thematisiert diese Fragen täglich in ihrer Arbeit als Schriftstellerin und Theaterautorin, vor allem aber in Workshops mit Jugendlichen. Die ausgewählte Leseprobe ist aus ihrem ersten sehr viel beachteten Roman „Die Namenlose“, der eine originelle, zarte, sehr sensible Liebesgeschichte erzählt.

Leseprobe aus

Die Namenlose

Ich biege vorsätzlich an der falschen Straßenecke ab. Ich gehe an meiner U-Bahn-Haltestelle vorbei. Mein Schritt wird schnell und schneller. Ich habe von einer Ausstellung im Hamburger Bahnhof gehört. Zwei Leserinnen haben sich darüber unterhalten. Auch Juliana und Paul. Mein Herz wird laut und lauter. Da soll es Blechflugzeuge geben und eine Bleiblechbibliothek aus Silberplatten.

Ein zimmergroßes Kunstwerk aus Eisenstangen und Silberplatten. In den Platten kleine Erbsen versteckt, Bücher aus harten, gewellten Silberplatten, nicht ein Buchstabe, nur kleine grüne Erbsen darin. Das haben sich vorgestern zwei Frauen in der Bibliothek erzählt. Ich höre, wie mein Herz laut und lauter schlägt. Es ist unglaublich schön: Die Räumlichkeiten, das viele Glas, man bleibt mit der Natur verbunden, während man das Werk ansieht. Sie wissen nicht, wie sich das anfühlt beim Zusehen: Diese überdimensionalen Bücher. Das Kunstwerk ist so groß wie ein ganzer Raum, man kann es sogar betreten.

Wie die Sehnsucht aufsteigt, wie das Gefühl mit mir in Berührung kommen möchte. Wie ich danach hungere, mit ihm eins zu werden.
Ich habe das Gefühl, immer weniger Luft zu bekommen, und so mache ich kehrt, gehe über die Kreuzung zurück zur U-Bahn-Haltestelle und lasse mich in die Bibliothek fahren.

Ivan: Schöne Frau. Ich suche da so ein Buch.
Namenlose: Was für ein Buch?
Ivan: Ihr Lieblingsbuch.
Namenlose: Was für ein Buch?
Ivan: Ihr Lieblingsbuch, noch immer.
Namenlose: Ich habe kein Lieblingsbuch.
Und ich habe auch keine Lust, mich hier dumm anmachen zu lassen. Obwohl er gute Augen hat. Warmes Dunkel. Ich sehe weg. Meide den Anblick seiner Lippen.
Ivan: Dann zeigen Sie mir doch bitte, wie diese Bibliothek aufgebaut ist.
Namenlose: Sie wird bald abgebaut.
Ivan: Na und, dann will ich mich eben so lange in ihr auskennen.
Namenlose: Entschuldigen Sie bitte, ich weiß, es wäre mein Job, aber ich weiß auch, daß Sie nicht zum ersten Mal hier sind. Sie müssen längst wissen, wie es hier zugeht, warum soll ich Ihnen das Ganze noch mal erklären?
Ivan: Weil es das Leben versüßt.
Namenlose: Wie bitter ist denn Ihr Leben, wenn es von so was
versüßt wird?
Ivan: Wie bitter ist denn Ihres, wenn es das nicht tut?
Namenlose: Ich habe zu tun.

Ich wende mich ab, um Bücher zu sortieren. Nein, eigentlich sortiere ich die Bücher, aber ich wende mich ab, um ihn nicht sehen zu lassen, wie ich erröte, weil ich manchmal aus heiterem Himmel erröte, so sehr. Ich höre keine Schritte, nichts, was darauf hindeutet, daß er sich entfernt, und ordne wie verrückt schon längst geordnete Bücher. Ihn nur nicht ansehen müssen, schon allein, weil ich weder einen guten Spruch weiß, noch was ich denken soll. Ich will, daß es mich, daß er mich kaltläßt, ich will nicht auf so einen hereinfallen, und vor allem will ich auf nichts hereinfallen, nur um erneut zu entdecken, daß es nichts gibt. Nur Leere. Und wenn man sich kennenlernen möchte, wie kann man das anders tun als dadurch, daß man diese Leere füllt, so lange, bis es gar nichts mehr gibt zwischen zwei Menschen, weil man aus der Leere eine gesättigte Lösung gemacht hat, und Menschen, im Gegensatz zu Stoffen, sind nicht gesättigt, wenn sie gesättigt sind, sondern bekommen erst recht Hunger. Hunger nach etwas anderem, Neuem. Ich will, daß er geht.

Leseprobe aus: Jagoda Marinic: Die Namenlose, Roman, Nagel & Kimche 2007
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Siehe auch:
DAS HALBE WORT

Kommentare


Raquel - ( 27-02-2013 04:49:00 )
Lieber RobertoYeeeeaaaahhh und Luftsprung, dir ist ein weiter Sprung nach vorne und oben gengeuln mit deinem neuen Outfit, so luftig leicht und guter Laune, dein Humor, dein Lachen dringt bis zum Leser und ist ansteckend man springt doch gleich mit dir mit .und aus seinem eigenen eventuellen dunklen Loch . wow, genial wie du das wieder hinbekommen hast ..gratuliere, einmalig witzig, ansteckend positiv ..das alles mit deinen wundervollen vielseitigen Gaben daaaaaaaaaaaaanke und weiterhin nur das Beste ffcr dich, viel Glfcck bei allem was du anpackst ..so schf6n, dass es dich gibt, so wie du bist .einmalig, wundervoll, lass dich nie verbiegen Von HerzenSilvia

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erstellt am 11.2.2013

Jagoda Marinić, Foto: privat

Jagoda Marinić, geboren 1977 in Waiblingen, studierte Germanistik, Politische Wissenschaft und Anglistik in Heidelberg und arbeitet heute als Schriftstellerin, Theaterautorin und Journalistin in New York und Heidelberg. Auf ihr preisgekröntes Debüt „Eigentlich ein Heiratsantrag” folgte 2005 der Erzählband „Russische Bücher”, ausgezeichnet mit dem Grimmelshausen-Förderpreis. „Die Namenlose” ist ihr erster Roman.

Jagoda Marinic