Décollage I © Horst Dieter Bürkle
Décollage I © Horst Dieter Bürkle
Buchkritik

Epigonalität und Alphabetentum

Der Darmstädter Künstler Horst Dieter Bürkle wird zum Autobiografieren gedrängt, präsentiert gekonnt seine drei künstlerischen Spielwiesen und überzeugt auch auf einer vierten

Von Bruno Laberthier

Ich schrieb dieses Buch, weil mich mein junger Freund und Verleger Thomas Reinheimer dazu einlud, ein solches Buch mit ihm zu machen; als er seine Einladung aussprach, hatte ich noch keine Ahnung, wie ich das angehen und wohin es führen könnte.

Nicht immer tut ein Verleger seinem Autor einen Gefallen, wenn er ihn dazu auffordert, sich über ein langes Künstlerleben in der Textsparte Autobiografie auszulassen. Der eine wird fremdeln mit der Erfordernis, sich selbst darzustellen. Der andere scheitert an der Diskrepanz zwischen subjektiver Eigenwert-Taxierung und objektiv gegebener künstlerischer Bedeutung. Wieder ein anderer kommt mit der Anforderung nicht klar, das Symbolsystem und den Code zu wechseln und auf einmal schreiben zu müssen, statt malen, komponieren, fotografieren oder filmen zu dürfen.
Auf den in Baden geborenen und in Darmstadt lebenden Künstler Horst Dieter Bürkle trifft das alles nicht zu, jedenfalls weitgehend nicht. Es gelingt ihm mit seinem Buch über und „von einem der auszog, seine Bilder zu finden“ verblüffend gut und schreib-stilistisch leichtfüßig, zwischen der Skylla einer hypertrophen Bescheidenheit und der Charibdis der unbotmäßigen Selbstüberschätzung hindurch zu segeln.

Zwischen epochal und epigonal

Wenngleich, den Fallstricken einer Textgattung, in deren Backlist es von epochemachenden Künstlern nur so wimmelt, entgeht der langjährige Vorstandssprecher der traditionssatten „Darmstädter Sezession“ nicht immer. Denn hier und da kokettiert Bürkle schon mit der eigenen Außergewöhnlichkeit, legt ein bisschen die selbstbeweihräuchernde Platte auf und reitet ordentlich herum auf seiner besonders ausgeprägten Spiel- und Experimentierfreude.

An dieser Stelle ist eine zusätzliche Anmerkung zum Thema Experimentierlust fällig und dazu, dass sie für einen ‚homo ludens‘ meines Zuschnitts offensichtlich unversiegbar bleibt (34)

Andererseits hat(te) es in seinem Leben als Filmemacher, Fotograf und Objektkünstler jede Menge Vorbilder, Vordenker und Leitdiskurse, in deren gefurchten Bahnen der inzwischen auf die Achtzig zugehende Bürkle sein eigenes Schaffen verortet: Gustave Doré, de Chirico, Duchamp und immer wieder Buñuel, um nur einige zu nennen. Ganz so weit her ist es mit dem eigenen Originalgenie also nicht.

Doch daraus den Umkehrschluss zu ziehen, dass hier ein epigonales Künstlerlein aus der südhessischen Provinz schreibt, für dessen Fuß der untergeschobene Schuh der Autobiografie ein paar Nummern zu groß ist, wäre unzutreffend und unfair. Denn es geht, erstens, souverän-beschwingt zu auf den drei Spielwiesen Film, Fotografie und Objekt, wo Bürkle seinem künstlerischen Lustprinzip frönt, während das Realitätsprinzip und der Brotberuf des Auftragsfotografen nur am Rande Erwähnung finden. Bürkle deckt außerdem und zweitens ein weiteres seiner Talente auf, ist sozusagen Greenkeeper einer vierten Spielwiese, wenn er klammheimlich und vielleicht sogar für ihn selbst nicht immer bewusst das Symbolsystem wechselt und den Schwerpunkt vom anschaulich Ikonographischen zu den Buchstaben – gleich ob kalligrafisch oder typografisch – und ihren gänzlich eigenen Formen der Bedeutungsgenerierung verlagert.

Die vierte Spielwiese

Bürkles Passion für das Zeichensystem Sprache als Weltordnungskategorie fällt ins Auge, auf allen drei Spielwiesen wird ihm ein zentraler Ort zugewiesen. In Abwägung zum Film, der eine ureigene Sprache und spezifische Formen der Bedeutungshervorbringung für sich reklamiert, sinniert Bürkle zum Beispiel mit Hingabe über die Vor- und Nachteile der Sprache als Sinnträger der literarischen Künste (25f.). In filmische Praxis umgesetzt, zeugt ein anderes Beispiel von der positiv obsessiven Beschäftigung mit dem Alphabet als strenges Ordnungssystem, dem Bürkle die Strenge nimmt, es spielerisch aufhellt und in einen aktuellen Kontext einbettet, als er 1968 für den knapp dreiminütigen Kurzfilm „V für Vietnam“ mit exakt berechneten Takes für jeden einzelnen Buchstaben des Alphabets aufwartet. Ausnahme bleibt das V, das als Chiffre für das Gewaltgeschehen in Vietnam steht und als einziger Buchstabe nicht gezeigt wird, sondern durch dokumentarisches Bildmaterial ersetzt wird (32f.).

Sprache als Welt- und Kunsterklärungsmittel spielt auch beim Durchlauf durch Bürkles zweite biografisch wichtige Kunst, der Fotografie, eine Rolle: diesmal als Selbstausdeutungs-Vehikel, ohne das sich die meisten der abgebildeten Fotografien dem Betrachter kaum in der Fülle erschließen würden. Bürkle spielt mit anderen Worten nicht nur den Arrangeur einer Werkschau seiner fotografischen Phase(n), sondern gibt in einem den wortreichen Hermeneuten der kryptischeren und enigmatischeren unter den versammelten Proben, der die Mehrschichtigkeit und Bedeutungspluralität von auf den ersten Blick wie zufällig zustande gekommenen Aufnahmen erläutert.
Den Auftakt zur Interpretationsfolie „Magischer Realismus“ macht dabei eine Verbeugung in Richtung dieser bedeutsamen, im nichtliterarischen Bereich allerdings nicht ganz so prominenten Epoche und ihrer Wegbereiter.

Auf den ersten Blick zeigen solche Fotos nichts als das Dargestellte, könnten somit ausschließlich für sich selbst stehen; lässt man sich aber näher auf sie ein, ist zu entdecken, wie und dass sich hinter der vordergründigen Realitätsebene weitere Bedeutungsebenen verbergen. Weiß man gleichzeitig um meine ausgesprochene Affinität zum Surrealismus, ist es alles andere als abwegig, viele meiner Fotos unter dem Etikett eben dieses magischen Realismus einzureihen (64).

Eine weitere Auslegungskrücke seiner Bilder steuert Bürkle für seinen Plak-Art Zyklus aus dem Jahr 1985 bei. Décollagen, das sind für ihn Schnappschüsse von Plakatpalimpsesten, bei denen das obere Plakat durch Ein- und Aufriss die darunterliegenden, überklebten Schichten freilegt und – ein wenig wie beim magisch-realistischen Prinzip – neue Bedeutungsebenen offenbart (71-82). Ohne die Interpretationshandreichungen des autobiografischen Textes, ließe sich behaupten und per Selbsttest vermutlich auch belegen, hätte der Blick auf die Fotos zu oft etwas von einem nicht eingelösten Versprechen: wo geht es, bitteschön, zur verborgenen Bedeutung und damit zum ästhetischen Mehrwert der Plakatfetzenschnappschüsse?
Dass die Auslegung von Kunst nicht ohne Verbalisierung auskommt, mag eine Binsenweisheit sein. Bei der dritten Spielweise werden das Alphabet und die Sprache, die Bürkle mal als Vademecum zur Erschließung der eigenen Kunst und mal als Rohmaterial für seine Werke nutzt, erneut zum Fundus. So hängte er Frank Kafkas handschriftliches K, zum vier Meter langen Kunstobjekt geformt, an einen Kastanienast in seinem Garten auf und leistete damit 1997 einen Beitrag zur kollektiv-künstlerischen „Vogelfrei“-Aktion in den Gärten der kunstaffineren unter den oberen Zehntausend Darmstadts (136). „Gurgelmunds Spieltisch“ von 2004 ist ein objektgewordenes Zitat aus Hironymus Boschs „Der Taschenspieler“: in der Tat nichts weniger und nicht mehr als eine plastische Replika des Gauklertischs auf dem Gemälde des düster-phantasmagorischen alten Holländers, wenn da nicht die sprachspielerische Hintergründigkeit wäre, die den damaligen US-Präsidenten zum Hütchenspieler werden lässt, der den UN-Sicherheitsrat austrickst und zur militärischen Intervention im Irak beschwatzt, und

den ich im Titel der Arbeit lediglich dadurch wortspielerisch verrätsele, in dem ich für George gorge (französisch für Gurgel) und für Bush bouche (französisch für Mund) setzte (165).

Die Terracotta-Arbeit „Epitaph“ von 1990 schließlich visualisiert, „dass in AMOUR nach dem Wegfall von A und O nurmehr ein MUR (= Mauer) verbleibt“ (120).

Afterbürde © Horst Dieter Bürkle
Afterbürde © Horst Dieter Bürkle

Wem so etwas lediglich wie der objektgewordene Ausdruck zweier reichlich platitüdennaher Einfälle erscheint (ohne das A und O der Liebe steht eine Mauer zwischen den Menschen, oder so ähnlich), dem sei die 1995er „Vogelfrei“-Aktion empfohlen als der wohl nachdrücklichste Beweis der Sensibilität und Nähe Bürkles für alles Buchstäbliche und Verbal-Sprachliche sowie ihre je speziellen Kontexte und Hallräume. Der „Friedhof verschwundener Wörter“ mit seinen vierzehn in Sandstein gehauenen und dabei vom Aussterben bedrohten Wörtern, die den Betrachter zum Grabstättenbesucher in Sachen Etymologie machen, weist spielerisch und ohne erhobenen Zeigefinger auf die Verliererbegriffe von Sprachwandel und Modernisierung hin: von Afterbürde für Mutterkuchen bzw. Nachgeburt bis zweischattig, einem Terminus, der „einst schlicht auf dem Irrtum beruhte, dass die Bewohner der Zonen am Äquator zwei Schatten werfen, ‚bald nach dem Norden, bald nach dem Süden‘“ (133). Der Erfolg der Ausstellung gab und gibt Bürkle Recht. Lange vor den medienwirksam inszenierten Kampagnen der Mitglieder der sprachpflegerischen Sektion zur Bewahrung deutschen Kulturguts, die um 2005 anfingen, bedrohte Wörter zu suchen und prämieren, sorgte die Wortgräberfürsorge Bürkles für einen buchstäblich vollen Garten: „zeitweise kamen Schulklassen samt Lehr- und Aufsichtspersonal, um davor Kunst- und Deutschunterricht abzuhalten“ (134). Auch auf der autobiografischen Spielwiese Objektkunst ist es ein ganz besonderes Highlight.

Alles in allem, Daumen rauf

Von einem der auszog, seine Bilder zu finden ist Werkschau, künstlerische Autobiografie und für alle, die sich darauf einlassen mögen, besonderes Sprachabenteuer in einem. Locker geschrieben und mit amüsanten Anekdoten aufgefettet, gibt es einen lesenswerten Überblick über ein zwar nicht gerade kleines, aber auch nicht weltlorbeerdekoriertes Künstlerleben im 20. und anbrechenden 21. Jahrhundert in Deutschland. Posiert wird dabei wenig – und wenn doch, dann sei es einfach dem Verleger angekreidet, der schließlich nicht nur Impulsgeber für den mit 170 reich bebilderten Seiten gelungenen Band war. Sondern auch Bauchpinsler: eine Verführung, der man als Gepinselter schon mal erliegen kann.

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erstellt am 07.2.2013

Décollage II © Horst Dieter Bürkle
Décollage II © Horst Dieter Bürkle
Kafka-K © Horst Dieter Bürkle
Kafka-K © Horst Dieter Bürkle
Friedhof © Horst Dieter Bürkle
Friedhof © Horst Dieter Bürkle
V für Vietnam © Horst Dieter Bürkle
V für Vietnam © Horst Dieter Bürkle

Horst Dieter Bürkle
„Von einem der auszog, seine Bilder zu finden“
Justus von Liebig Verlag, Darmstadt

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