Annette Schavan ist erst mal politisch weg vom Fenster. Ihre Anhänger ziehen sich in die Schmollecke zurück. Nur Verlierer? Guttenberg, Koch-Mehrin; Mathiopoulos und Schavan – alles Einzelfälle oder eine strukturelle Kumpanei von Wissenschaft und Politik?

Person und Gewissen

Schnelle Worte zu einem langen Abschied

Von Detlev Claussen

Dieses blasse, beleidigte Leberwurstgesicht wird man wohl lange nicht mehr sehen müssen. Das Amt soll nicht beschädigt werden – Respekt? Das Amt ist vielleicht nicht beschädigt; aber die Hochschulpolitik ist insgesamt in Verruf geraten. Das liegt an den Verteidigern von Frau Schavan. Sie stammen aus Hochschule und Journalistik, die aus der Universität einen politisch abhängigen, förderungswürdigen Betrieb machen wollen wie Bundesbahn, Post oder Lufthansa. In der Tat geschieht auf allen diesen Feldern etwas Ähnliches – unter den vorgeschobenen Gesichtspunkten von Effizienz und Wirtschaftlichkeit werden Umverteilungen von Ressourcen vorgenommen, die sich nicht vorrangig an den altmodischen Zielen einer Universität orientieren. Reputation, die auf solider wissenschaftlicher Arbeit beruht, ist zweit-, wenn nicht drittrangig. Deswegen werden dusselige Argumente ins Feld geführt – schlimme Straftaten würden doch auch verjähren. Mit einer Doktorarbeit tritt ein Akademiker in seine Öffentlichkeit als mündiger Erwachsener ein; wäre ein Arzt, der seine Approbation fälscht, zu halten? Die Universität hat ihre eigenen Regeln – zu Recht. Die Düsseldorfer Fakultät hat dieses Regularium gegen allen Druck standhaft verteidigt – dafür wird sie nun angegriffen. Wollen wir den politischen Sittenverfall, der seit Kohls Aussitzen und Kochs ungestraften Vermächtnislügen einem bitter im Magen liegt, auch im Wissenschaftsbetrieb einfach hinnehmen?

Ich kann es nicht ertragen, es hat seine Gründe …, schrieb ein berühmter Düsseldorfer. Die deutsche Universität ist trotz „1968“ eine vorbürgerliche Institution geblieben, die aber in den letzten zwanzig Jahren einer neoliberalen Rosskur unterworfen worden ist. Entwickelt haben sich kartellartige Strukturen, die ein Segment in der Forschung („Exzellenz“) begünstigen, den Lehrbetrieb in eine Zertifizierungsmaschine verwandeln und ein Prekariat an Nachwuchswissenschaftlern produzieren. Unsummen werden zum Fenster rausgeschmissen, enorme Phantasie freigesetzt, um mit neuen Namen produktive Innovation vorzugaukeln, für die es immer neue
Gelder geben soll, aber alte Qualitätsmaßstäbe gelten nicht mehr. Die Verantwortlichen klopfen sich als selbsternannte Innovatoren auf die Schulter, wenn es gut aussieht – wenn es schief läuft, sind sie es gar nicht gewesen. Die deutsche Universitätslandschaft kann sich durchaus mit Willy-Brandt-Airport und Stuttgart 21 vergleichen lassen. Ein gigantischer Zerstörungsprozess einer fünfhundert Jahre alten Institution vollzieht sich unter unseren Augen; aber die Öffentlichkeit will es nicht sehen oder versteht es nicht.

Mit Frau Schavan hat der Skandal die repräsentative Spitze des Wissenschaftssystems erreicht. Ihre Doktorarbeit („Person und Gewissen“ – schon der Titel ist ein Lacher) hat einer altmodischen, akribischen Prüfung durch den Kollegen Stefan Rohrbacher nicht standgehalten. Was macht man? Man versucht seinen Ruf zu beschädigen. Der Mann ist als Wissenschaftler aber untadelig und integer, aber wer weiß das schon, wer hat seine Bücher gelesen? Ich. Kann nur sagen: alles, was er schreibt, hat Hand und Fuß. Man wirft ihm vor, er sei „fachfremd“. Dabei sind die, die das als Argument vorbringen, universitätsfremd – jedenfalls mit akademischer Arbeitsweise nicht vertraut. Denn um ein Plagiat zu entdecken, muss man kein Fachmann sein. Eine Dissertation wird einer Fakultät vorgelegt, die überwiegend aus „Fachfremden“ besteht: Es ist stets ein „fachfremdes“ Gremium, das eine Doktorarbeit annimmt oder ablehnt. Die Beherzigung formaler Regeln, von denen die Zitierregeln schon dem Erstsemester üblicherweise klargemacht werden, kann jeder beurteilen, ein qualifiziertes wissenschaftliches Gremium allemal. Die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf hat mit ihrer Standhaftigkeit die Ehre dieser Institution und – noch wichtiger – die Autonomie der Universität verteidigt – und das ist gut so.

Mit der Klagedrohung hat sich Frau Schavan einen Maulkorb in eigener Sache verpasst. Aber das Schavanentum ihrer Verteidiger bringt täglich neue Dummheiten hervor. Die armen Pädagogen! Jahrzehntelang haben sie um ihre Reputation gerungen; jetzt reißen die Schavanverteidiger das Kartenhaus der Reputierlichkeit um. Gerade zu der Zeit, als Frau Schavan ihren pädagogischen Doktortitel errang, versuchten die Pädagogen als Erziehungswissenschaftler den Weg von Fachhochschulen in die traditionellen Universitäten zu erklimmen. Ich erinnere mich noch gern an eine Sitzung der Fakultät 5 an der Technischen Universität Hannover der frühen 70er Jahre, als die Mitglieder der Pädagogischen Hochschule in unsere, gegen die Vorurteile der etablierten Naturwissenschaftler und Techniker ankämpfende junge Fakultät aufgenommen werden wollten. Der sehr auf sein wissenschaftliches Prestige bedachte Hans Mayer erhob sich und drohte, den Raum zu verlassen, weil er der Meinung war: „Pädagogik ist doch gar keine Wissenschaft!“ Die beleidigten Erziehungswissenschaftler zogen unter Protest aus. Die Schavanen wollen nun ihren Kopf mit dem Argument retten, die wissenschaftlichen Maßstäbe in der Pädagogik der 70er Jahre seien andere gewesen als in den Geisteswissenschaften heute. Hans Mayer kann in seinem Berliner Ehrengrab vor Freude in die Hände klatschen.

Das dümmste Argument des Schavanismus ist das der Zeit: In den frühen 70er Jahren hätte es nicht so klare Regeln wie heute gegeben. Da lachen nicht nur die linken Hühner – zu einer Zeit, als der Bund Freiheit der Wissenschaft den Qualitätsverfall der deutschen Universität als Folge von „68“ beklagte, will eine junge, aufstrebende Christdemokratin von der Laxheit akademischer Regelauslegung profitiert haben! Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Korruption der Universität durch Macht und akademisch-politische Kumpanei ist viel älter als Frau Schavan. Noch in den 20er und frühen 30er Jahren konnte man in Westeuropa mit dünnen Arbeiten promovieren und habilitieren, die heute kaum angenommen würden. Von 1933 bis 1945 haben an deutschen Universitäten Leute promoviert und habilitiert, die in ihren Arbeiten mit der nationalsozialistischen Weltanschauung konform gingen. Diese akademischen Respektspersonen durften im nachnationalsozialistischen Deutschland nicht nur ihre Titel behalten, sondern in überwältigender Mehrheit auch ihre Lehrstühle. Ohne die Rückendeckung der Politik wäre die Restauration der deutschen Hochschulen nach 1945 nicht möglich gewesen. Unter den Politikern des durch Kollaboration oder gar aktiv am Nationalsozialismus beschädigten Bürgertums wurde es Mode, sich mit akademischen Doktortiteln zu schmücken: Gern ließ sich ein Herr Dr. Strauß und später ein Herr Dr. Kohl ankündigen. Kohl hatte in Heidelberg die um Renommee bemühte junge Politikwissenschaft studiert und auch promoviert. Seine 1958 angenommene und inzwischen verschwundene Arbeit „Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945“, ist so dünn, dass sie sich kaum heften lässt. Eine Teilnehmerin des damaligen Oberseminars, eine inzwischen verstorbene Rundfunkredakteurin, hat mir erzählt, Kohl hätte dieses Werk ohne seinen viel fleißigeren und intelligenteren Freund Vogel gar nicht zustande gebracht. Vogel wurde später Kohls Nachfolger als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und danach MP im neuen politischen Vakuumsland Thüringen, als der Kanzler noch Posten zu verteilen hatte. Unter heutigen Bedingungen hätte Kohl kaum Dr. bleiben können; aber er hat ja unbeschädigt sogar Straftaten überstanden, gegen die diese akademischen Vergehen „Petitessen“ sind.

»Écrasez l’infâme!«

Kommentare


Richard Albrecht - ( 08-02-2013 10:05:01 )

Darf ich anderthalb Schritte weitergehn als @ Dr. Detlev Claussen und zu SCHAVAN ALS SYMPTOM drei Fragen stellen:

Frau Prof. Schavan http://www.fu-berlin.de/campusleben/lernen-und-lehren/2009/090216_schavan darf nun nicht mehr „ihren“ fachpädagogischen Dr.phil.-Titel führen. Soweit klar.

-Fr.Sch. hat(te) kein Erstexamen wie Diplom, MA oder Staatsprüfung Lehramt. Welche Amigos sorgten dafür, daß sie überhaupt als Doktorandin zugelassen / angenommen wurde?

-Fr.Sch.s Text wurde zwei Mal begutachtet. Hatten diese beiden Professoralamigos die damals mit der zweitbesten Note „magna cum laude“ bewertete Arbeit überhaupt gelesen und so gar nichts bemerkt oder konnten sie´s nicht bemerken, weil sie nichts konnten, vielleicht nicht mal wissenschaftlich lesen?

-Fr.Sch. kann überhaupt nicht wissenschaftlich arbeiten, konnte aber jahrzehntelang glaubhaft vorgeben, sie könnte es. Kennzeichnet dieses Als-Ob-Syndrom nicht einen bestimmten gesellschaftlichen Identitätstyp und veranschaulicht: wenn es diese Typen beiderlei Geschlechts nach „ganz oben“ bringen - handelt es sich dann typischerweise und gemessen an den Möglichkeiten in einem realexistierenden Reservoir an Qualifizierten und Könner/innen nicht um eine im Wortsinn lumpenelitische Negativselektion, auf Deutsch: eine Negatiefstauswahl?

Mit freundlichem Gruß

Richard Albrecht, 080113
http://eingreifendes-denken.net

Marc B. - ( 09-02-2013 12:51:41 )
@RA: Die grundständige Promotion ist auch heute noch möglich, aber natürlich selten. Zu den Amigos kann ich nur feststellen, dass Frau Schavan während ihres Studiums Vorsitzende der Jungen Union war und bereits eng mit dem Cusanus Werk zusammenarbeitete. Dort bekam Sie dann ja auch ihre erste Anstellung, als frische Doktorin.

@DC: Die Dissertation von Helmut Kohl ist keineswegs verschwunden, sie ist in allen einschlägigen Repositorien von Hochschulschriften vorhanden und kann dort jederzeit eingesehen werden. Ich hatte sie schon vor Jahren mal in der Hand. Sie ist auch keineswegs ungewöhnlich dünn. Die 161 Seiten waren damals im üblichen Rahmen, wenn auch wohl im unteren Drittel.

paula mishan - ( 16-02-2013 01:20:06 )
auch in diesm ordentlich wissenschaftlichen Forum, möchte ich noch einmal darauf aufmerksam machen, dass nicht nur unsere Wissenschaftlichkeit zerstört wird, sondern auch die gesellschaftlichen Regeln : Schavan war die jenige, die am allerlautesten und am schnellsten gegen Gutenberg gearbeitet hat. Sie wollte damit demonstrieren, wie weit sie vom Betrug entfernt ist- das psychische Muster dahinter würde Herrn Prof. Dr. Freud viel Genugtuung über seine Thesen bringen.Und ich gönne ihre den Niedergang.

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erstellt am 07.2.2013