Conceição Lima liest Antiepopeya

Conceição Lima war als einzige portugiesisch-sprachige Autorin bei den Afrikanischen Literaturtagen in Frankfurt am Main am 25. und 26. Januar 2013 anwesend. Die Journalistin und Lyrikerin aus São Tomé und Príncipe nahm unter anderem am Werkstattgespräch „No gender palava“ über die Situation schreibender Frauen teil. Renate Heß sprach mit Conceição Lima über ihre Arbeit und die aktuelle Situation in São Tomé und Príncipe.

Schwerpunkt Afrika

Interview mit Conceição Lima

Renate Heß: Ihre berufliche Laufbahn haben Sie in São Tomé und Principe begonnen, wo Sie in den 90er Jahren eine Wochenzeitung gründeten: O País hoje. Ein paar Jahre später gingen Sie nach London und arbeiteten dort für die BBC. Dort haben Sie auch angefangen, Gedichte zu schreiben.

Conceição Lima: Ja. Meine ersten beiden Bücher wurden in London veröffentlicht. Das erste „Die Gebärmutter des Hauses“ enthält einige Gedichte, die ich schon in São Tomé geschrieben habe, aber der größte Teil der Gedichte entstand in London. Dort schrieb ich auch mein zweites Buch „Die schmerzvolle Wurzel des Affenbrotbaums“. Beide Gedichtbände wurden nun auch ins Deutsche übersetzt.

Wie haben Sie es geschafft, Ihre berufliche Arbeit mit dem Schreiben zu vereinbaren.

Das ist für mich eine interessante Ergänzung. Ich fühle mich privilegiert, weil ich beruflich das machen kann, was mir gefällt. Es gibt viele Leute, denen ihre Arbeit keinen Spaß macht. Dichterin zu sein ist für mich eine Berufung und ein Amt, so habe ich beides sehr intensiv und ohne jedes Opfer leben können. Ich schreibe vor allem nachts, manchmal spät in der Nacht. Ich brauche das Alleinsein und die Stille um mich herum, um schreiben zu können, so war es einfach, beides miteinander zu verbinden.

Wie ist Ihre aktuelle Situation, nachdem Sie nach São Tomé zurückgekehrt sind?

Vor zwei Jahren wurde mein Fernsehprogramm, das als das meistgesehene im Land galt, von der Regierung zensiert und gestrichen, und ich wurde beim Fernsehen entlassen. Seitdem arbeite ich als Freelancer, was in São Tomé nicht einfach ist, da der Markt sehr begrenzt ist. Aber es taucht immer etwas auf, und ich habe Arbeit.
Zu meiner Situation als Schriftstellerin: Ich habe einen neuen Gedichtband zur Veröffentlichung vorbereitet, der sich radikal von den bisherigen unterscheidet. Der Band versammelt Glossen und Kommentare, die ich im Lauf der Jahre in den verschiedenen Zeitungen geschrieben habe. Ich suche die eher literarischen Texte aus, die weniger zeitgebunden sind oder ihre Aktualität nicht verloren haben. Außerdem habe ich begonnen, einen Roman zu schreiben, der auf historischen Fakten beruht, dafür muss ich einiges recherchieren, das braucht Zeit. Für dieses Jahr plane ich die Veröffentlichung des Gedichtbands und der Glossen.

Werden Sie diese Bücher in São Tomé veröffentlichen oder in Portugal?

Mein Verlag ist die Editoral Caminho in Portugal. Der Verlag hat meine drei bisherigen Bücher veröffentlicht, und ich habe einen Vertrag mit Caminho. Aber ich bin gerade mit dem Verlag im Gespräch, um eine billigere Ausgabe meiner Bücher für São Tomé auszuhandeln. Die Einkommen und der Lebensstandard sind dort sehr viel niedriger. Die Leute haben nicht die Gewohnheit zu lesen, die Buchpreise schrecken sie noch mehr ab. Wenn wir also eine lokale Ausgabe machen und dafür eine Förderung bekommen, kann das vielleicht Leser motivieren.

Gibt es lokale Verlage?

Es gibt Druckhäuser, die Bücher publizieren.

Und gibt es eine Zusammenarbeit mit Portugal?

Nein, diese Druckhäuser sind autonom.

Sie haben bei dem Workshop „No gender palava“ der afrikanischen Literaturtage mit großem Stolz auf den Beitrag von Schriftstellern aus São Tomé und Príncipe zur afrikanischen Literatur verwiesen. Sie haben dabei Namen aus dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert wie Caetano da Costa Alegre und Francisco José Tenreiro genannt. Wie stellt sich die heutige Situation der Literatur in São Tomé und Príncipe dar?

Wenn man über die heutige Literatur in São Tomé und Príncipe spricht, muss man vor allem folgende Namen nennen: den Romancier und Erzähler Albertino Bragança, Aíto Bonfim, Lyriker und Dramatiker, die beiden Lyriker Frederico Gustavo dos Anjos und Armindo Vaz D´Almeida und Maria Olinda Beja, Lyrikerin und Erzählerin. Francisco Costa Alegre schreibt sowohl Gedichte als auch Romane und Glossen. Vor kurzem veröffentlichte Cristina Barbosa ihren ersten Roman „Yê Reguê“ und der Lyriker Alcino Baptista de Sousa wird demnächst mit seinem ersten Roman folgen. Nach dem kämpferischen Grundton der Gründungsväter sucht man jetzt neue Wege einzuschlagen, wobei man nach wie vor auf die Geschichte zurückgreift und dabei mehr oder weniger stark das Soziale betont.

Ist die Situation der schreibenden Frauen in São Tomé anders als die der Männer?

Nach meiner Ansicht gibt es keine Unterschiede, die Zwänge sind gleich. Das Interesse des Publikums ist, wenn es denn vorhanden ist, ebenfalls gleich. Zum Beispiel strömten die Leute zur Buchvorstellung von Cristina Barbosa. Es gibt also keine Diskriminierung der schreibenden Frauen. In manchen Verlagen haben sie sogar größere Chancen, gedruckt zu werden.

Sie haben bei der Veranstaltung Ihr Gedicht „Das Haus“ vorgetragen und in diesem Zusammenhang den ununterbrochenen Prozess der Konstruktion des Gedichts mit dem ununterbrochenen Prozess der Konstruktion der Gesellschaft gleichgesetzt. Können Sie darauf noch etwas eingehen?

Mein Land ist 1975 unabhängig geworden. Es ist ein sehr kleines Land. Es umfasst flächenmäßig etwa tausend Quadratkilometer und es hat 180.000 Einwohner. Es ist noch abhängig von den Monokulturen im Kaffee- und Kakaoanbau und es lebt vor allem von der Hilfe der internationalen Gemeinschaft. Man kann also auf keinen Fall von einer ökonomischen Unabhängigkeit sprechen. Die Perspektiven können sich aber rasant ändern, denn die Möglichkeit, Erdölvorkommen auszubeuten, steht kurz bevor. Das wird die soziale und ökonomische Situation des Landes radikal verändern. Aber noch ist das nicht Realität. Wir müssen auch auf die Entwicklung der Landwirtschaft und des Tourismus setzen, das ist ein Weg, der nur sehr langsam beschritten wird.
Politisch ist dieses Land sehr instabil. Keine Regierung gelangt bis ans Ende der Legislaturperiode. Man muss immer von Neuem beginnen. Gerade ist wieder eine Regierung gestürzt. Es gibt dauernde Regierungswechsel. In zweiundzwanzig Jahren Mehrparteiensystem hatten wir 14 verschiedene Regierungen. Diese Gesellschaft – jedwede Gesellschaft – befindet sich in einem ständigen Prozess des Aufbaus und Umbaus.
Im konkreten Fall von São Tomé sind diese Anstrengungen des Aufbaus ganz augenscheinlich, die kleinste Änderung fällt sofort auf.
Die Hoffnung auf Erdölförderung regt viele São Tomenser an, aus der Diaspora zurückzukehren. Es gibt auch viele Ausländer, die sich von den Inseln angezogen fühlen und sich hier niederlassen. Wir befinden uns also in einer gesellschaftlichen Umbauphase, wie es sie früher schon gab und wohl später wieder geben wird. Dieses Projekt geht nie zu Ende, es ist ein fortwährendes Projekt, das immer andauern wird.

Und die Literatur spielt hierbei eine Rolle.

Ja. Die Literatur spielt eine ausgesprochen wichtige Rolle. In meiner Dichtung hat São Tomé einen zentralen Platz, obwohl ich viele Erfahrungen in anderen Ländern der Welt gesammelt habe. Ich bin von São Tomé und Príncipe und ich schreibe über São Tomé und Príncipe. São Tomé und Príncipe durchdringen mein ganzes Schreiben.
Ich denke, die Literatur ist auch ein Faktor beim Aufbau der Gesellschaft. Je mehr die Schriftsteller ihre Kreativität und ihren kritischen Geist freisetzen können, desto mehr tragen sie zu diesem dauernden Prozess des Aufbaus und der Entwicklung der Gesellschaft bei.

Conceição Lima, vielen Dank für dieses Gespräch. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.

Renate Heß, Jahrgag 1948, Gymnasiallehrerin. 1983-1988 Lektorin für deutsche Sprache an den Universitäten Coimbra und Lissabon. Seitdem Veröffentlichungen zu portugiesischer Literatur und Kultur. Arbeitet seit 2011 ehrenamtlich bei Radio Darmstadt mit.

Siehe auch:
LUSOPHONE LITERATUR: BRASILIEN, PORTUGAL

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erstellt am 06.2.2013

Foto: Wolfgang Becker
Foto: Wolfgang Becker

CONCEIÇÃO LIMA wurde am 8. Dezember 1961 auf der Insel São Tomé in der Ortschaft Santana geboren, wo sie aufwuchs und die Schule bis zur Hochschulreife besuchte. Zum Journalistik-Studium ging Conceição Lima nach Portugal, kehrte anschließend in die Hauptstadt São Tomé zurück und arbeitet dort in den Medienbereichen Radio, Fernsehen und Presse. In den 90er Jahren gründete und leitete sie die unabhängige Wochenzeitung O País Hoje. Danach ging sie nach London, wo sie Afro-Portugiesische und Brasilianische Studien am King‘s College und Afrikanische Politik an der School of Oriental and African Studies (SOAS) studierte. Viele Jahre arbeitete die Journalistin bei der BBC als Produzentin portugiesischsprachiger Sendungen. Sie veröffentlichte ihre Gedichte in Zeitschriften, Zeitungen und Anthologien.

Im portugiesischen Original:

Na praia de São João

In der deutschen Übersetzung gesprochen von Thomas Brückner:

Am Strand von São João

Audios © Andrea Pollmeier, Faust-Kultur

Auf Deutsch erschienen:

Die Gebärmutter des Hauses &
Die schmerzvolle Wurzel des Affenbrotbaums
O Útero da Casa & A Dolorosa Raiz do Micondó
Gedichte, zweisprachig: Portugiesisch – Deutsch
Einband, broschiert
212 Seiten
Edition Delta
ISBN 978-3-927648-26-5

Edition Delta