Die Geschichte des Teatro Colón in Buenos Aires ist seit seiner Gründung eng mit europäischer Kultur und Politik verflochten. In den dreißiger und vierziger Jahren, fanden viele Wagner-Heroen, für die das Leben in Deutschland unmöglich geworden war, am Colón eine neue Wirkungsstätte. Die Dirigenten Erich Kleiber und Fritz Busch prägten das deutsche Repertoire und wurden zu Idolen des argentinischen Musiklebens. Einzelheiten erläutert Sieglinde Oehrlein.

Ortstermin: Buenos Aires

Michael Gielens aufregendster Tristan

Das Teatro Colón und seine Wagner-Tradition

Von Sieglinde Oehrlein

Auf dem Programm des Teatro Colón in Buenos Aires sind beide diesjährigen Jubilare vertreten: Verdi mit Maskenball und Otello sowie einer Galavorstellung am 22. August, Wagner muss sich seine „Hommage“ am 23. Mai, einen Tag nach seinem Geburtstag, mit Sergej Rachmaninow teilen. Sein Kompakt-Ring – „zerbrochen“ von Katharina Wagner wenige Wochen vor der Premiere und neu geschmiedet von der Argentinierin Valentina Carrasco, war bereits vergangenes Jahr ein medienträchtiges Ereignis. Eröffnet wurde das Teatro Colón 1908 mit Verdis Aida, in derselben Spielzeit gab es aber auch Tristan und Isolde und Siegfried, beide mit der Gran Compañía Lírica Italiana. Wagner hat in Buenos Aires Tradition.
Das Teatro Colón war schon immer ein Traumziel für Musiker. Eine deutsche Spielzeit, neben der italienischen, gab es von Anfang an, jahrelang teilten sie sich die Dirigenten Erich Kleiber und Fritz Busch, sie „prägten das deutsche Repertoire und nahmen so entscheidenden Einfluss auf die Programmgestaltung … Sie waren Idole des argentinischen Musiklebens“, wie Sergio Renán, mehrmals Direktor des Theaters, betont.

Die dreißiger und vierziger Jahre, Zeiten persönlicher Tragödien zahlreicher Künstler in Europa, gereichten dem Haus zu künstlerischem Ruhm. Deutsche oder österreichische Musiker, darunter viele Wagner-Heroen, für die das Leben in Deutschland unmöglich geworden war, fanden am Colón eine neue Wirkungsstätte.

Felix Weingartner (1863-1942) war es, der am 27. August 1920 vom Dach des Teatro Coliseo aus das Radiozeitalter in Argentinien weihevoll eingeleitet hatte: mit Parsifal, gesungen auf Italienisch. Bei seinem zweiten Besuch 1922 traf Weingartners Ensemble während der Schiffsüberfahrt mit einer italienischen Künstlertruppe zusammen. „Die italienischen verstanden sich mit den deutschen Musikern während der Reise gut (ausgenommen Mascagni), obwohl sie im Krieg auf verschiedenen Seiten gestanden hatten“, schreibt Lotte Lehmann, die Freia im Rheingold, in ihrer Biographie.
Mit Weingartner und den Wiener Philharmonikern erklang zum ersten Mal im Colón der komplette Ring auf Deutsch. Weingartner zitiert in seinen Lebenserinnerungen den damaligen deutschen Gesandten Pauly mit den Worten: “Sie haben mit ihrer Kunst hier mehr für das Deutschtum getan, als wir Diplomaten es könnten.“

Am 29. April 1931 war Otto Klemperer von Cuxhaven aus mit dem Dampfer „Cap Polonio” abgefahren. In seiner Biographie liest man: „Bei der Landung in Buenos Aires am 16. Mai war das Gremium, das dem Teatro Colón vorstand, vollzählig zur Begrüßung erschienen”. Das Argentinische Tageblatt, eine noch heute existierende Zeitung, schrieb am 17. Mai: „Unter seiner Stabführung werden Freitag, als Eröffnungsvorstellung der Saison, `Die Meistersinger` von Richard Wagner aufgeführt.” Klemperer dirigierte sie sechs Mal zwischen dem 22. Mai und dem 21. Juni. Regie führte ein Hans Sachs, wenn auch nicht der „originale”; Alexander Kipnis, von den Nazis verfolgter Jude, sang den Pogner. Er verabschiedete sich vom Teatro Colón 1941 nach sieben Spielzeiten und einer Vielzahl von Wagnerrollen. Erhalten ist eine Aufnahme seines Gurnemanz vom 22. September 1936 unter Fritz Busch.

Programmzettel: Erich Kleiber, 1949
Programmzettel: Erich Kleiber, 1949

Auch Erich Kleiber, der sich 1935 zur Emigration entschloss, war dem Teatro Colón schon früh verbunden. Am 12. September 1926, während einer Probe zum Deutschen Requiem von Brahms, hatte er seine spätere Frau, Ruth Goodrich, kennengelernt. Zehn Spielzeiten lang, 1937 bis 1941, 1943, 1946 bis 1949, bescherte er dem Publikum denkwürdige Aufführungen: Der fliegende Holländer, Die Meistersinger, Tristan, Parsifal, Lohengrin und Siegfried mit der deutschen Wagner-Elite, Anny Konetzni (als Venus), Max Lorenz und Alexander Kipnis und sehr häufig mit Josef Gielen, Vater des Dirigenten Michael Gielen, als Regisseur. Neben der Tür zu Kleibers Büro hing eine Plakette mit seinem Leitspruch: „Routine und Improvisation sind die beiden Todfeinde der Kunst”. Einer seiner treuesten Zuhörer war Präsident Marcelo T. de Alvear, er hatte sich entschieden dafür eingesetzt, dass Kleiber die argentinische Staatsbürgerschaft bekam.

Es existieren Live-Aufnahmen von ihm mit Kirsten Flagstad als Isolde und Viorica Ursuleac, der Gattin von Krauss, als Brangäne vom 20. August 1948, vom Rheingold mit der aus dem polnischen Lodz stammenden Lydia Kindermann als Erda vom 7. August 1947. Sie musste Deutschland verlassen und emigrierte 1938 nach Argentinien, wo sie am Teatro Colón immer wieder in Wagnerrollen zu hören war.

Kaum jemand verbindet Arturo Toscanini (1867-1957) mit Buenos Aires, doch war er es, der hier bereits 1901 Tannhäuser und Lohengrin dirigierte und am 1. August die argentinische Erstaufführung von Tristan und Isolde, 1903 Die Meistersinger, 1904 erneut Lohengrin, 1906 die Walküre, 1912 Tristan und Götterdämmerung – auf italienisch – außermusikalische Großtat Toscaninis, der sich geweigert hatte, für Mussolini und Hitler zu spielen, 1941 die Verpflichtung Friedelind Wagners, Enkelin des Meisters und „enfant terrible“ des Wagner-Clans, an den Chor des Teatro Colón, was ihr die Flucht vor den Nazis ermöglichte.

Für eine weitere Wagner-Anekdote sorgte Clemens Krauss. Die von Hitler angebotene Ehrenmitgliedschaft in der NSDAP hatte er 1943 abgelehnt, 1945 wurde er mit Berufsverbot belegt. Von seinem einzigen Besuch in Buenos Aires im Jahr 1948 berichtet der Tenor Anton Dermota: Von einem Mittagessen sei Krauss plötzlich aufgesprungen, weil er zu seinem Spanischunterricht musste. Er habe sich entschieden, in Argentinien zu bleiben, da es dort „sicherer” sei. Kollege Kleiber unterstützte ihn in seinem Vorhaben. Für die Eröffnung der deutschen Saison am 13. August mit Tristan und Isolde fehlte noch eine Brangäne. Erich Kleiber gelang es, die rumänische Sopranistin und Strauss-Spezialistin Viorica Ursuleac zum Einspringen überreden. So sang sie in Buenos Aires die einzige Mezzopartie ihrer Karriere, und dies mit erlesenen Kollegen, Kirsten Flagstad als Isolde und Hans Hotter als Kurwenal.

Die Ablehnung, die Fritz Busch dem Naziregime entgegenbrachte, war ebenfalls allgemein bekannt. Er verließ Deutschland bereits im Mai 1933. Acht Spielzeiten lang, 1933 bis 1936 und 1941 bis 1945, wurde er am Teatro Colón als der größte Wagnerdirigent gefeiert. Er fühlte sich in Buenos Aires bald zu Hause, wie sein Sohn Hans Busch bezeugte. In der Spielzeit 1936 dirigierte er einen Lohengrin, bei dem die Solisten deutsch sangen, der Chor sang spanisch. Das Nebeneinander der Sprachen wurde im täglichen Umgang ebenso wie auf der Bühne praktiziert. Auf die Frage von Marjorie Lawrence als Kundry, weshalb sie im 2. Akt Parsifal ein zweites Mal küssen sollte, antwortete Hans Busch: „Ne kiss pas otra volta.”

Privates verband Astrid Varnay, die 1947 unter Erich Kleiber die Brünnhilde gesungen hatte, mit Buenos Aires. In ihren Erinnerungen My life in Opera berichtet sie: Nach einer Aufführung stellte sich heraus, dass zwei ältere Damen 1923 in der Zauberflöte in einer Inszenierung ihres Vaters und mit ihrer Mutter, Maria Javor-Varnay als Königin der Nacht im Chor mitgesungen hatten.

Bei einer Probe für Tristan und Isolde mit Kirsten Flagstad, ebenfalls unter Kleiber, war der Korrepetitor erkrankt. Der Regisseur Josef Gielen wurde gefragt: „’Ihr Sohn spielt doch alle möglichen Opern für sich zu Hause durch, hat er auch Tristan drauf?’“ Er hatte, und so erlebte Michael Gielen, von 1977 bis 1987 Direktor der Oper Frankurt, „in dieser Generalprobe den aufregendsten Tristan in meiner Erinnerung, besonders das Meer von Isoldes Emotionen und ihre Rachelust brandete in unglaublicher Erregung auf, und er (Kleiber) sang dazu die gesamte Partie der Isolde in gestürztem Falsett mit allen Noten und einem phänomenalen Ausdruck”. Und damit begann Gielens Opernlaufbahn.

Denkwürdige Ringe gab es 1962 unter Heinz Wallberg mit Hans Hotter, Fritz Uhl, Marga Hoeffgen, Birgit Nilsson, Ursula Boese und Hans Hopf, 1967 unter Ferdinand Leitner mit Birgit Nilsson als Brünnhilde und Gwyneth Jones, die als Sieglinde debütierte, sowie Wolfgang Windgassen als Siegfried. Eine neue Generation internationaler Wagnersänger brachte die Walküre von 1981 unter Hans Wallat mit James King (Siegmund), Matti Salminen (Hunding), Thomas Stewart (Wotan), Jeannine Altmeyer (Sieglinde), Ute Vinzing (Brünnhilde) und Waltraut Meier (Fricka). Die Brünnhilden von 1996 bzw. 1998 waren Nadine Secunde und Hildegard Behrens.

Statt des zur Hundertjahrfeier der Eröffnung am 25. Mai 2008 geplanten Tristan unter dem in Buenos Aires geborenen Daniel Barenboim gab es zunächst Tristesse, Querelen, Stillstand, Verzögerungen. Die Wagnerianer mussten warten, der Ring schloss sich erst wieder 2012, und längst sind es auch argentinische Sänger, die daran „mitschmieden“.

Kommentare


Beatriz Cenci - ( 27-06-2014 07:43:11 )
Those were the days…of glory! of the Teatro Colón. It suffers nowadays lots of humiliation but there are still musicians who work hard to hold its prestige as high as possible.
I thank Sieglinde for this research.

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erstellt am 04.2.2013

Das Teatro Colón um 1910

Das Teatro Colón in Buenos Aires um 1910 und heute

Das Teatro Colón
Alexander Kipnis als Gurnemanz

Alexander Kipnis, von den Nazis verfolgter Jude, sang den Pogner. Er verabschiedete sich vom Teatro Colón 1941 nach sieben Spielzeiten und einer Vielzahl von Wagnerrollen. Erhalten ist eine Aufnahme seines Gurnemanz vom 22. September 1936 unter Fritz Busch.

Erich Kleiber
Astrid Varnay sang 1947 unter Erich Kleiber die Brünnhilde

Astrid Varnay sang 1947 unter Erich Kleiber die Brünnhilde