Buchkritik

Peter Zadek und seine Bühnenbildner

Noch ehe das erste Wort gesprochen ist, sieht der Theaterbesucher ein Bühnenbild. Es ist der erste Eindruck einer Vorstellung, weckt Erwartungen, lenkt die Wahrnehmung. Manchmal gibt es dafür spontanen Applaus. Aber in den Rezensionen wird es in der Regel ebenso vernachlässigt, allenfalls nebenbei erwähnt, wie die Kameraarbeit, der Schnitt oder das Drehbuch in Filmkritiken. Zu Unrecht.

Die bedeutenden Regisseure wissen durchaus, welche Bedeutung dem Bühnenbild zukommt – wobei der Begriff „Bühnenbild“ eigentlich historisch ist. Die schlicht gemalten Kulissen gehören einer fernen Vergangenheit an. Schon seit längerem sind es Räume, nicht Bilder, die da entworfen werden. Soll man wirklich bei den enigmatischen Entwürfen Anna Viebrocks, zum Beispiel, von „Bildern“ sprechen? Einige Regisseure haben ihre Lieblings-Bühnenbildner, mit denen sie kontinuierlich zusammenarbeiten, und nicht selten hat das Bühnenbild erst den einen oder anderen Regieeinfall provoziert – etwa in Claus Peymanns legendärem Stuttgarter Faust, für den Achim Freyer die Räume geschaffen hatte.

So ist es nur fair, wenn eine Publikation der Berliner Akademie der Künste den Blick auf die Bühnenbildner des wohl genialsten deutschen Theaterregisseurs der vergangenen Jahrzehnte richtet. Elisabeth Plessen, die Schriftstellerin und Frau Peter Zadeks, ist wie niemand sonst dafür berufen. Und so erinnert der großformatige Band an die Kunstwerke von Wilfried Minks, Götz Loepelmann, Daniel Spoerri, Peter Pabst, Horst Sagert, Johannes Grützke, Rouben Ter-Arutunian, Karl Kneidl und André Diot. Ihnen gehört das Interesse. Aber ein Werkverzeichnis im Anhang macht ihn zugleich zu einem Monument für den Mann, der diese Bühnenbildner verbindet, für Peter Zadek eben. Die ergänzenden Interviews verraten ebenso viel über die Bühnenbildner wie über Zadek.

Mit Wilfried Minks, der, wie manche Bühnenbildner, bald darauf selbst zur Regie fand, stieß Zadek gleich nach seiner Übersiedlung von England nach Deutschland auf einen der begabtesten und mutigsten Erneuerer des Bühnenbilds. Sein überdimensionales Foto von Rita Tushingham, der englischen Hauptdarstellerin in dem Kultfilm Bitterer Honig, als Hintergrund für eine Inszenierung von Wedekinds Frühlings Erwachen galt ebenso als revolutionär wie sein an Roy Lichtensteins Comic-Vergrößerungen angelehntes Bühnenbild zu den Räubern 1966 in Bremen, wo damals unter der Intendanz von Kurt Hübner das aufregendste junge Ensemble zusammengekommen war.

Karg wirkte dem gegenüber Götz Loepelmanns Bühne für die Bochumer Möwe von 1973. Für andere Stücke, etwa für Hedda Gabler, hat dieser Künstler wiederum detailverliebte Räume gestaltet, deren Realismus nur durch verzerrte Dimensionen gestört wird. Für den legendären Hamburger Othello mit Ulrich Wildgruber, Eva Mattes und Heinrich Giskes hat der ursprüngliche Kostümbildner Peter Pabst ein Bühnenbild entworfen, das Raum ließ für Zadeks anarchische Figurenführung.

Wie wenig Peter Zadek stilistisch festgelegt war, beweist seine Zusammenarbeit mit Johannes Grützke. Seine Bühnenbilder sind, völlig anders als etwa die von Minks, malerisch gedacht, Dokumente der „Schule der neuen Prächtigkeit“, deren prominentestes Mitglied eben Grützke war. Sie entwickeln ein derartiges Eigengewicht, dass die Inszenierungen gar nicht im traditionellen Sinn eingebettet werden konnten: Sie mussten das Bild vielmehr als irritierenden Störfaktor akzeptieren. Bei Grützke kommt man nicht auf die Idee, das Bühnenbild könne bloß Beiwerk sein, bloß dienende Funktion haben.

Karl Kneidls geometrisierenden, unterkühlten Bühnenbilder stehen wiederum im größten denkbaren Gegensatz zu der Wildheit von Grützkes Malerei. Sie weisen eher in die Richtung von Karl Ernst Hermann, mit dem Zadek nie zusammengearbeitet hat, aber auch zurück auf den frühen Wilfried Minks. Ist es ein Zufall, dass auf einem Foto des Wiener Kirschgartens von 1996, zu dem Kneidl das Bühnenbild verantwortet, außer den Schauspielern nur die Andeutung einer skizzenhaften Hochspannungsleitung im Hintergrund zu erkennen ist?

Sieben Stücke hat Peter Zadek mehrfach inszeniert, zum Teil mit einem Abstand von mehr als 30 Jahren. Da hätte man sich mehr Bildmaterial gewünscht, das den Vergleich – möglichst der identischen Szenen – erlaubt.

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erstellt am 04.2.2013

Peter Zadek und seine Bühnenbildner
Wilfried Minks | Götz Loepelmann | Daniel Spoerri | Peter Pabst | Horst Sagert | Johannes Grötzke | Rouben Ter-Arutuian | Karl Kneidl | André Diot
Herausgegeben von Elisabeth Plessen
im Auftrag der Akademie der Künste Berlin 2012
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