Buchkritik

Die Milgrom-Saga

Eine Familiengeschichte über das jüdische Leben in Odessa zu Beginn
des 20. Jahrhunderts

Von Stefana Sabin

Vor allem als radikaler Zionist und als Gründer der militärischen Untergrundorganisation Irgun wird Vladimir Zeev Jabotinsky heute erinnert – in Israel sind mehr Straßen, Plätze und Parks nach ihm benannt als nach irgendeinem anderen Helden der jüdischen oder israelischen Geschichte. Aber Jabotinsky, der 1880 in Odessa geboren wurde und 1940 bei New York gestorben ist, war ein schillernder Intellektueller: Journalist, politischer Essayist, literarischer Übersetzer, Philologe, Schriftsteller. Seine Übersetzung aus dem Hebräischen ins Russische von Chaim Nachman Bialiks Gedicht In der Stadt des Schlachtens (1904), in dem das Pogrom von Kischinew geschildert wird, zerbrach den Assimilationstraum der russischen Juden, und in seinem Epos Samson der Nasiräer (1926) gestaltete er die biblische Geschichte um Samson zu einem wuchtigen russischen Roman um.

Während Jabotinskys zionistische Ansichten schon zu seinen Lebzeiten umstritten waren, galt sein monumentaler Samson-Roman von Anfang an als literarische Meisterleistung. Im Vergleich dazu ist sein später Odessa-Roman Die Fünf eine Petitesse. 1936 in Paris und zehn Jahre später in New York erschienen, wurde dieser kleine Roman 1990 in Jerusalem (nicht zuletzt im Zuge der russischen Einwanderung nach Israel) neu herausgebracht. Nun ist er als edel gestalteter Band 336 der Anderen Bibliothek auch in deutscher Übersetzung erschienen. Unverständlich ist, zumal da ein erklärendes Vor- oder Nachwort fehlt, warum der Untertitel weggelassen wurde, der den thematischen, räumlichen und zeitlichen Rahmen der Erzählung absteckt: „Ein Roman über das jüdische Leben in Odessa um die Jahrhundertwende.“

Die Fünf aus dem Titel sind die Kinder von Anna Michailowna und Ignaz Albertowitsch Milgrom, einem wohlhabenden jüdischen Ehepaar: Die älteste Tochter Marussja ist eine charmante Salonnière, halb Femme fragile und halb Femme fatale. Marko ist ein gutmutiger Träumer, den der Vater zum „Dummkopf“ erklärt. Serjosha hält sich selbst für einen „Taugenichts“, und alle anderen halten ihn für einen amüsanten Hochstapler. Torik gilt als seriös und zuverlässig und bereitet sich darauf vor, das väterliche Geschäft zu übernehmen. Lika, die jüngste Tochter, ist eine verschlossene Intellektuelle, die sich als Revoluzzerin geriert.

Sind die Eltern bürgerlich gesittet, so sind die Kinder exzentrisch und eigenwillig, und ihre Lebenswege spiegeln die moralischen und politischen Verwirrungen der Zeitläufe. Die Milgroms, so die Suggestion des Erzählers, exemplifizieren das jüdische Odessaer Bildungsbürgertum zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und ihr Niedergang kündigt eine aufziehende alljüdische Katastrophe an, die der Zionismus möglicherweise abwenden könnte.

Der Roman hat zwei narrative Fäden: den nostalgischen Rückblick auf eine Zeit, da Odessa eine vitale multikulturelle Metropole am Schwarzen Meer war – die Epoche von Jabotiskys eigener Jugend! – und den Verfall der Familie Milgrom, der à la Schalom Alejchem erzählt wird. Diese beiden narrativen Fäden werden durch die Stimme des autobiographischen Erzählers verwoben und aufeinander abgestimmt.

Dieser Ich-Erzähler, der oft ungeschickt zwischen Distanziertheit und Betroffenheit wechselt, rekapituliert vor dem Hintergrund der romanhaften Familiengeschichte historische Ereignisse: den nationalistischen Stimmungsumschwung während des russisch-japanischen Krieges, den aufsteigenden Antisemitismus, den sich etablierenden Zionismus, das allgemeine soziale Unbehagen, die Potemkin-Revolte, die Odessa in den Mittelpunkt des sozialen Protests rückte. „Die Nacht war heiss und dunkel; tief unter uns im Hafen brannten wie immer die Leuchtfeuer auf den Molen und auf den Schiffen, zitternd gespiegelt vom Wasser, und weit hinten in der Bucht, eine Werst oder mehr entfernt, leuchtete einsam eine reglose Lichtergruppe, auf die die am Hang Lagernden neu Hinzukommende hinwiesen: der Panzerkreuzer. … Vom Hafen drang vager gleichmässiger Lärm herauf, bei dem nichts genauer auszumachen war; manchmal ertönten einzelne Ausrufe, auch sie undeutlich; zwei Mal erklang dröhnendes Massengeheul, und der ganze Steilhang verstummte abwartend.“ Die Episode, in der der Erzähler zusammen mit den Milgrom-Geschwistern vom Steilhang aus die Meuterei auf dem im Hafen von Odessa ankernden Panzerkreuzer Potemkin beobachtet, bildet den Höhepunkt der Handlung.

Von da an verdüstert sich die Stimmung der Erzählung immer mehr. Odessas Glanzzeit – ihr „Frühling,“ wie es im Roman heißt – geht in den revolutionären Wirren zu Ende, und die Lebenswege der fünf Milgrom-Geschwister führen zielstrebig in die Katastrophe: Tod, Verbannung, Konversion – die Milgrom-Saga ist eine Familientragödie!
Aber Jabotinskys Roman hat keine psychologische Tiefe – „Ich bin taub für magnetische Kräfte,“ bekennt der Erzähler schon zu Beginn, und tatsächlich gelingt ihm nicht, die Seelenlage der Figuren nachvollziehbar zu machen. Odessa, die Metropole am Schwarzen Meer, die schon im Untertitel beschworen wird, bleibt nur Kulisse.
Nicht zufällig gilt dieser Roman Jabotinskys, seine letzte literarische Unternehmung, als unbedeutend – eine Entdeckung jedenfalls ist er nicht.

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erstellt am 04.2.2013

Vladimir Jabotinsky
Die Fünf
Roman
Aus dem Russischen übersetzt
von Ganna-Maria Braungardt
Die Lyrik wurde übertragen
von Jekatherina Lebedewa
Die Andere Bibliothek
Berlin 2012

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