Er kann erzählen wie Grimmelshausen, und in seinen Anekdoten breitet sich grob- und feinstofflich die Zeitgeschichte aus. Der revolutionäre Kampf im Rhein-Main-Gebiet, die seine Lehr-, die Aufenthalte in Südamerika und China, die seine Wanderjahre waren, kommen als groteske und berührende Szenen einer kleinen Weltbühne zur Sprache. Als Protagonist scheint Harry Oberländer darin gar nicht vorzukommen: Das widerspräche seinem Selbstverständnis. Und dennoch gehört er ihr als sehr Beteiligter an, engagiert für die als gut erkannte Sache, solidarisch mit den Benachteiligten und konsequent in der Verweigerung autoritärer Anforderungen. Auf diesem Grunde arbeitet der Schriftsteller und der literarische Vermittler. Dass Harry Oberländers Leben bis jetzt in einer gewissen Spannung zu seiner Lyrik verlief – eine Spannung, die er gleichmütig zum Normalfall verklärt –, erklärt den biographischen Schwerpunkt des Faust-Gesprächs, in dem es schließlich um Poesie geht. Und die bezieht nicht selten ihre Sprachbilder aus philosophischen Grundhaltungen, wie in „Maria hinter den Meeren“. Darin werden zwei Menschen zu flüchtigen Bewohnern eines wirklichen Gedichts, die nie etwas anderes wollten, als diese Umarmungen, von denen nicht sicher ist, ob es sie gab. Das ist existentialistischer Ernst und metaphysischer Zauber in einem, – aber Oberländer kennt noch viele andere Spielarten. Es gibt ihn natürlich noch:/ den Wunsch nach großer Leichtigkeit,/ daß ich die Sätze durcheilte wie fliegend,/ die Worte wären Federn an meinen Fersen. (Gruß an Immanuel Kant)
Wir müssen uns den Dichter vielleicht als einen heiter-melancholischen Menschen vorstellen.

Faust-Gespräch mit Harry Oberländer

Soll die Welt mal zufrieden sein

»Das Leben ist nicht einfach, lebt sich als Gemisch.«, hast Du mal geschrieben.(1) Wie hat’s denn angefangen?

Es begann am 9. November 1950, in Nordhessen, in Karlshafen an der Weser, heute Bad Karlshafen. Das heißt, ich bin in einer sehr schönen Gegend und in einer sehr schönen Kleinstadt, einer sehr kleinen Kleinstadt geboren und aufgewachsen, – was mich geprägt hat.

Das Kleinstädtische?

Ja, auch das Landschaftliche, diese Fluss- und Gebirgslandschaft, die mich in allen Varianten sehr fasziniert. Wenn ich ans Meer fahre – das war mir früher nie so bewusst – fahre ich immer gerne da hin, wo nicht nur Strand ist, sondern wo auch gleich ein paar Felsen dahinter sind oder richtige Berge. Später habe ich herausgefunden, dass mich alle Flusslandschaften sehr faszinieren, also Rhein oder Mosel oder – ich will jetzt nicht angeben, sonst hätte ich glatt gesagt, das Quellgebiet des Amazonas; aber das lasse ich lieber mal weg. Das klingt so protzig, oder?

Aber Du musst ja die Erfahrungen haben!

Christoph Ransmayr hat da viel mehr Erfahrungen. Der ist viel mehr gereist, als ich. Er hat ein neues Buch bei Fischer veröffentlicht, in dem es um markante Reiseerlebnisse geht. Ich habe Christoph Ransmayr vor langer, langer Zeit, als ich drei Jahre in Hongkong zugebracht habe, kennengelernt. Da war er mit Hans Magnus Enzensberger und Gerhard Köpf, Anna Jonas und anderen in einer Delegation am Goethe-Institut unterwegs. Und weil Hongkong, was die Deutschen, die da leben, betrifft, im Vergleich zu Frankfurt so ein richtiges Dorf ist, wo alle Deutschen alle Deutschen kennen, hatte ich da sehr schnell gute Kontakte zum Goethe-Institut. Ich durfte da den Reiseführer machen und ihnen Macao und vor allem den sehr aufschlussreichen historischen Friedhof von Macao zeigen. Aber Christoph Ransmayr hat damals auf einer Dschunke im Hafen von Hongkong den Weltuntergang erlebt. Das kann man in „Atlas eines ängstlichen Mannes“ nachlesen.

Du bist also in Karlshafen aufgewachsen.

Ein anderer Hafen, ja. Karlshafen kommt nicht von Karl dem Großen, sondern von Karl, dem Landgrafen von Hessen. Der war ein Barockfürst und hat nach dem Dreißigjährigen Krieg Hugenotten angesiedelt, die in Frankreich verfolgt wurden, – wie die Homburger und die Berliner, und die Isenburger Fürsten auch. Da sind etliche Hugenottensiedlungen, Waldenserdörfer dort in der Gegend. Aber dieses Karlshafen ist eben etwas ganz Besonderes, weil Karl von Hessen das komplett hat entwerfen und bauen lassen: ein Hafenbecken mit barocker Bebauung drum herum. Das hat er gemacht, weil er so ein ehrgeiziges Kanalprojekt im Kopf hatte. Mit dem Kanal wollte er die Weser im Norden mit dem Rhein verbinden, bis zum Fürstentum Katzenellenbogen, das in der Limburger Gegend liegt. Und das wollte er alles verbinden, was nie gelungen ist, und wollte außerdem unabhängig sein von den Zöllen und Stapelzöllen, die die Hannoveraner in Hannoversch Münden erhoben. Da musste er immer all den Luxus, den er von außen importierte, auspacken und zum Teil verkaufen lassen. Solche Stapelrechte hatten die, und auch Steuern durften die drauf nehmen. Deswegen hat Karl eine Hafenstadt an der Weser gebaut, die zuerst Sieburg hieß- – Das ist ein kleiner Ort. Seit ich denken kann, hat er 3.000 Einwohner. Jetzt hat er wahrscheinlich noch weniger, weil das ja eine strukturschwache Gegend ist. Aber es ist wirklich sehr schnuckelig, also barock, wenn auch ein sehr schlichter Barock; es ist schlicht und pathetisch.

Von der Natur kann ich mir jetzt einen Begriff machen. Wie war denn die menschliche Umgebung? Das heißt, was haben deine Eltern gemacht? Wie bist Du sozialisiert worden?

Ja, ich bin ohne Vater aufgewachsen, mit meiner Mutter und meinen Großeltern. Der Großvater war ziemlich viel unterwegs, denn der war Bohrmeister und musste immer zu irgendwelchen Baustellen und tiefe Löcher bohren. Da bin ich, weil meine Mutter ja arbeiten musste – die war also berufstätig – als kleines Kind bei meiner Großmutter aufgewachsen, dann aber relativ frühzeitig in den Kindergarten und in die Schule gekommen. Ich war ganz früh von Büchern begeistert, ganz früh vom Lesen begeistert und entsprechend früh schon vom Schreiben.

Aber das kam von Dir und nicht von einem familiären Selbstverständnis?

Das kam bei mir übers Lesen und dann über die Schule. Dass es Leute gibt, die schreiben und davon leben, das habe ich in der Schule gelernt. Aber mit Büchern bin ich schon vorher stark konfrontiert worden. Ich bin ein Kind, dem Märchen erzählt worden sind. Ich habe auch viele mündliche Überlieferungen von meiner Großmutter erfahren. Die hat mir wahnsinnig viele Sachen erzählt. Sie hat mir zum Beispiel von der Judenverfolgung erzählt. Da war ich vielleicht Zehn. In ihrer Jugend war meine Großmutter als Hausangestellte bei einem Herrn Major. Dadurch, dass sie bei Herrn und Frau Major war – da hat’s ihr usgesprochen gut gefallen, und die müssen sie auch sehr gut behandelt haben – hat sie das, was sie die feine Gesellschaft nannte, kennengelernt. Und das war etwas, was ihr unheimlich Antrieb gegeben hat, was sie auch selber versucht hat zu realisieren zuhause, wo sie damit immer auf Schwierigkeiten gestoßen ist. Und da hat sie auch viele Lektüreinteressen entwickelt und las gerne Gesellschaftsromane aller Art. Sie hatte eine Freundin, die war aus Wien eingewandert, und die hatte ihr die Buchgemeinschaft „Donauland“ empfohlen, so dass meine ersten Bücher, die ich, außer den Kinder- und Jugendbüchern, die ich geschenkt bekam, immer diese Bücher der Großmutter gesehen habe. Das Programm ging von Ganghofer bis Tolstoi.

Dann bist Du in die Schule gegangen, hast Abitur gemacht. Wo?

Abitur an der Albert-Schweitzer-Schule in Hofgeismar.

Und da bist Du auch ins Gymnasium gegangen?

Zuerst gab es in Bad Karlshafen ein Gymnasium. Das ging bis zur Mittelstufe. Das hatte keine Oberstufe. Für die Oberstufe musste man nach Hofgeismar. Da war ich dann Fahrschüler, wie das so hieß. Das war eigentlich ganz spannend. Das hieß zwar immer, früh aufstehen, um den Bus zu kriegen, also zum Bus hetzen, wenn er nicht schon weggefahren war, und im Winter in der Kälte stehen und dann in Hofgeismar vor der Rückfahrt irgendwie rumhängen. Später, als wir älter waren, sind wir natürlich immer in die Kneipe gegangen. Aber so ein Schulbus ist natürlich so ein soziales Gefüge, wo du viel erlebst. Insofern war das im nachhinein gar nicht so übel. Man konnte auch immer die Hausaufgaben noch abschreiben, die man nicht gemacht hatte. Man hatte eine knappe Stunde Zeit dafür. Das war mein Fahrschüler-Dasein.

Und nach dem Abitur bist Du um die Welt … ?

Nein, dann bin ich zügig nach Frankfurt. Die meisten aus Hofgeismar sind nach Marburg gegangen oder nach Göttingen, denn da konnten sie am Wochenende schnell nach Hause. Ich war aber 1969 nach Frankfurt gekommen. 1967/68 war ja schon die Schüler- und Studentenbewegung. Und ich bin schon als Schüler viel rumgekommen über den CVJM, wo ich aktiv war. Da war ich zweimal in Griechenland und einmal in den USA. Ich kann mich ganz gut erinnern, dass meine Politisierung da eingesetzt hat. Als wir in den USA waren, war auch da der Vietnamkrieg heiß umstritten. Da gab es Leute, die uns erzählt haben, sie sollen doch jetzt endlich mal zusehen, dass der Krieg siegreich endet, und dafür sollen sie Hanoi bombardieren, und dann ist die Sache erledigt. So sagte die Falkenfraktion, und die Taubenfraktion fragte
sich, was haben wir da überhaupt zu suchen. Also fragen mit Bob Dylan: How many times must the canon-ball fly? Oder mit Donovans universal soldier.

Und in der Schule wurde das dann ja auch heiß diskutiert. Und ich habe mich damals über meine Gegnerschaft zum Vietnamkrieg und mein Christentum politisiert. Wir haben dann einen unabhängigen Schülerbund gegründet, als wir in der Abiturklasse waren am Ende. Und es gab damals den Landesjugendhof auf dem Dörnberg bei Kassel. Das ist ein schöner Berg mit Segelfliegern. Da war eine Bildungseinrichtung des Landes für politische Bildung, die dann geschlossen wurde. Und da gab es politische Kurse oder Seminare. Ich habe an zweien oder dreien teilgenommen, an einem mit Johannes Agnoli, der ja damals als Politologe eine ziemlich wichtige Rolle gespielt hat mit seinem Buch „Die Transformation der Demokratie“ (1967 mit Peter Brückner). Er konnte messerscharf argumentieren, so hab ich das in Erinnerung. Er hatte über Gianbattista Vico promoviert. Vicos brisanter erkenntnistheoretischer Kernsatz war: „verum quia factum. Als wahr erkennbar ist nur das, was wir selbst gemacht haben.“ Aber das habe ich später erst herausgefunden. Damals waren da Karsten Voigt und Hans Branscheidt als Lehrgangsleiter oder Referenten. Die habe ich da kennengelernt. Das war tatsächlich eine Weiterbildung und auch eine Politisierung, die da stattgefunden hat. Karsten Voigt kennt man ja, der hat eine SPD-Karriere gemacht und war 1999–2010 Koordinator der Bundesregierung für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit. Hans Branscheidt war, als ich zuletzt von ihm gehört habe, Geschäftsführer von medico international.

Dann bist Du nach Frankfurt und hast studiert.

Dann habe ich Soziologie studiert, weil ich so viel von Adorno gehört habe von den beiden – und auch von vielen anderen, die uns auch inhaltlich etwas gesagt haben, was ich damals wahrscheinlich nicht so recht verstanden habe – aber auch schöne Anekdoten von ihm erzählt haben. Dann hatte ich mir gedacht, zu dem gehst du studieren. Und weil ich Philosophie damals zu schwierig fand, habe ich mir gesagt, wenn du politisches Interesse hast und da weiterkommen willst, dann studierst du Soziologie. Und das habe ich dann gemacht. Als ich dann im Wintersemester 1969 in Frankfurt ankam, war Adorno im Sommer verstorben; und die Situation an der Uni war sehr unübersichtlich. Das war so eine Umbruchsphase. Es wurde noch viel gestreikt, es war sehr unruhig. Ich bin aber die ersten Semester brav in die Seminare und an die Uni gegangen. Da saßen dann sozusagen die Hinterbliebenen Adornos und haben uns versucht, Kritische Theorie vermitteln.

Ich habe in einem kleinen Zimmer in Eschersheim, am Lindenbaum, in der Nähe von der U-Bahn, die damals schon fuhr, – das war die erste U-Bahnlinie – gewohnt. Das war langweilig und klein. Da bin ich also auf die Suche nach einer Wohngemeinschaft gegangen. Und dann gab’s auch schon die ersten politischen Gruppen. Der SDS hatte sich gerade aufgelöst [21. März 1970], wenn ich das richtig im Kopf habe, und dann gab es schon die verschiedenen Nachfolgegruppen der Studentenbewegung. Denn ich erinnere mich, dass ich damals ein Kandidatengespräch geführt habe mit Gerd und Krisztina Koenen für so eine Vororganisation vom KBW. Die habe ich in einem Seminar kennengelernt. Die fand ich auch ganz interessant, weil die gut argumentieren konnten; es war auch interessant, was sie sagten. Aber als ich dann beim Kandidatengespräch mit ihnen saß, wo sie mich befragt haben, so wie Du mich jetzt befragst: Wo kommst du her, wo willst du hin? –war das zwar ein angenehmes Gespräch; nur am Schluss sagten sie, okay, ich sei jetzt Kandidat. (lacht) Da habe ich natürlich gefragt, was heißt hier Kandidat? Na ja, das heißt, dass ich noch nicht aufgenommen worden sei, aber mich jetzt eine Zeit bewähren müsse, und dann erst könne ich aufgenommen werden. Und das widersprach meinem Verständnis von dem, was ich wollte, so total, dass ich sagte, wozu soll ich mich da bewähren? Entweder finden sie das okay, dass ich da mitmache oder eben nicht. Und so war das nichts für mich. Und dann bin ich eben auf die Spontis, die damals noch nicht Spontis hießen, gestoßen. Also ich habe Leute kennengelernt, die gesagt haben, wir treffen uns immer dann und dann im Dietrich-Bonhoeffer-Haus, und da kannst Du mal vorbeikommen und Dir das angucken. Und mit denen bin ich dann auch in die Wohngemeinschaft gezogen in die Eschersheimer Landstraße unters Dach. Und dann war ich in der Gruppe, die sich „Revolutionärer Kampf“ nannte. (lacht)

Und ruckzuck warst Du drin.

Ja, da ging das sehr einfach. Das waren ja die Spontaneisten, und die hatten nicht solche Organisationsstrukturen; im Gegenteil, bei denen war es verpönt, dass es eine Geschäftsordnung gibt. Beim SDS hatten die ja immer noch eine Geschäftsordnung, Geschäftsordnungsanträge und lauter so’n Zeug. Das hatten die alles abgeschafft, was dazu führte, dass hauptsächlich Dany Cohn-Bendit redete. Aber das ist ein anderes Kapitel. (Gelächter)

Du hast vorhin von Deinem christlichen Selbstverständnis gesprochen. Darf ich fragen, ob das ein evangelisches oder ein katholisches ist?

Ein evangelisches. In dieser Hugenottenstadt – … Nicht unbedingt ein calvinistisches. Das hatte sich ja verflüchtigt. Es gab da zwar lange noch eine französische Gemeinde, ich glaube, bis ins 19. Jahrhundert hinein. Aber die starb dann aus. Und später wurde daraus die unierte evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck. Unser Pfarrer war Lutheraner. Und zu dem Selbstverständnis gehört auch Büchner, Leonce und Lena: eine kommode Religion soll es sein.(6)

Zurück zum „Revolutionären Kampf“. Was hast Du gemacht? Hast Du gekämpft?

Ja! Wir haben ein Konzept entwickelt für Betriebsintervention. Denn diese Gruppen suchten ja nach dem SDS-Zerfall alle einen politischen Ansatz, den sie verfolgen wollten.

Ich weiß, dass die Leute vom KBW in die Fabriken gegangen sind.

Ja, das war bei uns schon auch die Arbeiterklasse. Aber das war erstmal so ein Projekt, das hieß „Untersuchung, Aktion, Organisation“. Das war das Grundsatzpapier, das da erarbeitet wurde. Das Untersuchungskonzept hieß, man geht in eine Fabrik, guckt sich das erstmal an und versucht herauszufinden, wie ist da die Situation und was brauchen da die Leute, wo setzt man da an? Das hatte ein bisschen einen maoistischen touch, denn so etwas hat man in der KP China auch gemacht zu Maos Zeiten. Aber es war zugleich so ein sozialwissenschaftlicher Ansatz, empirische Sozialforschung. Es gab damals eine Studie von Kern/Schumann [Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein.] über die Industriearbeiterschaft. Und die hatten auch einen Methodenteil veröffentlicht, wie sie diese Untersuchung angegangen sind. Und wir haben uns an diesem Methodenteil stark orientiert. Und dann war die große Frage, wo geht man hin? Und da gab’s ja damals in Frankfurt noch ein paar Fabriken, Industriebetriebe, Adler zum Beispiel, Degussa. Aber aus irgendeinem Grund ist die Entscheidung für Opel in Rüsselsheim gefallen, – wahrscheinlich, weil es ein Großbetrieb war und weil es dort eben eine große Anzahl von Arbeitsemigranten gab, also viele Italiener, auch Türken schon, Spanier usw. Von denen haben wir uns eigentlich das meiste versprochen, was die Möglichkeit, Arbeiter zu mobilisieren, angeht. Und das war auch so. Dann beschloss diese Gruppe, bei Opel zu intervenieren. Das sah so aus, dass ich da morgens immer hingefahren bin und mit anderen Flugblätter verteilt habe. Die hatten eine Flugblattserie aufgelegt. Und ein paar Leute haben schon in der Fabrik gearbeitet. Dann gab’s ein sehr anspruchsvolles und arbeitsames Konzept. Ich bin dann auch rein, später. Und man hatte immer zwei Betreuer zur Seite, denen man nach der Arbeit Bericht erstattete, was man erlebt und was man untersucht und herausgefunden hatte. Und das wurde alles protokolliert und ausgewertet, so dass wir nicht nur morgens um fünf schon losfahren mussten, wenn Frühschicht war – es gab ja Wechselschicht: Frühschicht, Spätschicht – sondern dann mittags auch noch den Bericht abliefern mussten.

Läuft da parallel schon das Schreiben?

Ja, da lief schon das Schreiben.

Wie hat das angefangen? Und zu welchem Zeitpunkt etwa?

Das hat in der Schule angefangen. Und ich kann es relativ genau datieren. Denn ich kann mich erinnern, als Kennedy erschossen wurde – und das war ein großer Held meiner Jugend damals – habe ich ein Betroffenheitsgedicht darüber geschrieben. Es kann sein, dass ich schon zwei, drei vorher geschrieben hatte, aber das war ungefähr um dieselbe Zeit. Die habe ich immer zu meinem Deutschlehrer getragen. Und der hat dann immer gesagt, der Harry hat wieder ein Gedicht geschrieben. Das soll er jetzt mal vorlesen. Der hat sich das angeguckt, und wenn das einigermaßen vertretbar fand, dann hat er mich vorlesen lassen. Das hat mir dann Spaß gemacht. Am Anfang hatte ich große Angst davor, aber auch das Bedürfnis, das zu machen. Ja, das kam aber irgendwie gut an. Gut, also manche haben dann Witze gemacht darüber, solche sind in einer Klasse immer dabei. Aber die konntest du vernachlässigen. Der Erfolg war irgendwie größer. Das war eigentlich eine gute Voraussetzung, um Gefallen dran zu finden.

Das ist ja auch ein starkes Motiv, weiterzumachen.

Und dann habe ich das weitergemacht. Dann habe ich Gedichte auch auf den Dörnberg mitgenommen und habe die den Studenten gezeigt oder dem Teamleiter. Der hat sich das angeguckt und hat gesagt, das ist zwar Enzensberger, aber ganz gut. (lacht)

Also, die waren auch nicht ablehnend.

Nein, die haben das nur nicht so wichtig genommen, waren aber auch nicht ablehnend. Das war noch nicht diese Linie „Die Literatur gehört abgeschafft“. Das kam erst später, dann aber massiv. In unserer revolutionären Gruppe mussten ja auch immer Positionspapiere geschrieben werden. Und ich habe die immer ein bisschen literarisiert – mit Titeln und Zwischentiteln. Ich war aber insgesamt eher ein bescheidener Papiereschreiber. Der größte Papiereschreiber in der Gruppe war der Thomas Schmid, heute Springer … (lacht) und schreibt immer noch Papiere. Aber sie sind entschieden kürzer geworden. Die waren damals immer ellenlang.

Hast Du da weiter geschrieben? Oder warst Du so absorbiert von diesen Aktivitäten, dass Du …

Nein, ich habe damals weiter geschrieben. Ich habe vor allem sehr viele Gedichte geschrieben. Und ich habe auch über die Fabrikerfahrungen literarische Texte geschrieben. Und ich habe das weiter verfolgt. Nachdem ich aus der Fabrik kam – das Ganze endete ja mit dem Versuch, einen spontanen Streik anzuzetteln, einen sogenannten wilden Streik. Das scheiterte dann. Es gab eine große Betriebsversammlung bei Opel mit Joschka Fischer als einem der Hauptredner, auch Johnny Klinke. Das stand alles kurz vor dem Erfolg! Die italienischen, türkischen Arbeiter waren schon bereit, jetzt von der Betriebsversammlung rauszuziehen und anzufangen zu streiken. Doch die deutschen Gewerkschafter haben das zu verhindern gewusst. Das war damals ja eine sehr firmentreue Truppe, die da noch agiert hat und sehr eng mit der Betriebsleitung zusammengearbeitet hat. Dafür haben sie eine Menge gekriegt, nicht persönlich, aber das Fußballstadion, ein Schwimmbad und was weiß ich, was da alles finanziert wurde. Ja, und um das kurz zu fassen: Das Ergebnis war, dass wir da nicht die Revolution – ich weiß nicht, in wie weit wir noch in unterschiedlicher Stärke glaubten, dass wir noch eine Revolution machen: Die Truppe hieß ja „Revolutionärer Kampf“, und das Blatt, das wir dann rausgebracht haben, hatte den bescheidenen Titel „Wir wollen alles!“. Ich kann mich ganz gut erinnern, dass ich mit Frank Wolff mal zum Flugblattverteilen morgens durch Frankfurt gefahren bin, quer durch, es erwachte so gerade. Frank saß da neben mir auf dem Beifahrersitz und sagte versonnen: „Ja, das müssen wir dann alles organisieren, wenn die Revolution Erfolg hat.“ (lacht) Und das hat mich dann schon zum Nachdenken gebracht.

Sind denn Deine Sachen veröffentlicht worden?

Ja. Die sind dann schon in Zeitschriften veröffentlicht worden. Damals gab es die „Literarischen Hefte“ in München zum Beispiel. Die wurden von Uwe Timm und anderen herausgegeben, Arnfrid Astel. Die haben immer mal einen Text von mir gedruckt. Und ich habe ja dann den Leonce-und-Lena-Preis gekriegt für ein Gedicht, 1973 von Wolfgang Weyrauch, der damals noch der alleinige Juror und Geldbeschaffer, ja die ganze Institution eigentlich war, unterstützt von seinem Freund Fritz Deppert, der Gymnasiallehrer war und ihm bei der Vorauswahl geholfen hat. Das war für mich natürlich ein großer Erfolg, obwohl der Preis anders war als der Leonce-und Lena-Preis heute. Er war medial nicht so begleitet und es ging um eine relativ bescheidene Geldsumme, die die Firma Wella gespendet hatte oder jedes Jahr eine andere Firma, ich weiß es nicht. Wolfgang Weyrauch lief da herum und konnte das in Darmstadt immer irgendwie organisieren, auch weil Heinz Winfried Sabais damals Oberbürgermeister war, selbst ein Lyriker, der dafür viel Verständnis hatte und ihm die Türen für dieses Projekt öffnete. Der Preis war mein Eintritt in die Literaturszene. Da habe ich dann außer Weyrauch den Walter E. Richartz kennengelernt, Horst Bingel, der damals VS-Vorsitzender in Hessen war, später Peter O. Chotjewitz und noch etwas später Erich Fried. Das Gedicht „38. Breitengrad“ wurde auch veröffentlicht, nicht nur im Darmstädter Echo, sondern auch in den „Akzenten“, veröffentlicht mit der Laudatio. Das war der Start.

Wie muss ich mir das vorstellen? Wie ging das weiter? Du schreibst, und Du studierst aber immer noch?

Es ist irgendwie gelungen, die Betriebsarbeit bei Opel mit dem Soziologiestudium zu vereinbaren, weil ich über diese Fabrikerfahrung dann sozusagen die Empirieprüfung machen konnte z.B. Wir hatten ja tatsächlich große empirische Erfahrungen da gemacht. Und wir hatten ja auch einen wissenschaftlichen Ansatz verfolgt. Deswegen ging das. Der Fabrikaufenthalt dauerte bei mir nur ein dreiviertel Jahr. Nach dieser Betriebsversammlung hatte ich keine Lust mehr, denn es war aussichtslos geworden, es war nichts mehr zu erreichen. Dann habe ich da gekündigt und habe weiter studiert. Das war dann die Zeit, wo ich zum ersten Mal in der Karl Marx Buchhandlung gejobt habe. Da war ich ja immer schon Kunde gewesen. Eines Tages hing dort ein Aufruf, sie suchten neue Mitarbeiter. Meinhard Büning hatte das Management dieser Buchhandlung. Da habe ich also gelernt, wie man Bücher verkauft. Da habe ich die Welt als Wille und Bockenheim kennengelernt, das heisst die damalige Frankfurter Campuswelt. Da kamen Tag für Tag wirklich viele interessante und sehr gescheite Menschen.

Also erst hast Du die Arbeiterschaft kennengelernt …

Die ich ja auch schon vorher kannte. Aber damals konnte ich als „verdienter Revolutionär des Volkes“ (lacht) – ja! Also: konnte auftreten. Dadurch hast du ja in der Szene großes Ansehen genossen! Und das wurde dann ja auch insofern ein Erfolg, als sehr viele Leute auch Mitglied bei uns werden wollten, mitmachen wollten. Dann fing das an, dass man nicht mehr so einfach mit hinkommen konnte. Da wurde dann eine Aufnahmeprüfung veranstaltet. Nachdem das Proletariat aber nicht so wollte – mit der Revolution, war das schnell auch wieder ad acta gelegt. Dann kam die Phase, in der der Häuserkampf anfing. Und an diesem Häuserkampf habe ich mich auch beteiligt, aber ich habe nie in einem dieser besetzten Häuser gewohnt.

Also nicht in der Schumannstraße.

Nicht in der Schumannstraße. Aber ich kann mich an den Tag, als die Schumannstraße geräumt wurde, ganz gut erinnern. Die Erinnerung frische ich ab und zu mal mit Alexander Kluges Film(2) auf, wo das ja unheimlich gut dokumentiert ist: der Kern des Geschehens. Ich war etwas außerhalb unterwegs. Da wurden ja alle eingesammelt, sozusagen, also verhaftet. Ich bin irgendwo am Opernplatz verhaftet worden, und dann bin ich in die Klapperfeldstraße(3) eingefahren. Das dauerte aber nicht lange, dann kam ein Freund als Botschafter des Untersuchungsrichters und sagte, ihr kommt jetzt alle zum Untersuchungsrichter, und der lässt euch dann alle raus. Der möchte aber, dass ihr sagt, dass ihr anschließend wieder demonstrieren geht (Gelächter). Ich dachte, wie blöd; ich gehe aber nicht demonstrieren, ich gehe jetzt nach Hause. Das habe ich dann auch gesagt, und dann bin ich trotzdem rausgekommen.

Dann warst Du in der Karl Marx Buchhandlung und dann…

In der Karl Marx und auch im Verlag Neue Kritik eine Zeit lang. Das war der SDS-Verlag.

Als was?

Das war nicht so genau definiert. Lektor, Archivar, Sekretär. Ich habe da verschiedene Dinge getan und das Verlagswesen kennengelernt. Das war ja ein kleiner, aber feiner Verlag.
Er gehörte, wie die Karl-Marx-Buchhandlung auch, zum VLB, dem Verband des Linken Buchhandels, der regelmäßig zusammentrat und zwar in Köln und Berlin und Marburg und Tübingen und wer weiß wo.
Dann kam die Zeit, wo wir eine „Initiativgruppe Peter Paul Zahl“ gegründet hatten. Peter Paul Zahl, ein einsamer Kämpfer, der ursprünglich einen Verlag hatte. Ich kannte den vom Verlag her. Der hatte sehr schöne – so ähnlich wie Pressendrucke, so hatte der sein Programm. Der hatte eine Zeitschrift, die hieß „Spartacus“, eine politische Literaturzeitschrift. Dann hatte er so kleine Heftchen, die nannte er Zwergschulergänzungshefte. Darin hatte er den „Hessischen Landboten“ von Büchner veröffentlicht, auch Sachen von Wallraff. Und der (P. P. Zahl) geriet irgendwie in den bewaffneten Kampf. Das war sehr skurril, weil er eigentlich keiner dieser Gruppen zuzuordnen war. In Düsseldorf wurde er von der Polizei gestellt, hat auf einen Polizisten geschossen und hat den schwer verletzt. Dafür kriegte er zunächst eine relativ milde Strafe. Auf jeden Fall ging das dann in die Revision, und im zweiten Urteil wurde er zu 15 Jahren verurteilt. Und das war ein Urteil, das in der linken und liberalen Öffentlichkeit als Gesinnungsurteil betrachtet wurde. Und dann kann ich mich erinnern, dass Peter O. Chotjewitz kam und sagte, den müssen wir jetzt unterstützen, dass er wenigstens im Gefängnis schreiben kann. Und dann machen wir so einen Genet aus ihm (lacht). Ja, und das haben wir dann betrieben, und auch relativ erfolgreich betrieben. Das war jedenfalls in der Zeit, als ich im Verlag Neue Kritik gearbeitet habe.

Ende der Siebziger. Denn da wurde die TAZ in Frankfurt gegründet.

Das war noch, bevor die TAZ gegründet wurde. Denn zuerst wurde etwas gegründet, das war so eine Nachrichtenagentur. Und das war eher so ein Informationsblatt, was die rausbrachten: der ID (InformationsDienst unterbliebener Nachrichten). So habe ich die zeitliche Abfolge im Kopf. Es gab erst den ID und kurz danach die TAZ. Und zum Teil sind dann auch die ID-Leute mit der TAZ zusammengegangen. Ich habe mit ID und TAZ wenig zu tun gehabt, ich habe damals mein Soziologie-Diplom gemacht, und einige Zeit nach dem Diplom angefangen, Features zu schreiben für den Rundfunk. Ich war mit Helga Novak und Horst Karasek befreundet, Stammkunden des Eppstein Eck im Westend, und Horst war ein sehr aktiver Feature Autor beim Hessischen Rundfunk, der hat mir den Kontakt zu Peter Strauß vermittelt und zu Gert Kalow. Das erste, was ich gemacht habe, war aber schon vorher beim Saarländischen Rundfunk gewesen. Wenn ich es richtig im Kopf habe, war es 1979, da wollte ich eine weite Reise machen, bevor ich Dreißig wurde. Damals bin ich mit einem Freund aus der Wohngemeinschaft nach Lateinamerika gefahren, nach Peru und Bolivien drei Monate lang. Darüber habe ich dann ein Reisefeature für den Saarländischen Rundfunk bei Arnfrid Astel produziert: „Eine Reise in die Anden.“

Du hast Zeitschriften erwähnt, für die Du geschrieben hast. Aber mit Zeitungen hast Du keinen Kontakt gehabt?

Nein, da bin ich nie so richtig rangekommen. Ich hätte ganz gerne ein Volontariat beim HR oder der „Frankfurter Rundschau“ gemacht, das wurde aber nie was. Ehrlich gesagt, es lag vor allem daran, dass ich es nie probiert habe. Das war aber alles nicht so tragisch. Damals war ich ja noch jung und ungebunden. Ich konnte mich ganz gut über Wasser halten. Das war nicht so schwer. Es gab auch viele Studentenjobs oder Aushilfsjobs damals. Alles, was heute Praktikant ist, wurde damals noch bezahlt, wenn auch nicht gut.

Also nach dem Diplom hast Du, mit angefügten Aushilfsjobs, als freier Autor gelebt. Kann man das sagen?

Ja. So kann man das sagen. Ich bin aber dann nochmal in die Karl Marx Buchhandlung eingestiegen. Und das war, als Joschka Fischer da plante, ein Antiquariat zu eröffnen, weil er das Taxifahren leid war. Und es kam einer, der mir das erzählt hat und sagte, der hat gerade seinen Hilfsarbeiter verloren. Du kannst den Job machen, wenn Du willst. Und dann bin ich da hin. Und dann haben wir zusammen aus dem Keller in der Karl Marx Buchhandlung den Schutt rausgeholt, auf die Mülldeponie gefahren und das Antiquariat gegründet und eingerichtet. Das heißt, er hat es gegründet. Ich war sein Mitarbeiter. So war das. Dann kam – das ist eine schöne Geschichte – immer Milan Horáček vorbei. Der hatte schon die Grünen mitbegründet und wollte Dany Cohn-Bendit und Joschka Fischer als Mitglieder gewinnen – mich auch, weil ich da eben auch rumstand. Ich habe den beiden immer gesagt, ich fänd’ das eine interessante Idee, und man könnte doch mal gucken und politisch wieder was machen. Da haben die gesagt, kommt überhaupt nicht in Frage, dass wir uns mit sowas beschäftigen. Und eines Tages entschloss sich Joschka und sagte, ich mach’ das jetzt. Ich geh’ da mal hin. Cohn-Bendit nicht. Der wollte nicht. So sind Joschka Fischer und ich zusammen eingetreten. Ich habe dann aber einen anderen Job gekriegt. Ich wurde dann Logenschließer am Schauspiel Frankfurt (Gelächter). Und das war gut, denn das war ein dauerhafter Job, wo eigentlich nicht viel verlangt wurde, außer Präsenz. Dienstags war theaterfreier Tag. Und sonst musstest Du immer auf der Matte stehen. Und deswegen ist Joschka dann immer zu den Grünen gegangen und gleichzeitig waren wir immer noch in diesem Antiquariat tätig. Da hatten wir schon ein Sortiment und haben Bücher verkauft. Also tagsüber habe ich da Bücher verkauft, einen halben Tag oder so, und abends bin ich ins Theater, wo ich lesen konnte und natürlich auch viel Anregungen gekriegt habe. Ich habe alle Stücke gesehen . Das war die Dresen-Zeit(4), als der Dresen Schauspielleiter war. Das passte eigentlich ganz gut mit meinen Schreibinteressen zusammen. Und deswegen bin ich nie zu den Grünen gegangen. Ich bin zwar Mitglied geworden, aber nie hingegangen. Und das hat Milan Horáček später auf einem Kongress in Prag mal, wo er mich eingeladen hatte und wo es um 1968 Prag Berlin Frankfurt oder Prag Paris Frankfurt ging – ich weiß nicht mehr so genau das Thema- wo die ganze alte Garde der Reformkommunisten, die noch lebten, angetreten ist, also Eduard Goldstücker zum Beispiel. Und da hat Milan diese Geschichte auch erzählt. Er hat noch einmal sehr deutlich gesagt. Joschka kam dann und Harry kam nicht (lacht), mit dem Tenor: Da siehst Du mal, was Du verpasst hast.

Wer weiß, ob Du was verpasst hast. Deine Interessen waren offensichtlich …

Meine Interessen waren offensichtlich andere. Genau so war es. Es ging dann auch schnell, dass wir uns dann in diesem Antiquariat einvernehmlich getrennt haben, denn das ging dann stark auseinander.

Und während der Logenschließerei hast Du weiter geschrieben?

Da habe ich weiter geschrieben, auch Features weiter gemacht. Und da war auch der Wolfgang Utschick, ein Autor. [Wolfgang Utschick, die Veränderung der Sehnsucht, Suhrkamp 1979] Wir haben relativ viel von ihm im Lauf der Jahre im Literaturboten veröffentlicht. Der hatte damals etwas, was ich nicht hatte: der hatte ein Taschenbuch bei Suhrkamp, hat dann später in kleinen Verlagen vor allem Lyrik veröffentlicht. Der ist sein Leben lang beim Schauspiel Frankfurt geblieben. Der fand das auch ideal für seine Schreibinteressen. Nur, ich hab’ es da so lange nicht ausgehalten, weil es mir da irgendwann doch langweilig wurde im Theater. Ich bin dann raus, denn es kam ein Angebot, ich könne im Kabarett „Die Maininger“ arbeiten. Da bin ich dann hin und habe mitgearbeitet – aber nur eine Saison lang – habe für das Kabarettprogramm Texte geschrieben, habe das Programmheft gemacht und solche Sachen. Das war dann schon ein Schritt nach vorn, muss man sagen, obwohl es dann im Endeffekt nicht gut ging. Wilhelm Liefland, den ich schon kennengelernt hatte, war dabei. Der hatte dort ein wirklich sehr gutes Lyrikprogramm. Das hieß „Nachtstudio Lyrik“, dafür hat er geschrieben. Und da durfte immer ein lebender Lyriker auftreten. Der wurde dann immer später ins Programm eingebaut. Und da bin ich mal aufgetreten. Und da kriegte man kein Honorar, sondern durfte dann anschließend beim Publikum mit dem Hut rumgehen (lacht). Das war aber schön. Ich habe den Wilhelm Liefland doch sehr gut kennengelernt in dieser Zeit und war dann sehr erschüttert von seinem Tod.

Also jetzt sind wir in den Achtzigern. Jetzt kommt dann auch schon die Zeit …

Jetzt sind wir in den Achtzigern. Jetzt kommt dann auch schon die Zeit, wo – … Ich war ja sehr aktiv im Schriftstellerverband. Ich war irgendwie stellvertretender Vorsitzender und durfte immer dem Chotjewitz bei seiner Vorstandarbeit assistieren, und später dann in diesem Förderverein, den die hatten, um Veranstaltungen durchzuführen, abzuwickeln: Literaturtage hessenweit. Und da habe ich nochmal viele Autoren kennengelernt, die damals aktiv waren, unter anderem auch Adam Seide, der dazukam. Der wurde dann Vorsitzender dieses Fördervereins. Und mit dem bin ich auch viel rumgefahren und habe Autorentage organisiert in Alsfeld und in Habichtswald und ich weiß nicht wo. Chotjewitz war der erste, der diese Literaturbüro-Idee betrieben hat. Der hat sich das in Nordrhein-Westfalen angeguckt, wie das läuft, und hat Gespräche im Ministerium geführt. Das wurde zwar erst realisiert, als er nicht mehr Vorsitzender war, also hauptsächlich von Adam Seide und Gerhard Baier, dem Gewerkschaftshistoriker, der damals da sehr aktiv war. Und da hatte ich natürlich auch schon Paulus Böhmer kennengelernt und Uve Schmidt. Und dann war eben die Gründung des Literaturbüros. Paulus Böhmer wurde der Leiter, und ich wurde sein Co-Leiter sozusagen, – eher so ein Assistent, wobei wir beide zunächst vom Arbeitsamt bezahlt wurden.

So bist Du allmählich von unten da reingewachsen …

Also erst war ich im Literaturbüro, das damals im Gärtnerweg, im Westend hinter der Alten Oper, im Haus der Begegnung des Bistums Limburg startete, weil es da persönliche Beziehungen gab, die uns da so ein Dachkämmerchen zur Verfügung gestellt haben und Räume für Veranstaltungen. Damals ging schon das Veranstalten los. Ich wollte Habermas für eine Veranstaltung zum Historikerstreit gewinnen und traf ihn im Philosophicum. Und weil der Historikerstreit eigentlich durch war zu diesem Zeitpunkt, auch entschieden war, sagte Habermas nur: „Ach wissen Sie, das hängt mir schon zum Hals raus!“ So lernt man das Veranstalten.

Dann wurde der Literaturbote gegründet; da gab’s immer diese aufwendigen Redaktionssitzungen. Das habe ich so lange gemacht – ich hatte da ja in der Zwischenzeit geheiratet, und wir hatten dann auch schon Kinder. Und wir hatten Freunde, die gingen nach Peking. Die haben wir eines Tages getroffen, da haben sie gesagt, wir haben einen Job beim Verlag für fremdsprachige Literatur. Da können wir uns in Peking aufhalten, kriegen auch den Flug bezahlt, aber auch so viel, dass wir da leben können. Und das hat uns irgendwie fasziniert. Und da haben wir gesagt, das würden wir ja auch mal gerne machen. Und die einzige Möglichkeit war, dass meine damalige Frau, die Deutsch für Ausländer konnte, eine Dolmetscherausbildung und eine Übersetzerausbildung hatte, und damit konntest du dich beim DAAD bewerben. Und da habe ich gesagt, ja bewirb Dich doch, ich komme auf jeden Fall mit (lacht). Und das hat dann geklappt. Und dann sind wir 1988, glaube ich, nach Hongkong bis 1990. Drei Jahre also. Und das war dann wirklich eine gänzlich neue Erfahrung in einer ganz anderen Welt. Und das hat mir sehr gut getan. Das hat meine Weltsicht schon stark verändert. Denn ich hatte ja doch schon die Perspektive eines linken Frankfurters. Das war zwar auch keine naive Weltsicht, aber ich habe gemerkt, die war beschränkt. Es gibt andere Möglichkeiten, mit den Dingen umzugehen. Und davon habe ich, glaube ich, sehr profitiert.

Was hast Du gemacht in China?

Ich habe in China auch weiterhin Features geschrieben. Dann habe ich immer auch ein bißchen was für die TAZ machen können, sogar einen Kommentar oder aber auch Interviews. Ich habe Liv Ullmann zum Beispiel in Hongkong interviewt. Die war damals UNICEF-Botschafterin und kümmerte sich um die vietnamesischen Flüchtlingslager in Hongkong. Ich war Mitglied im Foreign Correspondence Club. Und da wurde angekündigt, dass Liv Ullmann für Interviews zur Verfügung steht und etwas über ihre Erfahrung mit den Flüchtlingslagern erzählen würde. Und ich fand es auch sehr spannend, Liv Ullmann kennenzulernen. Das war auch ein sehr angenehmes Gespräch, das wir geführt haben. Das wurde in der TAZ veröffentlicht. Und ich war auch darüber hinaus in dieser boat-people Sache engagiert. Es gab die Vietnamesen in Hongkong, die waren isoliert in irgendwelchen Flüchtlingslagern. Die kamen über’s Meer und wurden da in Flüchtlingslager gesteckt. Die kamen, wenn sie Glück hatten, in verschiedene Aufnahmeländer, nach USA oder Canada vor allen Dingen, glaube ich. Die konnten nur nicht in Hongkong bleiben, weil das zu übervölkert war. Und dann gab’s Programme für diejenigen, von denen klar war, dass die eine Ausreise irgendwohin bekommen. Die wurden dann in Hongkong rumgeführt. Das war, glaube ich, ein Projekt von Oxfam. Dafür habe ich mich gemeldet und habe dann Vietnamesen mit Rolltreppen vertraut gemacht in Kaufhäusern und mit dieser ganzen unbekannten Welt. Denn die kamen ja aus einer mehr oder weniger vorindustriellen Welt, auch wenn sie aus Städten kamen. Ich hatte ein schönes Erlebnis mit einem Vietnamesen, der ein sehr gebildeter Mann war. Ich habe die in Hongkong rumgeführt und bin dann mit denen zum Peak gefahren. Das ist der Berg über Hongkong. Da gab es ein Café. Und da hat der seinen ersten Kaffee seit langem getrunken. Der hat ihn in kleinen Schlucken und ungeheuer genussvoll getrunken. Der war richtig glücklich, dass er wieder mal einen Kaffee hatte. Im Lager hat er immer nur grünen Tee gekriegt. Und es war ein sehr berührendes und eindrückliches Gespräch, das ich mit ihm geführt habe.

Die konnten Englisch?

Dieser Mann sprach Französisch. Ich kann zwar nicht so gut Französisch wie Englisch, aber im Gespräch ging das ganz gut. Ich habe damals auch Deutschunterricht gegeben an Schulen. Und ich bin auch viel gereist. Es gab ja viele DAAD-Lektoren in China, in Peking, Shanghai und in Sezuan. Und die habe ich alle besucht und habe viel von China gesehen, zum Beispiel auch die Schluchten des Jangtse, die schon lange unter dem gigantischen Stausee verschwunden sind.
Ich war außer in Beijing und Shanghai vor allem in Sichuan. Ich habe viel gesehen und darüber berichtet, es gab ein Feature über Macao beim HR und viele Beiträge für den „Morgenmusik“ beim Saarländischen. Das ging so bis zu dem Tian’anmen Massaker, das ich von Shanghai aus mitbekommen habe. Von Hongkong nach Shanghai konnte man mit einem chinesischen Schiff fahren. Das dauerte drei Tage und war ziemlich aufregend. Ich bin lieber Schiff gefahren als hingeflogen. Nach Shanghai, da waren fast nur Chinesen an Bord. Man konnte in einem chinesischen Reisebüro eine Einzelkabine buchen, was auch nicht sehr teuer war, und traf sich dann immer – so wie in alten Filmen – zum Essen. Da kamen alle zusammen. Es war natürlich viel ärmlicher, als auf der Titanic. Aber es hatte ansatzweise diesen Stil. Das war schön. Und wir kamen dann in Shanghai an, dann liegt das Schiff erstmal auf Reede und fährt dann morgens, in aller Frühe, rein. Ich war vorher schon dort gewesen, das war damals schon eine unheimlich brummende Stadt: Dann war da eine Totenstille auf den Straßen. Wenn überhaupt Leute gingen – da waren sehr wenige unterwegs – dann gingen die stumm und betroffen da rum. Und das war ein Tag nach dem Massaker am Tian’anmen. Ich bin dann ins Hotel, ein altes Hotel am Bund, das in meiner Erinnerung, aber vielleicht nicht in Wahrheit Vicky Baums Hotel Shanghai war. Da gab es jedenfalls eine lange Tradition und eine Rentnerband, die Jazz spielte, so ähnlich wie die Kubaner in „Buena Vista Social Club“. Eine spannende Band. Dann war ich erst in diesem Hotel und habe da noch relativ viel mitgekriegt, weil du da immer auf die Straße gehen konntest. Und da kamen verschiedensten Leute, die was zu erzählen hatten. Und das war auch sehr spannend. Und dann ist uns doch, weil nicht klar war, wie die Situation in Shanghai sich entwickeln würde, geraten worden, in ein anderes Hotel zu gehen, in der Nähe vom Flughafen. Und das habe ich dann eigentlich bereut. Denn dann saß man da – das war so ein modernes amerikanisches Hotel. Und dann war nichts mehr. Dann konntest di CNN gucken, was ich von Honkong aus auch hätte tun können. Und weil das so langweilig war, habe ich mich da einem australischen Evakuierungsflug angeschlossen, – was auch nochmal spannend war, obwohl die Situation überhaupt nicht dramatisch war, gab’s da das übliche Gerangel und Vorgedränge, panikähnlich sozusagen: Ich muss da jetzt unbedingt rein! – Na ja, dann war ich wieder in Hongkong. Ich habe dann natürlich später viel erfahren aus Berichten von DAAD-Lektoren, die das in Peking miterlebt hatten. Wir hatten dann auch Kontakt zu Leuten aus der DDR. Das kann ich auch sagen: Das war der Lyriker Friedemann Berger, der auch ein Verlagsmensch war. Und der hatte in Sezuan schlimme Sachen gesehen. – Deswegen hat mich das sehr berührt, was der Friedenspreisträger Liao Yiwu in der Paulskirche gemacht hat, der einer der letzten Getreuen des Tian’anmen ist, der in seinen Texten beschreibt, wie die anderen aus der Zeit sehr schnell in die ökonomische Karriere gegangen sind, die dann für alle der Ausweg war. Also keine Politik mehr, aber ordentlich Geld verdienen. Der hat das nicht mitgemacht und hat für die Opfer mit so einer tibetanischen Klangschale ein eigenes Gedicht über den Tian’anmen vorgetragen. Das hat mich ganz, ganz tief angerührt. Ich habe das zwar noch alles im Kopf gehabt, aber das hat plötzlich wieder Gefühle hochgebracht, die offensichtlich ganz tief sitzen.

Und gab es dann einen Anlass, wieder wegzugehen? Oder war die Zeit einfach um?

Ja, die Zeit war nach drei Jahren um.

Und hier hast Du neu angefangen?

Hier musste ich neu anfangen. Ich habe wieder Volkshochschulkurse gemacht und, ich glaube, sogar noch Rundfunksachen. Also in Hongkong hatte ich noch Rundfunksachen und danach auch noch, aber für den Saarländischen Rundfunk hauptsächlich. Also Funk. Volkshochschulkurse und andere Jobs.

Und hier, im Literaturbüro, konntest Du nicht gleich wieder einsteigen?

Nein, das ging nicht so schnell. Das hat schon noch ein bisschen gedauert. 1990 sind wir ja aus China zurückgekommen. Und 1994 rief Paulus Böhmer mich an und hat gefragt, ob ich nicht wieder hier anfangen möchte.

Wir haben Dich selbst und Deine Schreibtätigkeit ein bisschen aus den Augen verloren. Gut, Du hast Features gemacht. Aber konntest Du Bücher veröffentlichen? Erzählungen?

Ich habe ja keine Bücher veröffentlicht, außer drei Gedichtbänden, ein paar Übersetzungen und Essays und kleinere Sachen in Zeitschriften. Ich war nie so drauf, jetzt einen Roman zu schreiben. Ich habe dann immer so kleine Kurzgeschichten und kleinere Erzählungen nach Bedarf geschrieben, als die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung noch Kurzgeschichten veröffentlichte und als dann zum Beispiel das Festival „Stadt am Fluss“ war und die eine Kurzgeschichte haben wollten. Eigentlich habe ich mich darüber überhaupt erst mit dem Gedanken angefreundet, mal Prosa zu schreiben, erzählende Prosa. Das ging dann auch ganz gut. Deswegen mache ich das auch nochmal über eine längere Strecke. Aber vorher habe ich das nie gemacht in meinem Leben. Ich habe das auch nicht angestrebt. Sondern ich war immer der Meinung, wenn ich ein gutes Gedicht geschrieben habe, soll die Welt mal zufrieden sein (Gelächter).

Ja dann erzähl’ mir doch mal, was ein gutes Gedicht ist.

„Vers“ von Paul van Ostaijen ist ein gutes Gedicht. „In meinem herzen wohnt ein sonderbares wesen / das so bizarr den tango tanzt; erstanden, – / Ich weiß nicht wie, so vag / Ist alles, – aus einem sehr sehr alten sarkophag./ Während es tanzt, hör ich es singen / Mit bunter fröhlichkeit von wehmutsschwangern dingen.“ . Ostaijen hat 1925/26 einen Vortrag in Brüssel und Antwerpen gehalten: Gebrauchsanweisung für Lyrik, in dem er von einem doppelten Wunder spricht, nämlich erstens, dass es Leute gebe, die einem Dichter zuhören, der ihnen die Lyrik erklären will und zweitens der sich selbst erklärende Dichter selber. Ein sich erklärender Dichter sei zumindest theoretisch ein nicht alltägliches Ereignis. Und dann sagt er, und damit trifft er auch ganz gut dieses Gespräch hier: „In Wirklichkeit gleicht ein Dichter sehr einer schwatzhaften Gemüsefrau.“
Theoretisch, definitorisch gesprochen:
Ein gutes Gedicht ist eine konzentrierte sprachliche Aussage über die Welt aus subjektiver Sicht. Es muss bestimmte formale Kriterien erfüllen, wobei es für die formalen Kriterien keine Regeln mehr gibt, keine Lehrbücher mehr gibt. Aber man merkt es natürlich Texten an, ob sie sprachlich gut gearbeitet sind, und ob das jetzt über die Vokalität geht, über den Ton und über den Klang oder über die Metrik oder über beides oder über die Metaphorik. Es sind auf jeden Fall keine Texte, die aus der gerade vorhandenen subjektiven Befindlichkeit so hingeschrieben werden, wes Inhalts auch immer. Sondern sie brauchen eben diese Verdichtung.

Es gibt zwei Dinge: Es gibt ein Motiv, ein Gedicht zu schreiben. Dazu gehört eine Einschätzung, was gedichtfähig ist. Und das andere ist ein Ziel. Das ist ein sprachliches Ziel – Inhalt-Form vorausgesetzt – es ist immer etwas, was einen, der Gedichte schreibt, persönlich interessiert, wo er sozusagen zündelt. Kannst Du über beides was sagen? Über das Motiv und den Fokus?

Früher sind es immer politische Motive gewesen, gesellschaftliche Motive, weil es damals ineins ging mit der politischen Bewegung. Mich hat Literatur interessiert, die gesellschaftsrelevant ist und unter Umständen auch so einen appellativen Charakter hat, also: tut das oder lasst jenes: Hier liegen die Probleme, und die müssen gelöst werden. Gleichzeitig war es auch immer eine persönliche Betroffenheit. Das musste schon auch immer emotional vorhanden sein oder ausgelöst werden bei mir als Motiv. Das waren nicht über den Kopf geschriebene Leitartikel, sondern Dinge, die mich berührt haben. Und über die habe ich dann geschrieben. Das war auch dieses Gedicht „38. breitengrad“(5), das Wolfgang Weyrauch ausgezeichnet hat mit dem Leonce-und Lena-Preis. Da ging’s um Autoren, die in die Verbannung oder ins Exil geschickt worden sind. Das hatte aber auch so eine Naturschiene drin, weil mir die Gedanken, die ich dazu hatte, kamen, als ich irgendwo in einer steppenartigen Gegend, einer sehr abstrakten Landschaft, die den Gedanken an Verbannung in mir ausgelöst hat. Das persönliche Motiv ist dann auch im Laufe der Zeit in den Vordergrund getreten, so dass mich natürlich dann auch Liebesgedichte beschäftigt haben und Gedichte über Einsamkeit oder über Isolation, Sachen, die einen auch negativ berühren, – immer aber auch Landschaften und Städte und Menschen. Und das ist dann als Motiv auch viel stärker geworden in meiner Lyrik. Hinzu kommt: man muss sich als Lyriker wie ein Philosoph das Staunen bewahren, die Verwunderung über die Welt und die Verletzbarkeit an der Welt.
Und formal: Ich habe da immer sehr intuitiv gearbeitet. Ich habe nie ein Gedicht konstruiert geschrieben. Ich habe die immer sehr nach meinem Sprachgefühl intuitiv gestaltet und vielleicht im nachhinein analysiert, was ich da gemacht habe oder erkannt, was ich da reingepackt habe, weil man wie ein Akku aufgeladen ist, wenn man viele Gedichte gelesen hat und dann aufpassen muss, dass nicht manches wiederkehrt, wo man sagt, ups, das ist ja gar nicht ganz von dir!, und das dann wieder zurücknehmen muss. So ist der formale Prozess. Das ist auch immer der Prozess der Verknappung, der Reduktion.

Das habe ich gemerkt, das nahm zu von „Luzifers Lightshow“ bis zu „Cesky Krumlov“. Da fächern sich die Gedichte wieder ein wenig auf. Aber es gab so einen Zug zur Pressung und zur Verknappung.

Ja, das ist eigentlich jetzt so der Stand. Ich schreibe auch jetzt nicht viel, weil ich auch nicht dazu komme. Aber dass es dann sehr konzentriert Texte sein müssen. In Krummau („Cesky Krumlov“) ist es sehr schön gewesen, so dass ich sehr entspannt geschrieben habe. Und vorher hatte ich auch Phasen, wo ich alles verworfen habe, wo ich dachte, das ist nicht das, was wirklich gut wäre. Ich habe auch noch viel, was bearbeitet werden kann. Bei veröffentlichten Gedichten, wenn ich die nochmal lese, fällt mir sofort auf, was ich da noch verbessern kann. Das ist ein endloser Prozess. Manchmal kommen da völlig andere Gedichte am Ende dabei heraus.

Revision oder entwickelnde Variationen. Was motiviert Dich gegenwärtig?

Im Moment denke ich wirklich wieder sehr stark an meine Kindheit und an diese Landschaft dort. Das hat auch zu tun mit Jürgen von der Wense, der da rumgewandert ist und ein großer Denker war, ein wandernder großer Denker, dem zur Landschaft wirklich viel eingefallen ist. Der hat faszinierend darüber geschrieben. Und zu dem entdecke ich auch deshalb eine gewisse Ähnlichkeit, weil er auch viel Material gesammelt hat und immer überlegt hat, wie kann ich das in einer Gesamtheit veröffentlichen? – was mir bisher auch noch nicht gelungen ist. Ich habe auch viel Material, ohne dass ich mich sonst mit ihm vergleichen möchte. Vielleicht interessiert er mich deshalb als Mensch, interessiert mich seine Biographie, und weil’s in meiner Heimat spielt, und – jetzt ist der Kreis auch zu – weil er eine wunderschöne Beschreibung von Bad Karlshafen liefert in den dreißiger Jahren. Er ist da zufällig hingekommen und hatte dort ein Erweckungserlebnis. Er beschreibt, wie er da in der Landschaft steht und ihm plötzlich aufgeht, dass Landschaft nicht nur ein materielles, sondern eben ein geistiges Phänomen ist. Und dann hat er angefangen, sich mit dem geistigen Phänomen von Erdoberfläche zu beschäftigen. Und da sind spannende Sachen herausgekommen.

Also Du hast auch nie aufgehört, vorläufig zu schreiben. Du lieferst Dir schreibend ein Archiv.

Ich habe ein sehr großes Archiv, wenn man die Bibliothek dazu nimmt, und sie gehört dazu. Das ist auch eine Last, weil ich nicht weiß, wo meine Bücher – wo ich kaum eins weggeben kann – und all die Sammelstücke und Aufzeichnungen noch hin sollen. Ich habe zum Beispiel viele Gedichtbände, soll ich irgendeinen Lyriker vor die Tür setzen? Der steht dann da im Regen und weiß nicht, wohin.
Ich sitze vor diesem Archiv, und es ist mir schon klar, dass ich, wenn ich dazu komme, auch nur ein Bruchteil davon verwenden kann, essayistisch und erzählerisch verwenden kann. Ich habe aber immer die Angst, wenn ich da was wegschmeiße, dann ist das genau der Bruchteil, den ich dann wirklich brauche. Deswegen bewahre ich es halt auf.

Merkwürdig, wie sehr das Prosaische die Weltbibliothek fortschreibt und so selbst Teil einer Chronik ist.

Das lyrische Gespräch dagegen kann man jeder Zeit beginnen, auch ohne Archiv. Ich nenne das Gedichteschreiben mal Gespräch. Die Frage, mit wem wir sprechen, wenn wir uns in den Raum der Poesie begeben, ist eine existentielle Frage. Für den Dichter gibt es, anders als für den Erzähler, für den Historiker, für den Literaturwissenschaftler, für den Politiker, kein Publikum, dem er diese oder jene Geschichte erzählen kann, dieses oder jenes Thema darstellen kann, diese oder jene Botschaft zum Handeln überbringen kann. Wer sich auf die Lyrik einlässt, auf die Sprache der Poesie, hat keinen Partner als sich selbst. Oder vielleicht doch einen aus der Engel Ordnungen, wie Rilke das formulierte. Sollte es in dem leeren Raum, dem er sich der Lyriker gegenübersieht, Engel geben, dann wäre da zumindest die Chance, dass einer ihn hörte. Aber wie soll er das wissen? Wie soll er wissen, dass es in der Nacht, an die er sich wendet, wirklich Engel gibt, das dass, was er formuliert, dass der Ordnung, in die er die Wörter bringt, eine Ordnung der Rezeption gegenübersteht, dass sein Schrei nicht resonanzlos im Leeren verhallt.
Aber Günter Eich zum Beispiel kannte immer wenigstens zwei Leser seiner Gedichte, mit ihm, dem Autor, waren sie dann immerhin zu dritt.

  • 1) „Zweite Natur“ in: Harry Oberländer: Luzifers Lightshow. Gedichte. Axel Dielmann-Verlag, Frankfurt a. M., 1996
  • 2) Alexander Kluge: „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ (1974)
  • 3)In der Frankfurter Klapperfeldstraße befindet sich das Untersuchungsgefängnis
  • 4) Adolf Dresen war von 1981 bis 1985 Schauspieldirektor in Frankfurt am Main
  • 5) in: Harry Oberländer: Garten Eden, Achterbahn. Gedichte. Edition Literarischer Salon im Focus Verlag, Giessen 1988.
  • 6) in Georg Büchners „Leonce und Lena“ sagt Valerio zum Schluss: Und ich werde Staatsminister und es wird ein Dekret erlassen, dass wer sich Schwielen in die Hände schafft unter Kuratel gestellt wird, dass wer sich krank arbeitet kriminalistisch strafbar ist, dass Jeder der sich rühmt sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine kommode Religion!

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erstellt am 03.2.2013

HO bei »Frankfurt liest ein Buch«, 2011
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HO (rechts) in der Holzhausenstraße Frankfurt, 1982
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HO mit Werner Söllner im Hessischen Literaturforum
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HO im Gespräch mit Nietzsche in Sils Maria
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HO mit Peter Kurzeck in Cesky Krumlov
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HO mit Henner Drescher in Cesky Krumlov
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HO in der Galerie Korridor Frankfurt
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HO bei Verleger Peter Engstler in Ostheim
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HO mit Thomas Oberländer
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HO mit Irmgard Maria Ostermann und Stefan Heuer
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Lesung in Wiesbaden, Foto Karl Ziegler
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Auf Mallorca, 2012
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HO – nachdenklich
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HO auf Mallorca, 2012
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