Dass die populärsten Weihnachtslieder von jüdischen Komponisten stammen, dass Bob Dylan mit einer eigenen Version eines jüdischen Liedes begann, dass Leonard Cohen liturgische Texte zu Songs umarbeitete – in seinem Beitrag spürt der Radiomoderator und Musikjournalist Klaus Walter die Verbindungen zwischen Judentum und Popmusik auf.

Musik | Songtexte

Judentum und Popkultur

Von Klaus Walter

1. We are ugly but we have the music

Am Anfang steht hier ausgerechnet das populärste Weihnachtslied der Erde. „White Christmas“, 1942 komponiert von einem gewissen Israel Isidore Beilin. Der Sohn eines russischen Kantors wird berühmt als Irving Berlin, einer der erfolgreichsten Songschreiber des 20. Jahrhunderts. Irving Berlin war sich seines Judentums politisch sehr bewusst, machte es aber in Hunderten von Songs nie ausdrücklich zum Thema. Das behauptet Caspar Battegay. Battegay lehrt am Institut für Jüdische Studien der Universität Basel und hat 2012 ein Buch über Judentum und Popkultur veröffentlicht.(1) Warum ausgerechnet Popkultur?
„Die These des Buches ist die, dass die Popkultur die Sphäre in der westliche Kultur ist, in der es immer schon so war, dass Identität etwas ist, dass man darstellen muss. Man ist nicht einfach etwas, man ist immer das, als was man erscheint.“

Wer Jude ist und wer nicht, wer gar ,Halbjude' oder ,Vierteljude' ist, darüber entscheiden in der Geschichte oft genug diejenigen, die Juden hassen, sie verfolgen und ermorden. Sich gegen solche Zuschreibungen zu wehren, dabei hilft die Popkultur, meint Caspar Battegay.
„Es gab ein Unbehagen, weil ich denke, dass es in Europa und speziell in Deutschland das Bedürfnis gibt, das Judentum immer noch als etwas essentiell Festgeschriebenens zu betrachten, und ich glaube, dass die amerikanisch geprägte Popkultur, also nicht nur der Mainstream, auch die Subkulturen, vieles in Frage stellen, das war der Impuls beim Schreiben dieses Büchleins.“

Judentum und Pop? Da denken wir an Klezmer und jiddische Folklore, vielleicht noch an Anatevka und Tewje, den Milchmann aus dem Musical, der singt „Wenn ich einmal reich wär“. Dabei ist gerade die amerikanische Popkultur der vergangenen hundert Jahre nicht denkbar ohne die Beiträge jüdischer Künstler. Ob nun die Filme von Billy Wilder bis Woody Allen oder die Musik von Barbra Streisand bis Lou Reed, von Carole King bis Benny Goodman. Vom Jazz und Ragtime des frühen 20. Jahrhunderts bis zum Hip-Hop der Gegenwart. Begeben wir uns also zunächst auf die Suche nach Jüdinnen und Juden, die den Pop des 20. Jahrhunderts geprägt haben – ohne dass ihre jüdische Herkunft oder Identität dabei ausdrücklich thematisiert wurde. Eine bedeutende Rolle spielt dabei der jüdische Humor. Oder, besser gesagt: der sogenannte jüdische Humor. Denn, wie so oft, wenn es um Juden und Pop geht, ist die Sache alles andere als eindeutig. Also gibt es den überhaupt, diesen sogenannten jüdischen Humor, Caspar Battegay?

„Nein, gibt es nicht. Juden haben Humor, machen Witze, genau wie andere aus ihrem kulturellen, gesellschaftlichen und religiösen Kontext heraus. Dass Juden vielleicht doch einen spezifischen Humor entwickelt haben, historisch, liegt daran, dass sie in einer Minderheit waren, oft in einer verfolgten Minderheit. Daraus haben sie einen uns oft zynisch vorkommenden, philosophischen Sinn für Humor, der tiefer geht als andere Arten des Humors.”
Es bleibt uneindeutig. Auch für Steven Lee Beeber ist der sogenannte jüdische Humor ein Produkt von Diskriminierung, Verfolgung und Vernichtung.
Humor und Parodie sind elementar. Als Außenseiter durchschaut man die Heuchelei der Mehrheitskultur. Die jüdische Kultur legt Wert auf Witze und Humor und auf soziale Gerechtigkeit.
Der amerikanische Jude Steven Lee Beeber hat ein vieldiskutiertes Buch über die jüdischen Ursprünge des New Yorker Punk geschrieben(2), angeregt auch von berühmten Weihnachtsliedern.
„Im amerikanischen Pop waren Juden von Anfang an wichtig. Sie haben viele Standards komponiert, darunter die beiden populärsten Weihnachtslieder, ,White Christmas´ und ,Chestnuts Roasting on an Open Fire.´“
Als kleiner Junge hat Steven Lee Beeber feststellen müssen, dass keiner von den Beatles Jude ist. Also hat er sich auf die Suche gemacht nach Juden im Pop.
Und Beeber wurde fündig. Zunächst bei den Leuten hinter den Kulissen, bei den Produzenten und den Songschreibern. Auch beim erfolgreichsten Produzenten seiner Zeit, verantwortlich für zahllose Hits, etwa „Be my baby“ von den „Ronettes“.

Bob Dylan

Bob Dylan

Neben dem Produzenten Phil Spector und den Songschreibern Leiber & Stoller war fast die komplette Belegschaft des Brill Buildings jüdisch, also die Komponisten, Texter und Arrangeure in der berühmten Songschreiberfabrik am New Yorker Broadway. Aber, das waren Juden hinter den Kulissen. Die Wende kam mit einem gewissen Robert Zimmerman.
Mit Bob Dylan ging es einen entscheidenden Schritt weiter. Er wollte keine sentimentalen Broadway-Schnulzen singen. Stattdessen schrieb er tiefgründige und emotional aufrichtige Lieder, die sich mit den Ironien des Lebens beschäftigten. Dazu bediente er sich oft eines speziellen Humors und ebnete er den Weg für spätere jüdische Rocker wie Joey Ramone, Lou Reed, Jonathan Richman und die Beastie Boys. Dylan hat sich durch sämtliche Spielarten amerikanischer Musik gespielt, vom Folk zum Rock zum Country zum Gospel. Er ist in der Lage, jede Identität anzunehmen.
Bob Dylan, der Mann der Masken, so hat man ihn genannt. Er beherrscht die jüdische Kulturtechnik der Identitäts-Maskerade. Und im Zweifelsfall sagt er: nein Baby, ich bin nicht der, für den du mich hältst, ich ist ein anderer. Dylan betreibt Identitätsmaskerade. 1941, die Nazis bereiten die „Endlösung“ vor, kommt er als Robert Zimmerman in Minnesota zur Welt, seine jüdischen Großeltern waren 1905 aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa in die USA eingewandert. Wie so viele Juden in Amerika ändert auch Robert Zimmerman seinen Namen. Sich einen neuen Namen geben, um nicht als Jude identifiziert zu werden – ein Schritt zum Erfolg, oftmals auch eine Überlebenstechnik. In den Songs von Bob Dylan spielt seine jüdische Herkunft keine große Rolle. Darüber sind sich die Dylanologen dieser Welt weitgehend einig, also die Kritiker, Interpreten und Analytiker von Dylans Werken. Das Jüdische ist eher nebensächlich, so die allgemeine Dylan-Geschichtsschreibung. Gewissermaßen ist das Gegenteil der Fall: Erst als Dylan Ende der siebziger Jahre zu den Wiedergeborenen Christen konvertiert, wird die Religion in seinen Liedern wichtig.
Es mag der Teufel sein/ Es mag Gott sein/ Aber du musst jemandem dienen heißt es in „You gotta have to serve somebody” aus dem Album „Slow Train Coming”, mit dem Bob Dylan 1979 die frohe Botschaft des Wiedergeborenen Christen verkündet – und heftige Diskussionen auslöst, bei Fans wie bei Kritikern. Die jüdischen Spuren in den Songs von Bob Dylan werden dagegen weitgehend ignoriert.

1961, frisch angekommen in Greenwich Village, dem New Yorker Mekka der amerikanischen Folkszene, singt Dylan seine Version des hebräischen Volksliedes Havah Nagilah. Er tut es mit der ihm eigenen Ambivalenz: einer Mischung aus Spott und Verbeugung. Später reist er nach Israel und spielt mit dem Gedanken, in einem Kibbuz zu leben. Nach seinem Übertritt zum Christentum … scheint Dylan hin und her zu torkeln zwischen christlichem Fundamentalismus und chassidischem Judaismus. So die Diagnose einer Website, die nach den jüdischen Spuren in Leben und Werk von Bob Dylan forscht. Name der Website: „Tangled up in Jews“, verstrickt in Juden, die Verballhornung eines berühmten Dylan-Songs „Tangled up in blue”.

1981, also mitten in seiner christlichen Phase, nimmt Bob Dylan den Song „Lenny Bruce“ auf. Seine Hommage an den großen und äußerst einflussreichen jüdischen Komiker Lenny Bruce.
Lenny Bruce ist tot, aber sein Geist lebt weiter,/ Er hat nie einen Golden Globe bekommen und er hat niemals den Entzug geschafft,/ Er war ein Outlaw, so viel ist sicher/ Mehr Outlaw, als ihr jemals sein werdet/ Lenny Bruce ist gegangen, aber sein Geist lebt weiter.

Zur Bedeutung von Lenny Bruce schreibt Caspar Battegay: Eine wichtige Figur für die jüdische Geschichte der Popkultur ist der Komiker Lenny Bruce. Als Leonard Alfred Schneider 1925 geboren, entwickelte sich Bruce von einem Witzereißer in Strip-Clubs in New York zum wohl einflussreichsten Stand-up Comedian der USA in den frühen 1960er Jahren, und zwar mit seiner ungewöhnlich obszönen Sprache, seinem konfrontativen und aggressiven Humor und tabuisierten Themen wie Sex und Benachteiligung sozialer Gruppen, aber auch Religion. Legendär ist Bruces Meditation über die gegensätzliche Natur des jüdischen und des christlichen Gottes. Bruce wurde verschiedene Male wegen des öffentlichen Gebrauchs obszöner Sprache verhaftet, seine andauernden Auseinandersetzungen mit der Justiz zerstörten schließlich seine Karriere. 1966 starb er an einer Überdosis Drogen. Bruce genießt bis heute keine große Popularität, sondern ist vielmehr eine Art avantgardistischer Trendsetter für Entwicklungen, die dann in den 1970er Jahren in den Mainstream gelangen.

Leonard Cohen

Leonard Cohen

Du warst Jesus Christus, mein Gott,/ Und ich war der Geldverleiher/ Du warst die empfindsame Frau/ Ich der altehrwürdige Freud singt Leonard Cohen. Der Geldverleiher und Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, ein jüdisches Stereotyp und ein berühmter jüdischer Wissenschaftler – beide Zielscheiben antisemitischer Hetze.
In diesem Sinne sind Freud und der Geldverleiher archetypische Figuren einer desillusionierten Welt. schreibt Caspar Battegay in seinem Buch über Juden im Pop. Der Titel des Kapitels: „Die Gespenster des Leonard Cohen“.
Cohen ist auch ein Mann der vielen Gesichter. Es ist interessant, dass er in Europa anders auftritt als in Israel. 2009 hatte er ein Konzert bei Tel Aviv, dort sprach er am Ende einen hebräischen Segensspruch und das Publikum antwortete mit Amen, was ja zu seinem Namen Cohen, also Hohepriester, passt. Vor einem jüdischen Publikum sieht er sich als eine Art Pop-Priester. Und das schon seit den siebziger Jahren.

In seinem Buch weist Caspar Battegay nach, wie viel die Songs des Leonard Cohen mit seiner jüdischen Herkunft zu tun haben. „Who by fire” etwa basiert auf der Liturgie der Feiertage Jom Kippur und Rosh HaShana. Aber: Das wird in Deutschland kaum wahrgenommen. Das hat sicher mit Unwissen zu tun, aber es hat auch tiefergehende Gründe. Cohen ist nicht nur ein universell applizierbarer Melancholiker und Erotiker, das ist er auch, aber nicht nur. Ich glaube, das liegt daran, dass das selbstverständlich Jüdische ignoriert wird. Juden, das sind die, die im KZ gestorben sind, oder israelische Bösewichte. Man interessiert sich kaum dafür, was Judentum heute bedeuten könnte.

Jüdische Motive werden „säuberlich“ ausgeklammert, so Caspar Battegay. Offenbar besteht da Säuberungsbedarf, das Verdrängte möge doch bitte verdrängt bleiben. Battegay diagnostiziert bei vielen Deutschen eine unüberwindbare Furcht, die bekannten Repräsentanten der Popkultur auch als Repräsentanten des Judentums wahrzunehmen.
Gegen die Verdrängung und gegen das Verschweigen arbeiten Autoren wie Caspar Battegay und Steven Lee Beeber. Sie kommen auch zu Wort in dem 2012 erschienen Sammelband „We are ugly, but we have the music.“ Untertitel: „Eine ungewöhnliche Spurensuche in Sachen jüdischer Erfahrungen und Subkultur.“
Der selbstironische Titel dieser Spurensuche stammt aus einem Song von Leonard Cohen über das berühmte „Chelsea Hotel”. „We are ugly, but we have the music.“ Wir sind hässlich, aber wir haben die Musik.

Plattencover

2. Velvet Underground „Heroin“

1967 veröffentlichte The Velvet Underground ihren Song über die fatale Attraktion des Heroin. Geschrieben und gesungen wurde „Heroin“ von Lewis Allen Rabinowitz. Auf diesen Namen wird er 1942 von seinen jüdischen Eltern getauft. Wir kennen Lewis Allen Rabinowitz als Lou Reed. Lou Reed gilt in Amerika als der Pate des Punk. Er kombiniert Comedy mit Tabubrüchen, er singt über Rassismus, Antisemitismus, die Kennedy-Morde, lauter Dinge, die sich eigentlich nicht gehören, das ist Lou. Das sagt Steven Lee Beeber, amerikanischer Jude und Autor des Buches „Die Heebie-Jeebies im CBGB's – Die jüdischen Wurzeln des Punk.“ Die Heebie-Jeebies im CBGB's? Ein rätselhafter Titel. Heeb – das ist eine Abwandlung von Hebe, eigentlich eine beleidigende Bezeichnung für Juden, abgeleitet von Hebräer. Wenn Juden selbst aus dem diskriminierenden Begriff Hebe Heeb machen, dann wenden sie das antisemitische Schimpfwort gegen seine Benutzer – ein Akt der Selbstermächtigung, so wie sich einst Afroamerikaner das diskriminierende Wort „Nigger“ angeeignet haben. So wie sich einst Homosexuelle das diskriminierende Wort „schwul“ angeeignet haben.
Heebie Jeebies wiederum ist die umgangssprachliche Bezeichnung für ein Gefühl von Unruhe oder Nervosität. Und das CBGBs? Das war ein legendärer Club im Süden von Manhattan, die Abkürzung CBGB steht eigentlich für Country, Bluegrass, Blues. Berühmt aber wird das CBGBs als Brutstätte des New Yorker Punk.

Egal, ob man katholisch ist oder sonstwas, wenn man aus New York kommt, ist man automatisch jüdisch. Dieses Bonmot des jüdischen Komikers und Proto-Punks Lenny Bruce macht Steven Lee Beeber zum Mantra seines Buches. Jew York, die jüdischste Stadt Amerikas. Hier tragen Juden den Namen Heebie mit Stolz – dabei ist er eigentlich antisemitisch gemeint. Hochburg des New York Punk ist das CBGBs, ein kleiner Club am dreckigen Ende von Manhattans Bowery. Auch der Betreiber CBGBs ist Jude, sein Name ist Hilly Kristal und er ist einer der Geburtshelfer des Punk. Wenn hier von Punk die Rede ist, dann im Sinne einer nuyorikanischen Mischkultur, im Sinne eines Bastards, der viel älter ist als der Londoner Punk der späten Siebziger Jahre.
„Wie viele andere wuchs ich in dem Glauben auf, Punk habe in England begonnen. Doch irgendwann fand ich heraus, dass New York sein Geburtsort war.“, schreibt Steven Lee Beeber in seinem Buch „Die Heebie-Jeebies im CBGB's”.

Lou Reed

Lou Reed

Er meint eine bestimmte Szene im New York der späten Sechziger und frühen Siebziger. Die war schon Punk, bevor es den Begriff Punk in diesem Sinne überhaupt gegeben hat. „Punk reflektiert die gesamte jüdische Geschichte von Unterdrückung und Unsicherheit, Flucht und Wanderschaft, Dazugehören und Nichtdazugehören …” Steven Lee Beeber diagnostiziert eine Zerrissenheit, die erst durch Humor erträglich wird. Der Prototyp dieser jüdisch-nuyorikanischen Zerrissenheit ist Lou Reed. Lous Geschichte ist typisch für jüdische Amerikaner seiner Generation. Er ist der Enkel von eingewanderten Juden, seine Eltern verließen die Lower Eastside, das war das New Yorker Ghetto, wo neu angekommene Juden zuerst wohnten, in Mietshäusern. Die Familie zog dann weiter, zuerst nach Brooklyn, dann nach Queens, immer weiter, aufwärts in die Vorstädte. Lou hasste das, wie viele Juden seiner Generation empfand er das Wegziehen in diese gesichtslosen Vororte als Verlust. Außerdem änderte der Vater den Familiennamen von Rabinowitz zu Reed. Auch das empfand Lou als Verlust von Identität. Wie viele Juden in der Gegend rebelliert er, er kauft sich eine Gitarre, ein Motorrad und rast durch die Vororte. Seine Eltern machen sich Sorgen, sie wollen, dass er Rechtsanwalt wird oder Arzt. Lou benimmt sich sexuell auffällig, anders, abweichend, oder spielt er das seinen Eltern nur vor? Jedenfalls tut er wie ein Schwuler. Die Eltern sind entsetzt und stecken ihn in die Psychiatrie. Dort wird er mit Elektroschocks behandelt, dutzende Male. Später sagt Lou, dass er deshalb den Rock´n´Roll so mag, weil er selbst elektrifiziert ist. Und die frühen Velvet Underground klingen ja tatsächlich manchmal nach Elektroschocks.
Nach der Schule ging Lou nach New York und gründete mit dem Waliser John Cale Velvet Underground. Cale hatte eine klassische Ausbildung und war beeinflußt von John Cage, er kam von der Hochkultur. Lou Reed kannte sich mit den niederen Künsten aus, er kam von der Straße. Aber: Beide mochten auch die andere Seite, und das ist die Essenz von Punk: das Verschmelzen von hoher und niedriger Kunst, das ist typisch für jüdische Kultur in Amerika. Nehmen Sie George Gershwin, „Rhapsody in Blue“, ihm wurde seinerzeit vorgeworfen, dass er Trivialkultur in die Hochkultur schmuggelt, weil er klassische Musik mit Blues und Gospel kombinierte.
„Rhapsody in Blue“ ist heute ein Evergreen. 1924 verstößt George Gershwin mit seiner Rhapsodie gegen das Reinheitsgebot der Hochkultur und brüskiert die Hüter der reinrassigen Musik. Gershwin ist der Sohn von Morris und Rose Gershowitz. Das jüdische Ehepaar wandert 1891 aus Russland in die USA ein. Aber zurück zu Lee Allen Rabinowitz, alias Lou Reed. (Der weiße Junge mit einem Faible für Rhythm & Blues und Gospel, der weiße Junge mit einem Faible für schwarze Musik.)

„Ich will schwarz sein/ Einen natürlichen Rhythmus haben/ Und acht Meter weit abspritzen/ Und es den Juden zeigen/ Ich will schwarz sein/ Ich wäre gern ein Panther/ Und hätte eine Freundin namens Samantha/ Und dazu ein Stall von scharfen Huren/ Ich will kein verkorkster Mittelschichts-Oberschüler mehr sein/ Ich will schwarz sein […]/ Und es den Juden zeigen“.

„Es den Juden zeigen“ – das ist eine wohlwollende Übersetzung für Fuck up the Jews.
Der Jude Lou Reed will schwarz sein und es den Juden so richtig … sagen wir: besorgen: „I wanna be black“ sorgt 1978 für Aufruhr. Dabei variiert er eigentlich bloß ein weitverbreitetes Motiv der amerikanischen Popkultur, wie Caspar Battegay in seinem Buch über Judentum und Pop ausführt: Tatsächlich aber lag die Sehnsucht der Jugendkulturen der frühen 1960er Jahren darin, auf die andere Seite des Mainstreams zu gelangen. Und diese andere Seite stellte man sich schwarz vor. Noch Lou Reed textete auf seinem wichtigen, 1978 erschienen Album Street Hassle über einer bluesigen Bläserlinie: „I wanna be black /have a natural rhythm!“

Der weiße Mann beneidet den schwarzen Mann um seine Potenz. Die musikalische Potenz: den „natürlichen Rhythmus“. Die sexuelle Potenz: einen Stall voller Huren, acht Meter weit abspritzen … Caspar Battegay sieht in diesem Song eine „gefährliche Projektion afroamerikanischer Sexualität und Gewaltbereitschaft“. Man könnte den Song aber auch verstehen als spöttischen und sarkastischen Kommentar des weißen Juden Lou Reed zu den naiven Projektionen weißer Männer, die den schwarzen Mann beneiden um seinen „natürlichen Rhythmus“ und seine sexuelle Potenz.
Auch von deren Sehnsucht, der als langweilig empfundenen weißen Existenz der Mittelklasse entfliehen zu wollen, berichtet „I wanna be Black“. So deutet Peter Waldmann den Song von Lou Reed. Der Literaturwissenschaftler ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Rheinland-Pfalz. Waldmann weiter: Abgestoßen wird man jedoch vom Bild des schwarzen Mannes, das Lou Reed hier entwirft; es gibt bei ihm kein schwarzes Größenselbst mehr, auf das der Slogan Black is beautiful noch zutrifft.

Alan Vega mit Suicide und Ramones

Das Verhältnis von Juden und Schwarzen in den USA ist lange Zeit geprägt von Respekt und gegenseitiger Unterstützung, gewissermaßen eine Solidarität der Verfolgten und Diskriminierten. In diesem Sinne zitiert Steven Lee Beeber den Musikproduzenten Richard Gottehrer:
„Die jüdische Kultur ist sehr gefühlvoll. Sie ist voller Geist. Das Gleiche findet man in der afro-amerikanischen Kultur. Irgendwo in uns ist das Prinzip der Sklaverei tief eingebrannt. Erst wurden wir in Ägypten versklavt, dann wurden wir als Juden aus dem Osten vertrieben … Auch die Afro-Amerikaner wurden hierher verschleppt und nicht in die Gesellschaft integriert. Sie erarbeiteten sich durch ihre Musik den Weg in die Gesellschaft. Wir haben also beide dieses Gefühl.“

Auf einen anderen Aspekt weist Alan Vega hin, Jude aus New York und Sänger der Band Suicide: „Es waren größtenteils Juden, die sich an der Bürgerrechtsbewegung beteiligten. Ohne die Teilnahme und das Geld von Juden hätten viele schwarze Organisationen niemals ihre Arbeit aufnehmen können. Darum macht es mich wahnsinnig, wenn die Kids heute Farrakhan zuhören und über die Juden herziehen. Das zerreißt mir das Herz.“ Louis Farrakhan ist Anführer der Nation Of Islam, einer einflussreichen Religionsbewegung, die sich vor allem unter jungen Afroamerikanern großer Beliebtheit erfreut und deren antisemitische Parolen sich auch in vielen Hip-Hop-Texten wiederfinden.

Alan Vega und Suicide brachten 2004 mit „Dachau Disco” einen der wenigen Songs des New York Punk heraus, der direkt Bezug nimmt auf die Judenvernichtung.
Eine ganz besondere Beziehung zu Nazi-Deutschland haben The Ramones. „Blitzkrieg Bop“ heißt der erste Song auf dem bahnbrechenden ersten Album der Ramones von 1976. Der Blitzkrieg aus dem Titel ist das erste von vielen Nazi-Motiven im Werk der New Yorker Punkband. Das liegt auch am komplizierten Bandgefüge. Zwei der Ramones sind linksliberale Juden, Tommy Ramone und Joey Ramone. Johnny Ramone dagegen ist ein stramm rechter Republikaner, katholisch erzogen. Und Dee Dee Ramone ist ein ganz spezieller Fall, meint Steven Lee Beeber: Dee Dee Douglas Colvin wuchs in Deutschland auf, sein Vater war US-Soldat, seine Mutter Deutsche. Die Eltern hatten dauernd Krach und ließen sich bald scheiden. Dee Dee hatte zwiespältige Gefühle, was seine Vergangenheit anging. So sammelte er Nazi-Souvenirs, vor allem um seinen Vater zu ärgern. Er war besessen von Deutschland und vor allem von Nazi-Deutschland – ähnlich besessen wie Tommy Ramone, bloß aus einer ganz anderen Richtung. Tommys Eltern waren so gerade eben dem Holocaust entkommen, 1956 sind sie vor dem Antisemitismus in Ungarn in die USA geflüchtet.
Aus dieser eigenartigen Konstellation resultieren Songs wie „Blitzkrieg Bop“ oder auch „Today your love, tomorrow the world“, also: Heute gehört mir deine Liebe und morgen die ganze Welt.
Sie verwenden Nazimotive, aber immer mit Humor, so Steven Lee Beeber über die Ramones. Dieser ganz spezielle Humor kommt auch in “Commando” zum Tragen. Darin stellen die Ramones vier goldene Regeln auf: 1. Regel: Keine Liebe zu Deutschland, 2. Regel: Sei nett zu deiner Mama, 3. Regel: Sprich nie mit einem Kommunisten, 4. Regel: Iss nur koschere Salami.

Die Ramones thematisieren ihre jüdische Geschichte mit Humor, Richard Hell will davon gar nichts wissen. Mit „Blank Generation“ hat der Sohn eines deutschstämmigen Juden aus Pittsburgh eine der Hymnen des New York Punk gesungen: „Mein Vater wurde als Jude geboren, aber er hat an den Kram nicht geglaubt. Er hatte mit Religion nichts zu tun. Er hat mich kommunistisch und atheistisch erzogen.“ Er habe sich nie über seine jüdische Herkunft definiert, so Hell. Aber:
„Für einen Antisemiten bin ich definitiv ein Jude.“ Auf dem Coverfoto von „Blank Generation“ sieht man Richard Hell mit blanker Brust, darauf steht geschrieben: „You make me“. Ihr macht mich, oder: du machst mich. Wer und was ein Jude ist, das bestimmen die Antisemiten.

„Ich glaube nicht an Gott und ich bin bestimmt kein Zionist, nichts an mir ist koscher, ich bin ein Jude von meiner Hakennase bis zu meinem beschnittenen Schwanz,/ Hitler war es egal, woran ich glaube, er wollte mich töten, wie alle von uns./ Hitler macht mich zum Juden, Rassisten machen mich zum Juden, ich habe die Rassenbarrieren satt, ich bin ein Jude, fuck you!“
Die englische Band The Long Decline erinnert noch einmal daran, wer Juden zu Juden macht, wer sich warum Juden hält, als inneren Feind, als äußeren Feind, den reichen Juden, den sexuell potenten Juden, den holocaustprivilegierten Juden. „I´m a jew“ ist ein typisches Beispiel für ein neues jüdisches Selbstbewusstsein im Pop, das offensiv mit der Opferrolle bricht. „I´m a jew, fuck you“ appelliert nicht auf devote Art an die philosemitischen Gönnerdeutschen. The Long Decline sind Juden, sie sagen es, und wem das nicht passt, der bekommt den Mittelfinger. Das Cover der Single zeigt eine Collage: „Cool Jews“, unter den coolen Juden finden wir die Marx Brothers incl. Karl Marx, Rosa Luxemburg, die Philosophin Susan Sontag und viele Größen der Popmusik: Laura Nyro und Bob Dylan, Lou Reed und Leonard Cohen.
„I´m a jew, fuck you“, das gefällt auch Caspar Battegay, dem Autor des Essays über Popkultur und Judentum: „I´m a jew“ ist extrem witzig, ein Akt der Befreiung und Autonomie, im Sinne dessen, was Maxim Biller mal gesagt hat: Ich will nicht Jude sein, weil man mich als Jude sieht, sondern weil ich es bin, naiv, aber nicht selbstverständlich. Das wollte ich in meinem Buch zum Ausdruck bringen. Da werden Figuren des Jüdischen entworfen, die sich Festschreibungen widersetzen. „I´m a jew“ ist gewaltsam, aber auch ironisch und befreiend.“

Als weiteres Beispiel für den befreienden Umgang mit dem Jüdischsein nennt Caspar Battegay in seinem Buch den Namen Josh Dolgin. Josh Dolgin ist ein weißer, jüdischer Rapper aus Montreal, er nennt sich DJ SoCalled, also DJ Sogenannt, und verweist damit auf eine jüdische Überlebenstechnik: sich einen neuen Namen geben, um nicht als Jude identifiziert zu werden.
Als DJ SoCalled verfremdet Dolgin beliebte jiddische Lieder für seine kunstvollen Hip-Hop-Bastarde. Im nostalgischen Schwarzweiß-Videoclip zu „Good old days“ – die guten alten Zeiten – in diesem Video also spielt Benny Goodman eine tragende Rolle. Geboren als Benjamin David Goodman lernte der spätere Vater des Swing das Klarinettespielen in der Kehelah-Jacob-Synagoge von Chicago. In „Good old days“ verweist DJ SoCalled auf eine weitere Tradition des jüdisch-amerikanischen Entertainments: „Fight for your right to fight“, verkündet der jüdische Rapper SoCalled und macht sich seinen eigenen Reim auf eine berühmte Parole des Rap.

Beastie Boys

Beastie Boys

„Fight for your right to party“, die Beastie Boys, drei jüdische Jungs aus dem New Yorker Bürgertum machen einen Haufen Geld mit Rap, einer Musik des schwarzen Amerika. Doch auch jüdische Künstler fühlen sich als Außenseiter und identifizieren sich darüber mit der afroamerikanischen Minderheit. Caspar Battegay schreibt: „Schwarz sein, ja schwarz werden: Diese Fantasie dominiert die Subkultur der späten 1960er und 1970er Jahre.“ Und in den 80ern? Mit dem Album „Licensed to ill“ schaffen die Beastie Boys 1986 einen historischen Durchbruch: das erste HipHop-Album auf Platz Eins der US-Charts, von drei weißen, jüdischen Jungs aus dem New Yorker Bürgertum. Was ist eigentlich das Jüdische an den Beastie Boys?

„Ihr smart-ass-anarchischer jüdischer Humor. Sie sind so eine Art Marx Brothers der Musik.“ sagt der amerikanische Autor Steven Lee Beeber. Beeber hat ein vieldiskutiertes Buch über die jüdischen Ursprünge des New Yorker Punk geschrieben. Aber was bitteschön ist das, smart-ass-anarchischer, jüdischer Humor, Steven Lee Beeber? Humor und Parodie sind ganz elementar. Als klassischer Außenseiter durchschaut man die Heuchelei und Verlogenheit der Mehrheitskultur. Die jüdische Kultur legt viel Wert auf Witze und Humor und auf soziale Gerechtigkeit. Aus dieser Kombination entstehen oft Parodien auf populäre Motive der Massenkultur, wenn sich etwa die Ramones über die Surfmusik lustig machen oder wenn Bob Dylan klassische Folksongs dekonstruiert. Oder die Beastie Boys, die den Humor eines Jerry Lewis in Hip-Hop-Songs übertragen, etwa in „Hey ladies!“ Der Song stammt vom Album „Paul´s Boutique“ von 1989. Darauf findet sich auch der Song „Shadrach“. Ein expliziter Hinweis auf die jüdische Geschichte der Beastie Boys. Da vergleichen sich die drei Rapper mit den drei jungen Juden Shadrach, Meshach und Abednego. Der Überlieferung nach weigern sich die Drei, Nebukadnezar zu huldigen, dem König Babylons. Dieser lässt sie gefesselt in einen glühend heißen Ofen werfen. Aber die drei Freunde werden auf wundersame Weise von einem Engel befreit. So machen Shadrach, Meshach und Abednego Geschichte: die Kinder Israels, die ihre Identität nicht verleugnet haben.
Sie wollten lieber in den Flammen tanzen, als von den Flammen verzehrt zu werden.
Die Beastie Boys erzählen jüdische Geschichte im Medium Hip-Hop. Steven Lee Beeber:
Kulturelle Grenzen überschreiten, das ist sehr jüdisch. Die Beastie Boys waren die erste weiße Gruppe, die in der schwarzen Hip-Hop-Gemeinde akzeptiert wurde.

Marc Ribot und John Zorn

Einen Klassiker des schwarzen Jazz interpretiert Marc Ribot: „Mood Indigo“ von Duke Ellington. Ribots Album trägt einen sprechenden Titel: Rootless Cosmopolitans. Wurzellose Kosmopoliten – so nannte Josef Stalin die Juden – und es war nicht als Kompliment gemeint. Der Jude Marc Ribot trägt die Beleidigung mit Stolz, er ist gerne ein wurzelloser Kosmopolit. Und er ist ein Protagonist der Radical New Jewish Music. Die Bewegung radikale neue jüdische Musik entsteht in den frühen 90ern in New York. Sie sucht nach neuen Ausdrucksformen jüdischer Musik und sie bricht mit der Tradition.
Ich bin nicht mit Klezmer aufgewachsen. Es gibt keine Kontinuität, das ist ein radikaler Bruch, sagt der Gitarrist Marc Ribot und verortet die Radical New Jewish Music im politisch-kulturellen Klima der frühen Neunziger: Die radikale neue jüdische Musik ist zur Hochzeit der Identitätspolitik aufgekommen, zur selben Zeit gab es Queercore und die Riot Grrrls. Marc Ribot sieht eine Verwandtschaft der Radical New Jewish Music zu den feministischen und sexualpolitischen Bewegungen dieser Zeit. Und woher kommt der Name? John Zorn ist der Erfinder der Radical New Jewish Music.
Radikale neue jüdische Musik, fürwahr: „Scud Attack“ heißt ein Stück von John Zorns Band „Pain Killer“, eine musikalische Verarbeitung der Angriffe irakischer Scud-Raketen auf israelische Ziele im Golfkrieg. Klezmer-Gemütlichkeit kommt da nicht auf. Ein Nebenprojekt der Radical Jewish Music ist die von John Zorn initiierte Reihe „Great Jewish Music“. Unter diesem Motto werden große jüdische Musiker des 20.Jahrhunderts gewürdigt, so etwa Serge Gainsbourg, Marc Bolan von T.Rex oder der Komponist Burt Bacharach.
Aneignung der jüdischen Geschichte, darum geht es jüngeren Bands, die sich Jewish Monkeys nennen, die Jüdischen Affen oder Jewrythmics, eine Verballhornung der Eurythmics.
„Gay, Gypsy & Jew“ – Schwul, Zigeuner, Jude! Auch die Berliner Band Rotfront trägt die Diskriminierung mit Stolz. Der Kopf des internationalen Projekts Rotfront ist der aus der Ukraine stammende Jude Yuriy Gurzhy. Die Idee zu „Gay, Gypsy & Jew“ kommt der Band in einem europäischen Land, in dem Schwule und Lesben, Sinti und Roma und auch Juden heutzutage ihres Lebens nicht sicher sein können.
„Gay Gypsy & Jew ist von der Situation in Ungarn inspiriert, deswegen dachten wir, dass er nur in Ungarn verstanden wird. Ist aber nicht so, in jedem Land berichten uns die Leute von ähnlichen politischen Tendenzen und feiern den Song.“
Und in Deutschland? Die Schwierigkeiten mit der sogenannten Normalität beschreibt Caspar Battegay in seinem Buch über Judentum und Pop: Auch Juden sind ganz normale Deutsche und eigentlich sind auch Deutsche ganz normale Juden. Mit diesem vermeintlichen Gleichgewicht der Normalität spielt der jüdische Komiker Oliver Polak in einer Comedy-Nummer mit dem Titel „Lasst uns alle Juden sein“, die auch als Youtube-Video kursiert.

Wenn alle Menschen Juden wären, würde es das Judentum paradoxerweise nicht mehr geben, schreibt Caspar Battegay, dann wäre nämlich der Gedanke der Außerwähltheit unter den Völkern gegenstandslos. Battegay weiter: Oliver Polak geht gar nicht von einer religiösen Perspektive aus, sondern von der biographischen Erfahrung, im Nachkriegsdeutschland Jude zu sein und damit einer extrem ausgestellten, doch durch Tabus geschützten Minderheit anzugehören. Polaks Vater ist der einzige Überlebende der ca. 100 Juden, die aus der Kleinstadt Papenburg deportiert wurden, kehrte nach dem Krieg jedoch zurück, um „das lebende Mahnmal“ zu sein. Diese unfreiwillige Funktion des Gedächtnisträgers geht schließlich auch auf den Sohn über: „Und dann kam auch noch ich: ‚Mahnmal – the next Generation‘. Ob ich wollte oder nicht.“ Der Aufruf „Lasst uns alle Juden sein!“ formuliert eine imaginäre Flucht aus diesem Zwang zur Repräsentation, er ist ein ambivalentes Statement gegen die anhaltende Fixierung der Identität als „Jude“ und damit als Verkörperung der deutschen Schuld, die essentiell mit der deutschen Wahrnehmung des „Jüdischen“ verbunden ist.
Der Schluss des Videos ist vielleicht am gelungensten. Wie ein Straßenmusiker an einen Brunnen gelehnt, steht Dirk von Lowtzow, der Frontmann der Band Tocotronic, und singt die Refrainzeile „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ aus dem gleichnamigen Song. Anstatt „Jugendbewegung“ singt Lowtzow in Polaks Video aber „Ich möchte Teil einer Judenbewegung sein“.

  • 1) Caspar Battegay: Judentum und Popkultur. Ein Essay. transcript Verlag, Bielefeld 2012
  • 2) Steven Lee Beeber: Die Heebie-Jeebies im CBGB’S. Die jüdischen Wurzeln des Punk. Übersetzt von Doris Akrap. Ventil Verlag, Mainz 2008

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erstellt am 29.1.2013

Caspar Battegay
Judentum und Popkultur
Ein Essay
Transcript Verlag, 2012
ISBN 978-3-8376-2047-4

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