Er hat schon über Schamanen und Mystiker, über Kultur und Psyche, über Kamasutra und die Liebe geschrieben – nun schreibt der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar über sich. In seiner Autobiographie beschreibt Kakar seinen polypragmatischen Wechsel zwischen Indien und dem Westen und stellt sich selbst als Guru dar.

Buchkritik

Anything Goa oder von der Couch in den Lotossitz

Von Detlev Claussen

Auf dieses Buch, den autobiographischen Lebensbericht des berühmten Psychoanalytikers Sudhir Kakar, durfte man gespannt sein. Die äußeren Stationen seines Lebens Goa, Lahore, Dehli, Jaipur, Ahmedabad, Deutschland, Harvard, Frankfurt am Main und Neu-Dehli versprechen eine bewegte Kindheit in Indien zur Zeit von nationaler Unabhängigkeit und partition, aufregende Studienjahre und reichhaltige Erfahrungen eines prominenten Intellektuellen beim Pendeln zwischen Ost und West. Von einem Psychoanalytiker kann man erwarten, dass er die Vertracktheit der biographischen Wahrheit kennt, von der Freud in einem Brief an Arnold Zweig feststellte, sie sei „nicht zu haben, und wenn man sie hätte, wäre sie nicht zu brauchen“. Noch mehr als der Biograph vepflichtet sich der Autobiograph „zur Lüge, zur Verheimlichung, Heuchelei, Schönfärberei und selbst zur Verhehlung seines Unverständnisses.“ Kakar schlägt diese Warnungen in den Wind; er kann über alles bis an die Grenze der Indiskretion reden und ihm ist nichts Menschliches fremd. Karl Kraus hat sich vor modernen Menschen „ohne Gefühle und Vorurteile“ gefürchtet; aber das ist schon lange her, heutzutage muss man sich vor Menschen voller Gefühle und Vorurteile fürchten. Sudhir Kakar ist up to date.

Bewährungsprobe seiner Erkenntnis- und Darstellungskraft wäre die Zeit der Teilung des indischen Subkontinents gewesen, die mit dem Ende der Kindheit des 1938 geborenen Kakar zusammenfällt. Kakar enttäuscht den interessierten Leser mit der Anhäufung von Banalitäten über seine Familienzusammenhänge im damaligen Nordindien, die er wiederum in naiven Psychologismen zu fassen versucht, wie etwa: „Ich erbte die Kluft zwischen der Herkunft meines Vaters und der meiner Mutter in Form einer Persönlichkeitsspaltung.“ Die äußeren Ereignisse bleiben Staffage im Leben des sich selbst als „Schriftsteller-Analytiker“ verstehenden Kakar. Einem wirklichen Schriftsteller wie Salman Rushdie verdanken wir den Nobelpreis würdigen Roman „Mitternachtskinder“, der das Jahrhundertereignis der gewalttätigen Teilung des Subkontinents in Indien und Pakistan begreifbar gemacht hat. Von Kakar dagegen erfährt man nur ein paar ethnoreligiöse Witze: von der „Seele der Anderen“, wie es der Titel seines Buches verspricht, nichts. Wenn es etwas zu erklären gibt, verweist Kakar auf das, was er „an anderer Stelle“ geschrieben hat – im Fall des ethnoreligiösen Konflikts auf sein Buch „Die Gewalt der Frommen. Zur Psychologie religiöser und ethnischer Konflikte“, das ihm den Ruf des Spezialisten religiös motivierter Gewalt eingetragen hat.

Sudhir Kakar liebt es, die Erwartungen anderer zu bedienen. Wie es zur Lebensgeschichte eines Analytikers, der weit herumgekommen ist, zu passen scheint, erzählt er dem Leser von seinen Liebesgeschichten, nicht ohne auf das zu verweisen, was er „an anderer Stelle“ geschrieben hat – also Verweise auf seine Titel „Kamasutra oder die Kunst des Begehrens“, „Liebe aus Indien“ und „Die Frau, die Gandhi liebte“. Seine erotischen Erzählungen garnieren den Aufstieg eines gar nicht so ungewöhnlichen Mittelklasseinders in die globale Talkshowprominenz. Dem Leser bietet er sich in Liebesdingen als scheu wie Du und Ich an und scheut zugleich nicht davor zurück, sich als erfahrenen und glücklichen Indian Lover zu präsentieren. Dem indischen Leser zeigt sich Kakar als welterfahren, dem westlichen als geheimnisvoll-exotisch. Wie schafft Kakar es, diese Rollen gleichzeitig auszufüllen? Kakar breitet stolz vor dem Leser seine unterschiedlichen „Identitäten“ aus: Die des Inders, des Intellektuellen, des Wissenschaftlers, des fiktionalen Schriftstellers, des Psychoanalytikers und last but not least die des Gurus. Das soll kein selbstironischer Witz sein, sondern eine ernst gemeinte Selbstdarstellung.

„Identität“ ist in den letzten 20 Jahren zu einem subjektiven Komplementärschlagwort zur „Globalisierung“; den Charakter eines Begriffs wie noch im deutschen Idealismus hat es eingebüßt; im Freudschen Werk kommt „Identität“ so gut wie nicht vor. Zwar hat Kakar in Frankfurt bei de Boor eine klassische Lehranalyse gemacht; aber in der Theorie hat er nicht Freud, sondern Erik Homburger Erikson zu seinem Guru gemacht, der die Kategorie der Identität in der Psychologie der fünfziger und sechziger Jahre etabliert hat. Sie schien ihm nützlich zur Erklärung spezieller Phänomene der Adoleszenz, aber er wandte sie auch auf die amerikanische Einwanderungsgesellschaft an. Im Alter begann er sich für Indien zu interessieren und traf per Zufall auf den jungen Kakar, dem er einen Job in Harvard auf unkonventionelle Weise verschaffte und ihn zum kulturellen Berater in indischen Angelegenheiten machte; denn nach Luther wollte Erikson eine Gandhibiographie schreiben. Kakar, der bis dahin auf dem Wege zum Ingenieur oder Manager war, bot sich Erikson gleich als Kenner von Tagore an, der ebenso wie Gandhi als Quelle indischer Identität benutzt wird. Die unreflektierte Gleichsetzung von Hinduismus und indischer Kultur wird bei Kakar zu einem Wissensschatz, der dem westlichen Intellektuellen nur schwer zugänglich ist.

Kakar, der zwischen Goa und den Ivy League Universitäten hin- und herpendelt, meint, er könne beides sein … und noch viel mehr. Schon bei der Lektüre fragt man sich, wie habe er nur genügend Aufmerksamkeit für seine in Indien lebenden Patienten aufbringen können, wenn er alle halbe Jahr zu ehrenvollen Lehrverpflichtungen in die USA aufbricht. Er gibt selbst zu, dass er polypragmatisch mit den Anforderungen der Psychoanalyse und den Erwartungen indischer Patienten umgehe. Kakar opfert den schwierigen universellen Wahrheitsanspruch der Psychoanalyse auf dem Altar eines Kulturrelativismus, der es ihm – easy going – erlaubt, selbst als ein Guru aufzutreten, der westlichen Rationalismus mit indischem Spiritualismus zu vereinbaren weiß.

Der Motor seines Erzählens ist ein ungebremster Narzissmus, der keine Hindernisse von Scham kennt. Der Disziplin begrifflichen theoretisches Denkens, die in der Freudschen Tradition gefordert ist, entzieht er sich mit dem Hinweis auf die „unelegante Sprache der Psychoanalyse“. Man stockt, wenn man gleich am Anfang auf die Jungsche Kategorie des „Unterbewusstseins“ stößt, in der Mitte des Buches aber vom „Unbewussten“ die Rede ist und man am Ende wieder auf das „Unterbewusstsein“ verwiesen wird. C.G. Jung passt zur kulturrelativistischen Kollektivpsychologie, die mit der Individualpsychologie Freuds, aus der eine kritische Metapsychologie folgt, unvereinbar ist. Für Kakar nicht. Das hatte er schon in seinem vorletzten Buch „Freud lesen in Goa“ versprochen: „Spiritualismus in einer aufgeklärten Welt“.

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erstellt am 29.1.2013

Sudhir Kakar
Die Seele der Anderen
Mein Leben zwischen Indien und dem Westen
Übersetzung von Klaus Modick
C.H.Beck, München 2012, 313 S.

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