Mehrsprachigkeit – Ilija Trojanow

Ilija Trojanow ist in Deutschland der bedeutendste Autor, der kulturelle Vielfalt in der eigenen Person verkörpert und zugleich Schriftsteller aller Kontinente mit überzeugender Präsenz aktiv zueinander führt. Mit ruhiger Geduld und sanft eingebrachter Autorität leitet er Podien, gibt Autoren aus aller Welt die Chance, ungezwungen Eigenes zu Gehör zu bringen. Diese Haltung wurzelt in Erfahrungen, die er als in Bulgarien geborener Autor, der nach der Flucht seiner Familie im Ausland aufwuchs, an sich selbst erspürt hat. Genaue (Selbst-) Beobachtung hat ihn misstrauisch gemacht gegen Begriffe wie »Authentizität«. Er spricht sich gegen Kategorisierungen von Literatur aus, wünscht dem deutschen Bildungsbürger ein globales Alphabetentum und Europa mehr kulturelle Offenheit.
Am Rande des Literaturfests »Afrikanissimo«, das Ilija Trojanow als Autor und Moderator im Frankfurter Literaturhaus begleitete, hat Andrea Pollmeier mit ihm gesprochen.

Interview mit Ilija TROJANOW

Globalisiertes Alphabetentum für Europa

Sie haben aus eigenem Erleben und durch Ihr langjähriges Engagement Erfahrungen in der Vermittlung internationaler Literatur gesammelt. In welcher Weise beeinflussen Vorerwartungen die literarische Rezeption?

Die literarische Rezeption wird immer von existierenden Prägungen beeinflusst. Nur selten kann man Vorurteile einer Bösartigkeit oder Abfälligkeit zuweisen, sie entstehen genauso auch aus einer Euphorie, Idealisierung, Mystifizierung oder Exotisierung. Viele verschiedene Phänomene beeinflussen also die Literaturvermittlung. Auf Afrika bezogen ist es das Hauptproblem, dass man während der Kolonialzeit die Vorstellung von einer afrikanischen Intellektualität überhaupt abgelehnt hat. Es gibt in der europäischen Archäologie unzählige Beispiele dafür, dass man die faktischen Beweise der eigenen Ausgrabungen ignoriert hat. Man war zu fest davon überzeugt, dass Afrikaner bestimmte kulturelle Leistungen wie beispielsweise eine Schriftlichkeit nicht zustande bringen. Viele Missverständnisse haben sich so verfestigt, ein leiser Grundverdacht ist in den Köpfen der Menschen noch immer vorhanden.

Künstler wie Picasso oder die Maler der „Brücke“ haben schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Impulse der afrikanischen Kultur gleichberechtigt wahrgenommen und in ihr eigenes Schaffen integriert. Auch die Musikentwicklung ist stark von diesem Kontinent geprägt. Warum ist gerade die literarische Szene gegenüber Afrika so resistent?

Mit Sicherheit ist Literatur erheblich schwerer zu rezipieren. Bildende Kunst und Musik werden oft eher wie beispielsweise Kakao aus Ghana als bekömmliche Importe betrachtet und konsumiert. In der Literatur – und das gilt generell – ist der geforderte Einsatz von Zeit und intellektueller Energie größer. Ich lese gerade das Buch des aus Kamerun stammenden Autors Patrice Nganang. Es hat 500 Seiten, in die man sich hineinknien muss, es gilt, eine wirklich fremde Welt kennen zu lernen und ein eigenwilliges Schreibverfahren nachzuvollziehen. Da ist eine Mitarbeit erforderlich, die vom Leser oft verweigert wird. Wenn eine Kultur sehr fremd ist, ist es besonders leicht, diese Unwilligkeit zu legitimieren.

Welche Mittel setzen Sie als Veranstalter von Lesungen ein, um die Bereitschaft des Sich-Einlassens zu erhöhen?

Wenn ich moderiere, formuliere ich zunächst, was man nicht machen sollte: Man sollte eine Reduktion des Autors auf die Herkunft oder seine vermeintliche Repräsentanz vermeiden. Dieses uralte Denken, „jetzt haben wir hier auch noch 'nen Neger“, ist erschreckenderweise immer noch oft herauszuhören. Ich glaube, dass viele dieser mentalen Strukturen ganz unbewusst vorherrschen, selbst in den Feuilletons der Medien. Neulich habe ich mich sehr über eine SWR-Rezension zu einer Neuübersetzung von Chinua Achebe „Things fall apart“, die im Fischer Verlag erschienen ist, erregt. Der Rezensent ging mit einer völligen Selbstverständlichkeit von einer Dichotomie aus zwischen barbarischer, afrikanischer Stammeskultur und aufgeklärter europäischer Kolonialkultur. Diese vermutetete Dichotomie setzt sich in vielem anderen fort. Der erste Schritt ist darum, den eingeladenen Autor als individuellen Künstler vorzustellen und sein Anliegen jenseits von irgendwelchen logischen, geographischen oder religiösen Kategorien zu benennen. Jede Form von Schubladen-Reduktion soll man vermeiden.

Als Zweites gilt es, den Balanceakt zu finden zwischen dem Zuviel oder Zuwenig an Informationen, die man vorab liefern muss. Ich wehre mich dagegen, jedes Mal bei null zu beginnen, weil kein Wissen vorausgesetzt werden kann. Wenn die Grundlagen immer neu erklärt werden müssen, kann man sich nur schwer vertiefen, insofern muss es Inhalte geben, mit denen man das Publikum fordert. Es gilt, ein gewisses globalisiertes Alphabetentum zu schaffen und sich auch in Bildungsfragen nicht mit einer eurozentrischen Arroganz abzufinden. In einer globalisierten Welt muss es selbstverständlich werden, dass wir ganze Kontinente in den Grundzügen ihrer Entwicklung wahrnehmen und über ein gewisses Grundwissen verfügen.

Beobachten Sie hier eine Generationendifferenz? Haben die vielreisenden jungen Europäer bereits ein anderes Alphabetentum entwickelt?

Ja, das kann ich beobachten. Andererseits gibt es zunehmend weniger diesen Typus des universell Gebildeten. Die jungen Menschen kommen überall in der Welt zurecht und haben ein gewisses Wissen, aber es ist relativ selten, dass sie die Manie der Vertiefung besitzen. Ich habe ältere Menschen kennen gelernt, die wirklich aus dem Stehgreif etwas über die Ming-Dynastie referieren konnten. Heute gibt es eher Spezialistentum und darüber hinaus hat man eine Art Wikipedia-Wissen, solide, aber nicht sehr vertiefend.

+Wie deutlich spürt man diese Wirkung bei Veranstaltungen? Verschwindet in dieser durch Globalisierung geprägten Generation die postkoloniale Sicht auf Afrika? +

Ich glaube, dass es drei Arten von Besuchern gibt: Es gibt die wirklichen Cracks, die in Afrika gelebt haben oder aus anderen Gründen ein profundes Interesse haben, sie führen mit dem Autor gerne Fachgespräche über die politische Lage.
Dann gibt es genau das Gegenteil: die Naiven, aber Gutmeinenden. Sie finden es fein, Autoren aus Afrika kennen zu lernen. Wie diese Besucher vorgeprägt sind, merkt man an ihren Fragen. Sie sind zum Teil ungewollt peinlich, weil sie im Subtext von einer kulturellen Unterentwicklung Afrikas ausgehen. Als Moderator zucke ich dann innerlich zusammen, die allermeisten afrikanischen Autoren beweisen in solchen Momenten jedoch eine bemerkenswerte Souveränität. Vermutlich haben sie diese Reaktionen schon oft erlebt, auch gibt es in ihren Ländern noch eine andere Kultur der Höflichkeit. Die dritte Gruppe bilden die Literaturinteressierten: Sie lassen sich aus literarischem Interesse ein und sind, wenn es ihre erste Begegnung mit einem afrikanischen Autor war, oft positiv überrascht.

Immer wieder wird sogar in den Programmtexten der Veranstalter betont, dass die literarische Moderne – gemeint ist wohl die westliche Moderne – inzwischen auch in der afrikanischen Literatur angekommen sei. Wie viel Subtext liegt in dieser Zuweisung?

Es fällt auf, dass der Aufbruch der afrikanischen Literatur gerade um die Zeit der Unabhängigkeit herum teilweise mit sehr radikalen formellen Experimenten einherging. Der westafrikanische Autor Gabriel Okara hat beispielsweise in seinem Buch „The voice“ den Versuch gemacht, die Kolonialsprache zu zertrümmern. Er entwickelte ein afrikanisches Englisch, das nicht dem nachgebildeten Pidgin-Englisch, welches die Leute auf der Straße reden, entspricht, sondern ein artifizielles, aber westafrikanische Denkmuster abbildendes Kunst-Afroenglisch ist. Der Text war zwar schwer zu lesen, stellte aber ein Beispiel atemberaubender experimenteller Neugier von großem Wagemut dar. Außerdem gab es von dem umgebrachten nigerianischen Autor Ken Saro-Wiwa den Roman „Sozaboy“. Das Buch ist gänzlich in einer Art Vulgär-Militär-Pidgin geschrieben. Es gab also sofort den Versuch, an die moderne Welt anzuknüpfen und diese mit den eigenen Bedürfnissen zu verbinden. Diese Bücher wurden bei uns jedoch weniger wahrgenommen. Generell werden schwierige Werke nur rezipiert, wenn sie kanonisiert worden sind, und auch dann bleibt offen, wie viele Leser sich beispielsweise an Texte wie „Finnegans Wake“ von James Joyce gewagt haben. Für die afrikanische Literatur gibt es bisher noch keine Kanonisierung dieser Art.

Afrikanische Literaturprojekte haben in der Regel eine geringere Anziehungskraft als beispielsweise arabische oder südamerikanische Literaturtage. Warum?

Das ist einfach erklärt. Afrika hat es immer am Schwersten gehabt. Alles, was wir bereits diskutiert haben, das Maß der Vorurteile, der Überheblichkeit, der Vereinfachungen, der Projektionen, all das war seit jeher bei Afrika noch einmal eine Stufe schlimmer als gegenüber der arabischen oder der indischen Welt. Man muss für Afrika noch mehr tun.

Viele Autoren, die in Afrika geboren sind, leben und arbeiten heute im Ausland. Immer wieder wird über das Ausmaß ihrer noch gegebenen Authentizität diskutiert. Wie bewerten Sie diese Frage?

Ich kann persönlich mit dem Wort „Authentizität“ überhaupt nichts anfangen. Das Wort ist stark instrumentalisiert worden, oft wird es benutzt, um eine bestimmt Ideologie oder Verengung zu verteidigen. In der Rezeption der afrikanischen Literatur, unter afrikanischen Intellektuellen oder auch außerhalb setzt man das Kriterium „authentisch“ ein, um jemandem, den man nicht mag, die literarische Existenzberechtigung abzustreiten. Das gleiche Verhalten kann man gegenüber Autoren der Exilliteratur beobachten. Dieses uralte Phänomen habe ich selbst erlebt, wenn ich über Bulgarien schreibe. Angeblich kann ich nicht authentisch über Bulgarien schreiben, weil ich ja in der Diaspora lebe. Diese Sichtweise ist in der Weltliteratur der letzten 3000 Jahre tausendmal widerlegt worden.

Wie berechtigt ist dann ein Literaturfestival unter dem regionalen Schwerpunkt „Afrika“? Verbirgt sich hinter dem Überbegriff „Afrika“ nicht sowieso ein zu divergierender Kulturraum?

„Afrika“ als Überbegriff zielt auf eine reine Zuordnung von Gemeinsamkeiten. An einer Diskussionsveranstaltung von Afrikanissimo, den in Frankfurt veranstalteten Literaturtagen, nehmen drei Autorinnen teil. Sie leben mit einem Bein in Afrika und mit dem anderen in Frankreich, Deutschland oder den USA. Man kann vermuten, dass diese drei Autorinnen aufgrund dieser Lebenssituation gewisse gemeinsame Erfahrungen haben, auf die sie dann unterschiedlich reagieren. Ich persönlich vermeide jedoch solche Kategorien, soweit es geht, dennoch sind sie oft einfach nötig, um Menschen, die sich nicht auskennen, vereinfachte Brücken anzubieten.

Wir haben schon erwähnt, dass sich westliche Künstler und Musiker mit der afrikanischen Kultur als gleichstarker, eigenständiger Welt auseinandergesetzt haben. Gibt es einen hinreichenden wechselseitigen Kulturaustausch?

Grundsätzlich kann man sagen, dass Europa im 21.Jahrhundert weitgehend der Ansicht ist, die eigenen Prägungen seien ausreichend. Das ist aus meiner Sicht inzwischen ein intellektueller Wettbewerbsnachteil. In den Ländern, die ich gut kenne wie Indien, Südafrika oder Brasilien, tanzen die gebildeten Menschen bereits auf viel mehr Hochzeiten. Ein gebildeter Inder ist genauso in den Sanskrit-Texten zuhause wie bei Hegel und Habermas. Er würde, wenn ich den Namen Habermas nenne, nicht sagen – hm, wer bitte? Wenn ich hingegen hier in einer gebildeten Runde irgendeinen indischen Autor zitiere, kommt meistens die Nachfrage, muss man den kennen? Es gibt also mit Sicherheit noch eine Einseitigkeit, die wahrscheinlich erst überwunden wird, wenn Europa tatsächlich zweitrangig geworden ist. Zwar erscheinen schon heute viele politische Bücher, die vor dem Abstieg Europas warnen, wenn man sie genau liest, geht es ihnen jedoch nur darum, Europa wirtschaftlich und politisch zu stärken. Selten wird formuliert, dass sich Europa kulturell zu mehr Offenheit, Wandlungsfähigkeit und Lernbereitschaft wandeln sollte und dies eine neue Form europäischer Stärke werden könnte. Diese Diskussion fehlt.

Das Gespräch für Faust-Kultur führte Andrea Pollmeier

Kommentare


markus Jochum - ( 28-01-2013 09:54:22 )
Sehr gut. Gerade aus dem letzten Absatz des Inerviews sollte man was machen. Was ist erforderlich, um dieser europäischen Ignoranz zu begegnen.

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erstellt am 25.1.2013

Ilija Trojanow
Ilija Trojanow

»Der erste Schritt ist darum, den eingeladenen Autor als individuellen Künstler vorzustellen und sein Anliegen jenseits von irgendwelchen logischen, geographischen oder religiösen Kategorien zu benennen. Jede Form von Schubladen-Reduktion soll man vermeiden.«

»Grundsätzlich kann man sagen, dass Europa im 21.Jahrhundert weitgehend der Ansicht ist, die eigenen Prägungen seien ausreichend. Das ist aus meiner Sicht inzwischen ein intellektueller Wettbewerbsnachteil.«

»Selten wird formuliert, dass sich Europa kulturell zu mehr Offenheit, Wandlungsfähigkeit und Lernbereitschaft wandeln sollte und dies eine neue Form europäischer Stärke werden könnte. Diese Diskussion fehlt.«