Chirikure Chirikure, 1962 in Gutu in Zimbabwe geboren, ist heute einer der bekanntesten Dichter und Performer seines Landes. Er studierte in Harare und Iowa (USA) Religions-, Literatur- und Geschichtswissenschaften und setzte sich engagiert für die Stärkung der eigenen kulturellen Wurzeln ein. 1989 publizierte er unter dem Titel »Rukuvhute« (Die Nabelschnur) als erster Dichter, dessen Lyrik in Shona geschrieben war, in seiner Heimat einen eigenen Gedichtband. Bis 2002 arbeitete Chirikure in Zimbabwe als Verleger, trat parallel jedoch auch als Performance-Lyriker mit Musikern auf und kreierte zusammen mit den House of Hunger Slam Poets im Book Cafe von Harare einen eigenen Performance-Stil. 2011 war Chirikure Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

Chirikure Chirikure, Foto Andrea Pollmeier
Text und Audio

Chirikure Chirikure

Lasst den Jungen

lasst den Jungen machen
lasst ihn seinen Appetit befriedigen
so geht es immer mit einem neuen Spielzeug
das spielt sich ständig ab
lasst ihn frei herrschen über den Ball
lasst ihn das Ding hoch in die Luft kicken
und gegen die Mauer
schaut zu, wie er imaginäre Gegner in Grund und Boden dribbelt
seht ihn den Ball köpfen
ihn schleudern mit der Hand
und umschlingen wie eine kindische Mutter
seht die Fröhlichkeit in seinen Augen, wenn er den Moment auskostet
überlasst den Jungen dem Ballspiel
wenn die Sonne auf die Stelle einhämmert, die einst seine Fontanelle war
mag seine Besessenheit nachlassen
sein Gemüt nur von fern noch den Ball erinnern
Freunde und Landsleute, belasst es dabei
wer ist er, anders zu sein
auch Erwachsene erliegen dem Reiz neuer Spielzeuge
schaut, Gesellschaft bringt zu jeder Zeit welche hervor

Zurichtungen

hier bin ich
hocke auf diesem Globus
drehbar
ostwärts, westwärts
ostwärts, westwärts
hier bin ich
treibe über diese Erde
wandelbar
ostwärts, westwärts
westwärts, ostwärts
hier bin ich
sehe mein Volk angehalten
ostwärts zu schauen
nicht westwärts
ostwärts
und da stehe ich
geboren, erzogen
gedrillt aufs Lesen
Schreiben
Denken
Träumen
von links
nach rechts

Orte, gefunden in der Erfindung

jedes Gesicht hielt mir
dieselbe Frage entgegen
über die Orte, an denen ich war
bloß das Herz antwortet
der Mund ist kraftlos, aber
das im Herzen füllt die Kornkammer
mit träumerischen Gesichtern,
während sie, blanker Unglaube, abermals
fragen, wohin die Reise ging
ich antworte prompt:
ins Land der verschwiegenen Echos
an die Sandufer des antiken Timbuktu
sie schütteln die Köpfe, ochsenhaft, lachen
prosten mir höhnisch mit imaginären Gläsern zu:
solche Orte sind doch nur erfunden
ich senke den Kopf
tröste mich mit lindernden Worten:
die Herzensfreude ist auf meiner Seite

Von der Seitenlinie aus

von der Seitenlinie aus sahen wir
Hunderte von ihnen marschieren
Entschlossenheit ins Gesicht geschrieben
sahen Anschläge ihre Botschaft schreien
von der Seitenlinie aus sahen wir zu
wie vom anderen Ende her die Polizei anrückte
mit der Ehrfurcht gebietenden israelischen Krawallausrüstung
sahen AK 47-Knarren ihren Zweck buchstabieren
wir sahen von der Seitenlinie aus zu
wie Anschläge mit Kanonen kollidierten
Entschlossenheit sich auf der Flucht verflüchtigte
und die Polizei zurück auf ihren Posten stolzierte
ein aufgegebener Anschlag flatterte uns nach
seine verzweifelte Botschaft noch lesbar:
»bitte, wir flehen Sie an
senken Sie den Brotpreis«
11. Oktober 2004

Wir bomben

Einer sagte, reden dauert zu lange, gebraucht die Fäuste.
Ein Zweiter sagte, Fäuste sind zu schwach, gebraucht besser Steine.
Noch einer sagte, Steine sind zu schwer, gebraucht besser Keulen.
Noch einer sagte, Keulen sind zu träge, gebraucht besser Speere.
Noch einer sagte, Speere sind zu langsam, gebraucht besser Pfeile.
Noch einer sagte, Pfeile sind rückst.ndig, gebraucht besser Gewehre.
Noch einer sagte, Gewehre sind überholt, gebraucht besser Bomben.
Wir haben Ihm zu danken, der uns die Fähigkeit gab, unser Hirn zu
gebrauchen,
Jeden Tag werden unsere wachsenden Aufgaben leichter als
trockenes Laub.
Stellt euch vor, wo wir wären, wenn wir immer noch unsere Fäuste
gebrauchten?
Jene, die denken, wir hätten kein Hirn: wir bomben sie aus.
Jene, die denken, wir hätten kein Ziel: wir bomben sie aus.
Jene, die denken, wir hätten keinen Plan: wir bomben sie aus.
Wir bomben!
Wir bomben!
Wir bomben!

Gedichte © Verlag Das Wunderhorn
Audios © Andrea Pollmeier, Faust-Kultur

erstellt am 24.1.2013

Am 25. und 26. Januar 2013 nahm der Lyriker Chirikure Chirikure aus Simbabwe an den Afrikanischen Literaturtagen in Frankfurt statt. Ein Ausschnitt aus seiner Lyrik-Performance, die im Literaturhaus Frankfurt stattfand, ist hier zu hören. Joram Tarusarira begleitet ihn auf der Mbira.

Siyai akadaro

musiyei akadaro mwana uyu
siyai apedze shungu dzake
ndizvo zvinoita chinhu chitsva
ndiwo chaiwo maitiro acho
siyai akadaro nebhora rake
aribanhire mudenga
arirovere kumadziro
arinzvengese mujecha
siyai aritunge nemusoro
aripotsere nemaoko
arigumbatire serusvava
ariyeve rakazorora zvaro
musiyei mwana nebhora
zuva parinozorova nhongonya
anenge otoita zvekutochechuka
kuyeuka kuti gara ndine bhora
siyai zvakadaro, hama dzangu
inga kana vakuru ndizvo zvimwe
vacherechedzei pose pose
paya pavanopiwa zvigaro

Directions

here I am
sitting on this globe
rotating
east, west
east, west
here I am
floating on this earth
shifting
east, west
west, east
here I am
watching my people ordered
look east
no west
look east
and there I stand
born, bred,
drilled to read,
write
think
dream
from left
to right

Nzvimbo dzemumabhuku

wese andaita mahwekwe naye
mubvunzo ndiwo mumwe chete:
kwakadini kwamanga mapota?
mhinduro ndiopa yepasi pemoyo:
kutaura zvese handingakwanisi,
zvakapinda mumusoro
zvinozadza dura
vose vanozoita kunge vapatika
kyuhope,
vobvunza zvakare, uso vakasunga:
gara zviya ndepiko kwawaiva?
Handinonoki kudzora mhinduro:
ndaiveko kunyika yemutsindo,
kumatuhnhu emuzinda we
Timbouctou.
vese vanokapaza misoro
semabhuru,
vopfipfidza vachinwa rukweza
rwavo:
nzvimbo dzakadaro
ndezdzemumabhuku chete.
ndinotsikisira wangu musoro
pasi,
ndozvipodza hana nemashoko
mumoyo:
ndakakomorerwa ndakazvionera
pamhino sefodya.

From the sidelines

we watched from the sidelines
hundreds of them marching
determination written on their faces
placards screaming their message
we watched from the sidelines
as police approached from the other end
wearing awe striking Israeli riot gear
AK 47 rifles spelling out their purpose
we watched from the sidelines
as placards clashed with guns
determination fizzled into flight
and the police strolled back to base
an abandoned placard fluttered past us
its desperate message still legible:
»please we beg you
reduce bread price«
11. Oktober 2004

Tino bhomba

Mumwe akati kutaura kunononoka, zvinotoda zvibhakera,
Mumwe akati zvibhakera zvinononoka, zvinotoda matombo,
Mumwe akati matombo anononoka, zvinotoda tsvimbo,
Mumwe akati tsvimbo inononoka, zvinotoda pfumo,
Mumwe akati pfumo rinononoka, zvinotoda museve,
Mumwe akati museve unononoka, zvinotoda gidi,
Mumwe akati gidi rinononoka, zvinotoda bhomba.
Ngatitendei uyo akatipa chipo chekushandisa njere,
Zuva nezuva mutoro wedu uri kuita kunge shizha.
Pafungei kuti dai tiri kupi nhasi dai tiri kushandisa zvibhakera?
Vanofunga kuti hatina pfungwa; tinobhomba,
Vanofunga kuti hatizivi zvatinoita; tinobhomba,
Vanofunga kuti hatigoni kuronga; tinobhomba.
Tinobhomba!
Tinobhomba!
Tinobhomba!

Chirikure Chirikure
Aussicht auf eigene Schatten Gedichte
Übersetzung: Sylvia Geist
Dreisprachige Ausgabe deutsch-englisch-shona
120 Seiten, Hardcover, mit CD
Verlag Das Wunderhorn, 2011
ISBN: 978-3-88423-368-9

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