Der UN-Korrespondent Marc Engelhardt hat unter dem Titel »Somalia« im Verlag Brandes & Apsel eine profunde Analyse der aktuellen Entwicklungen am Horn von Afrika publiziert. Der zum Weltreporter-Netzwerk gehörende Journalist beschreibt die komplexen Mechanismen, die Krisen wie Piraterie, Hungersnöte und Religionskonflikte immer wieder eskalieren lassen.

Textauszug

Somalias teure Freiheit

Von Marc Engelhardt

In meiner Küche steht ein einfacher Hocker mit Beinen aus grob behauenen Holzscheiten. Bespannt ist er mit einem Kuhfell, das einmal braun war. Inzwischen ist es ziemlich abgewetzt. Mehrmals am Tag schieben meine Töchter den Hocker zur Spüle, wenn sie sich dort die Hände waschen wollen. Und fast jedes Mal, wenn ich das mitbekomme, muss ich an den Tag denken, an dem mir ein somalischer Bekannter diesen Hocker in die Hand drückte, während hinter dem Flugfeld am Rand von Mogadischu die Sonne unterging und der Pilot unserer kleinen Propellermaschine uns zur Eile antrieb, um es noch rechtzeitig bis nach Nairobi zu schaffen.

Eigentlich hätten wir zu diesem Zeitpunkt schon längst in Kenia sein sollen. Am Vormittag hatte uns Mohamoud Mohammed Kheire, genannt MMK, zum Flughafen 50K außerhalb von Somalias Hauptstadt gefahren. MMK arbeitete für die Hilfsorganisation Daryeel Bulsho Guud (DBG, somalisch für: Hilfe für alle), die mich zwei Wochen lang bei meinem ersten Besuch in Somalia beherbergt hatte. Mogadischu war in weiten Teilen so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte: bewaffnete Milizen mit glasigen Augen auf den Ladeflächen von Pick-Ups, die Kalaschnikow in der Hand, den Patronengürtel über die Schulter geschwungen. Überall zerbombte und zerschossene Häuser, ständige Ungewissheit an den Straßensperren und immer wieder hektischer Aufbruch, wenn irgendwer von einem möglichen Anschlag gegen mich, den Weißen, gehört haben wollte. Doch MMK und die DBG-Mannschaft schafften es trotz der selten schlechten Rahmenbedingungen, mich für Somalia einzunehmen. Nicht etwa wegen des Hummers, von dem Kollegen sagen, es sei der beste der Welt (ich habe ihn nie probiert, halte das aber für glaubwürdig) – sondern vor allem wegen der Bekanntschaften, die mich mit ihrer Liebenswürdigkeit und ihrer Gastfreundschaft genauso schnell beeindruckten wie mit ihrer brillanten Fähigkeit zur Analyse und ihrer Ehrlichkeit. Ich hatte das Glück, in kurzer Zeit viele Somalis zu treffen, auf die gleich mehrere dieser Attribute zutrafen. Dazu kam oft ein einmaliger Optimismus, eine angesichts der Umstände kaum erklärbare Durchhaltekraft und die Bereitschaft, sich für „Somalia“ zu engagieren – damals schon seit mehr als einem Jahrzehnt ein Land ohne Staat, ohne Regierung und, so die gängige Einschätzung von Politik und Medien, ohne Zukunft.

Als failed state genoss (und genießt) Somalia für uns Journalisten einen düster faszinierenden Sonderstatus. Ein gescheiterter, zerfallener Staat, das gibt es nur einmal auf der Welt. Die Perversion von Normalität, die ich in Somalia kennenlernte, stand im krassen Gegensatz dazu. In Mogadischu herrschten durchaus Gesetze, nur waren es andere als in Kenia, wo ich zu diesem Zeitpunkt lebte. Ich hatte Anarchie erwartet, ein wildes Durcheinander, in dem jeder machen konnte, was er wollte. Tatsächlich traf ich auf eine Form von rohem Kapitalismus, unterfüttert mit einem für Outsider kaum durchschaubaren System von Clan-Loyalitäten. Die wirkliche Gefahr in Mogadischu lag darin, dass eine Verschiebung von einemdieser Faktoren (oder auch beiden) spontan Gewalt entfachen konnte, die – weil praktisch jeder eine Waffe besitzt – immer mit Toten endete.Wie man in dieser Umgebung überhaupt über das bloße Überleben hinaus nachdenken und planen kann, fasziniert mich bis heute. Wie man selbstlos anderen helfen kann, während man in ständiger Lebensgefahr schwebt, das zeigten mir die DBG-Mitarbeiter und MMK in diesen zwei Wochen und bei allen meinen folgenden Besuchen immer wieder.Mein Hocker ist für mich bis heute ein Symbol für die Gastfreundschaft, die ich in Somalia erleben durfte. Ich hatte auf unserer Fahrt zum Flughafen beiläufig einem Begleiter gegenüber erwähnt, dass ich eigentlich noch unbedingt einen solchen Hocker – in somalischen Haushalten ein Allerweltsgegenstand – hatte kaufen wollen. Nun war es aber zu spät, wir waren nicht mehr weit vom Flughafen entfernt. Der Flieger, eine ausgeweidete Boeing 727, stand bereits auf dem Rollfeld, als wir mit quietschenden Reifen am Rand anhielten. Kurze Zeit später stiegen wir in die Maschine, und wir staunten nicht schlecht: außer sechs Sitzen in der letzten Reihe waren sämtliche Reihenausgebaut. Stattdessen stapelten sich Säcke voll mit Khat im Flieger, der leichten Droge, der somalische Männer sich ab der Mittagszeit überlassen. Männer brachten mehr und immer mehr Säcke, und der leicht ranzige, süßliche Geruch nahm uns bald den Atem. Es war ein Samstag und die Maschine der einzige verfügbare Flug nach Nairobi, sonst wären wir gleich wieder ausgestiegen. Doch nach einer Stunde erschienen drei schwer bewaffnete Somalis und erklärten uns auch so, dass wir das Flugzeug umgehend zu verlassen hätten. Jede Diskussion war zwecklos. Vom Rand des Flugfeldes sahen wir zu, wie sechs Somalis zustiegen und die Boeing kurze Zeit später in den wolkenlosen Himmel abhob.

Somalia ist ein Wüstenstaat. Obwohl das Land so unwirtlich ist und Somalia die längste Küste eines afrikanischen Landes besitzt – jedenfalls dann, wenn man Somaliland im Norden mitzählt, das sich einseitig für unabhängig erklärt hat – haben sich die Bewohner, überwiegend Nomaden, immer nach innen hin orientiert. Das Kamel ist bis heute das wichtigste Exportgut des Landes und zugleich der Dreh- und Angelpunkt der somalischen Kultur. Mitgiften und Blutgelder werden in Kamelen beglichen, und wie ein somalischer Freund mir einmal glaubhaft versicherte, gibt es mehr als ein somalisches Gedicht, das den Leibreiz des Kamels preist. Jetzt standen wir mitten in der Wüste, schmeckten den Staub in der Luft. Die Hitze brannte uns auf die nackten Köpfe. In der Ferne zog eine Kamelherde vorbei.

So traditionsverbunden Somalis sind, so modern sind sie auch. Fast überall im Land gibt es Mobilfunkempfang, glücklicherweise auch am Rande des Flugfeldes von 50K. Zwei Stunden später stand MMK wieder neben uns, er war gerade in Mogadischu angekommen, als er wieder umdrehen musste. Einen Flugzeugcharter nach dem anderen rief er an, bis wir schließlich in Nairobi einen Piloten fanden, der bereit war, uns für 5.000 US-Dollar in Mogadischu abzuholen. Nach zig Absagen erschien uns das wie ein Schnäppchen. Während wir auf die rettende Maschine warteten, erklärte uns MMK, was passiert war: Samstags, so sagte er, seien die Passkontrollen an Nairobis Wilson Airport nur mit einem Beamten besetzt – und das heiße, dass illegale Einwanderer an einem Samstag gegen ein Handgeld für den Einwanderungsbeamten einfacher als sonst nach Kenia kommen konnten. Die sechs Männer, die unsere Plätze übernahmen, waren Spontanreisende – und hatten vermutlich deutlich mehr bezahlt als wir. Deshalb mussten wir am Boden bleiben – eine rein ökonomische Entscheidung, versicherte der zuständige Mitarbeiter der Airline MMK am Telefon.

Als wir schon Angst hatten, unsere Maschine könnte Probleme haben, unser Flugfeld zu finden, sahen wir am Horizont einen immer größer werdenden Punkt. Und schließlich, das Gepäck war schon verstaut und wir verabschiedeten uns erneut von MMK, holte der den Hocker aus dem Kofferraum – „den habe ich noch schnell am Straßenrand gekauft.“ Ich war sprachlos.

Aus der Einleitung: Marc Engelhardt, »Somalia. Piraten, Warlords, Islamisten«, Brandes & Apsel, 2012

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erstellt am 24.1.2013

Marc Engelhardt, Foto: Brandes & Apsel

Marc Engelhardt, geboren 1971 in Köln, lebt seit 2011 als freier UN-Korrespondent in Genf. Er studierte in Kiel Geographie, Meeresbiologie und Öffentliches Recht. Engelhardt arbeitet unter anderem für die Berliner Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), die tageszeitung (taz). Von 2004 bis 2010 lebte er in Nairobi. 2007 erhielt er den Journalistenpreis „Weltbevölkerung“ für seine Reportage „Sechs Kinder sind drei zuviel“ über die geplante Drei-Kind-Politik in Ruanda.

Engelhardt, Marc
Somalia: Piraten, Warlords, Islamisten
1. Auflage 2012
248 S.
Brandes & Apsel, Frankfurt
ISBN 978-3-86099-892-2

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