Alissa Walser zählt zu den fünf deutschsprachigen Autoren, die im Rahmen des argentinisch-deutschen Stadtschreiber-Projekts Rayuela nach Argentinien gereist sind. Sie beschrieb in Blog-Einträgen ihre Beobachtungen, die Faust Kultur in zwei Teilen veröffentlicht. Die Fotos sind von der Autorin.

Tagebuch-Folge 1

Alissa Walser in Argentinien

1)
22. Juli
Ankunft in Buenos Aires nach einem langen Flug – mit Umsteigen in und anderthalb Stunden Verspätung aus Madrid. Saß in der Eltern-Kleinkind-Sektion. Mittendrin in einer Viererreihe. Neben mir rechts eine Frau aus Buenos Aires, die Tochter 14 Monate alt. Sie sagt auf Englisch, sie lerne gerade Englisch. Ich sage auf Spanisch, ich lerne gerade Spanisch. Wir lachen.
Hinter uns schreit sich ein Baby die Lungen aus dem Triebwerk. Erst herzzerreissend, dann aggressiv. Der Ehemann meiner argentinischen Nachbarin steht plötzlich vor mir, bietet mir wie ein Schutzengel seinen Platz an. Fünf Reihen weiter hinten. It’s better for you.
Ich vertraue und werde mit einem astreinen Gangplatz belohnt, neben drei netten, wohlerzogenen spanischen Mädchen, die völlig entspannt auf dem mitgebrachten Computerchen Comics gucken.
Mein Koffer kommt nicht mit mir in Buenos Aires an. Muß ihn reklamieren. Er werde ins Hotel gebracht, sagt der Junge hinterm Counter. Wann? Zwischen 23 und 24 Uhr. Nur nicht zweifeln. Nicht dran denken, was wäre, wenn nicht.
Die Argentinier scannen das Gepäck sogar beim Verlassen des Sicherheitsbereichs. Erst denke ich, ich stehe falsch an. Frage die Frau hinter mir. This is the exit, sage ich. Why do they check the baggage? Sie lacht. You know, sagt sie, I am Argentinian and I really dont know.

2)
In den ersten Tagen versuche ich, von denen, die mir begegnen, etwas über das Land herauszufinden.
In Argentinien ist nix nah.
Argentinier fahren weit ohne mit der Wimper zu zucken.
Von Buenos Aires ans Meer sind es 400 km.
Krise.
Korruption.

B. angelt gerne. Am liebsten im Rio de la Plata. Am liebsten einen Fisch, den er „Bejerey” nennt. Das sei ein sehr intelligenter Fisch. Lasse sich nicht einfach fangen. Man müsse ihn überlisten. Er schlucke den Köder nicht gleich. Teste, ob die Sache einen Haken habe. Und sobald man ihn dabei beobachte, heiße es, die Rute hochreißen.

Futter für meine Phobien:
Es gebe hier viele Mücken. Vor allem in der Provinz Misiones, wohin ich nächste Woche reisen werde. Z. B. diese “Pickets”, die so klein sind, dass man sie kaum sehe. Sie graben sich unter die Finger- und Fußnägel, bis die Nägel sich abheben. Sei sehr schmerzhaft.
Oder die Ura. Eine Fliege. Die lege ein Ei unter die Haut, dort schlüpfe dann ein Wurm. Der fresse sich satt an einem. Ja, habe er schon gehabt. Hier, hinterm Knie, auf der Rückseite, wo die Haut zart sei.
Dann die Ameisen. Er zeigt mit dem Finger etwa 1,5 Zentimeter. Schlüpfen unter die Hosen und beißen einem in die Beine. Und Mückenschwärme. So viele so wahnsinnig kleine Mücken, dass die Luft schwarz sei von ihnen.
Habe Mückenmittel im Gepäck. No bite.

2a)
Gehe in Kleidern und ungewaschen zu Bett.

2b)
23. Juli
Am Morgen ist der Koffer da.
Finde beim Auspacken einen kleinen blinden Passagier: Eine Getreide-Mottenraupe zwischen zwei A4-Blättern. Lasse sie auf der Küchenzeile frei. Sie klettert sofort die Wand hinauf. Nach der Ozeanüberquerung die Zimmerdurchquerung. Schaue immer mal wieder nach ihr. Am ersten Tag schafft sie die Zimmerdecke ganz und macht sich sofort auf den Rückweg.

3)
Zu Fuß durch die Stadt. Stadtplan in der Tasche. Buenos Aires ist, wie die meisten Einwandererstädte, in rechtwinkligen Blocks angelegt. Jeder Block hundert Meter lang. Man weiß immer, wie weit es ist von A nach B.
Die Straßen voller Menschen, nachmittags vor allem. Immer wieder hört man im Vorbeilaufen das Wort Cambio. Cambio, Cambio, Cambio. Eher gezischt als gesprochen. Ich schaue sich um und sehe einen da stehen. Der schaut nicht zurück. Der steht nur da, als habe er nichts gesagt. Das Cambio zischt heraus wie die Zunge eines Chamäleons. Hin und weg. Manche Turis bleiben kleben.
Ich möchte zum Rio de la Plata. Schauen, wie die Stadt mit dem Fluss umgeht. Auf der Karte ist es als grünes Gebiet eingezeichnet: „Parque Natural y Reserva Ecólogica Costanera sur.”
Das Mückenmittel in der Tasche, laufe ich los.
Das Gebiet sei durch aufgeschütteten Schutt entstanden. Der Schutt abgerissener Häuserzeilen. Die Natur besorgte den Rest. Pflanzen und Vögel siedelten sich an. Gefolgt von Immobilienhaien und Spekulanten. Die übliche Mischung aus Korruption und Gier. Der Boden, auf dem eigentlich nicht gebaut werden soll, wird als teures Bauland verkauft. Mit Hochhäusern bebaut. Luxuswohnungen. Ein Luxusviertel. Die erste Reihe am Wasser: die teuerste. Garantiert werde ihnen nie etwas vor die Nase gebaut. Denkste. Die erste Reihe wird kurze Zeit später die zweite. Die Letzten werden die Ersten sein.
Niemand scheint sich für den Fluss zu interessieren. Er ist so breit, cirka 45 Kilometer. das andere Ufer kaum zu sehen.
Laufe durch die schicke Hafengegend mit den Docks. Die Yachten der Anwohner. In den alten, ehemaligen Lagerhäusern: Restaurants und Cafes. Gegenüber: gläserne Türme. Auf der Brücke von da nach hier: Eine Bank und eine Polizeistation.
Die Glastürme umgeben von Stahlzäunen und Kameras. Drunter: Tiefgaragen. Ferngesteuerte Stahltore.
Vor der jetzigen ersten Reihe steht eine winzige Verwaltervilla in arabischem Stil. Gefolgt von Sportplätzen, mit Stacheldraht umzäunt, einer Straße, der breiten Promenade, ihrer Begrenzug. Dahinter „die Natur”.
Schilffelder, eine riesige Art mit großen weißen Wedeln. Palmen. Dickichte, hellgrüne Sümpfe. Man hört und sieht plötzlich Vögel, Vogelschwärme und Einzelgänger, Papageien. Alles wächst und wuchert. Irgendwie passen Pflanzen und Tiere nicht zur Temperatur. Es ist kalt. Stürmisch.
Der Rio de la Plata aufgewühlt. Grau, wie angelaufenes Silber an diesem bewölkten Tag. Die Ufer: Berge von angeschwemmtem Holz mit Plastikteilen versetzt.
Gehe eine weite Runde. Wind und Kälte haben die Mücken weggefegt.
Auf der Promenade haben Straßenhändler ihre Theken und Tische aufgebaut. Sonnenbrillen, Kappen, Kinderspielzeug. Kleine Burger- und Wurstbuden.
Über allem hängt diese Verlassenheit. Ein wenig zu viel Platz für zu wenig Menschen.
Zurück in die Stadt.
Die Zebrastreifen haben hier nichts zu bedeuten. Kein Autofahrer hält für einen Fußgänger an einem Zebrastreifen. Sie wollen nur sagen: wenn schon rüber, dann bitte an dieser Stelle.
Laufe am berühmten Cafe Tortoni vorbei. Lasse die Schlange Schlange stehen. Keine Lust, zu warten.

4)
Vielleicht gewöhne ich mir einen anderen Lebensrhythmus an. Nicht mehr Tag und Nacht, sondern Stunde um Stunde. So wie die Parties, die hier über den Hotelhof schallen. Sie blühen jäh auf und ebben wieder ab. Sie füllen keine Nacht. Sie hangeln sich von Lied zu Lied. Und bringen es in meinem Zimmer auf Zimmerlautstärke. Michael Jackson und Madonna. Und ein gnadenloser Beat …

5)
26. Juli
Heute Regen. Dünn und unaufhörlich. Gehe raus.
Essen. Vegetarierin im Land der Fleischesser. Habe ein paar Vegetarische Restaurants im Netz gefunden. Los Sabios. In der Av. Corrientes.
Mache mir einen genauen Plan. Wer U-Bahn fahren kann, hat schon viel gelernt über eine Stadt. Das Hotelzimmerfenster bleibt offen. Der Luft wegen.
In dem Moment, in dem ich das Hotel verlasse, kommt einer rein, der seinen Regenschirm abgibt. Der Portier gibt ihn mir. Schöner großer, pausenloser schwarzweißer Regenschirm.
Laufe die Suipacha entlang Richtung Santa Fe. Starker Wind. Der Schirm nervt. Biege in die Esmeralda ein.
Immer gradeaus.
Das eingestürzte Haus. Der Besitzer habe einen Lift eingebaut, und die Statik nicht berechnet. Das nebenliegende Nobelhotel hat den Schaden. Der Raum um das Haus ist weitläufig abgesperrt. Dauerstau. Kaum ist eine Straße in diesem Raster gesperrt, sind die drumherum liegenden Straßen überlastet. Die Hotelgäste können wegen der Absperrung nicht mehr bis vor die Tür fahren. Gestauter Taxischwarm. Und die feingekleideten Leute stapfen über die lehmbeschmierte Fahrbahn. Zwei junge Männer versuchen, die Absperrung zu versetzen.
Oben an der Av. De 9. Julio die U-Bahn. Kaufe 10 Fahrten für 11 Pesos. Für eine so große Stadt (14 Millionen Menschen) ein ziemlich überschaubares U-Bahn-Netz. Die Sitzbank mit dunkelrotem Stoff bezogen. Alt und so weich, dass ich einsinke. 6 Stationen, dann steige ich aus. Laufe ein Stück zurück. Los Sabios hat die Gitter runtergelassen: Cerrado. So ist das, wenn im Netz was steht. Die Wirklichkeit lässt sich nicht einholen. Laufe zurück. Neuer Plan: Das vegetarische Restaurant auf der Humboldt.
Der Stadtteil Palermo erinnert an Brooklyn. Da draußen, Richtung Sheephead Bay, wo die U-Bahn oberirdisch verläuft und ein zweistöckiges Haus ans andre gebaut ist.
Die Humbold ist leer. Viel leerer als alles, was ich bis jetzt in Buenos Aires gesehen habe. Die Restaurants haben noch geschlossen. Drinnen werden die Tische gedeckt. Eine Mercedes Vertretung. Die Tür offen, davor ein Uniformierter.
Irgendwann taucht das vegetarische Restaurant auf. Schild beleuchtet. Alles klar. Bin glücklich.

5a)
Zurück im Hotel schließe ich das Fenster und ziehe die Vorhänge zu. In einem Zimmer, in dem man den Himmel nur sieht, wenn man den Hals verrenkt, verirrt sich die innere Uhr.
Auf dem Weg ins Bad entdecke ich die erste Mücke. Hinterm TV an der Wand. Tod durch Vokabeltrainer. Reine Prophylaxe.
Diese Nacht trage ich weiße Handschuhe.

6)
27. Juli
Ein Land, in dem es keine Literaturhäuser gibt, keine Lesungen. Die Interviewfrage nach dem literarisches Leben der Stadt. „Literarisches Leben” ist eine absolute Abstraktion. Es leben Autoren und Autorinnen in Buenos Aires. Schreiben hier. Annäherung über Text. Lesen braucht Zeit. Lasse bei den „Gettes” den Wunsch verlauten, Herrn de Santis zu treffen. Man arrangiert ein Treffen. Man wird mich im nächsten Interview wieder fragen. Nach dem „Literarischen Leben” in Buenos Aires. Dann habe ich einen lebenden Autor getroffen.

7)
Drei Klassen von Hunden:
In schicke Wintermäntel verpackte, sich in Trauben um den Dogwalker drängende, an der Leine geführte Rassehunde (Pudel, Retriever, Rottweiler, Afghanen, Dobermänner).
Promenadenmischungen, die ohne Mantel und Leine hinter Herrchen/Frauchen hertrotten.
Abgemagerte herrenlose, die geduckt und ängstlich an einem vorbeitschnüren, bevor man mit der Zunge schnalzen kann. Sie haben diesen Trab drauf, der sich von nichts aufhalten lässt. Ein einziger Vorwärts-Drive.

8)
Mit den hiesigen Dulces kann man mich jagen. Beschließe, sie nur noch wie ästhetische Objekte zu sehen oder wie Performances. Oder Gesten. Gut gemeint – unannehmbar.

9)
Man solle, für das Busfahren Münzen sammeln. Da im Hotel der Föhn nicht funktioniert, kaufe ich einen Adapter für meinen mitgebrachen. Tiene un adaptador para el secador? Hoffe auf zwei Fliegen mit einer Klappe. Einen funktionierenden Föhn und Münzen, um endlich das Busfahren zu lernen. Der Föhn funktioniert. Aber statt Münzen gibt man mir mehrere 2-Peso-Scheine.
Lappen. Lasch, weich, abgegriffen. Kurz vor der Auflösung.

10)
Mein linker weißer Baumwollhandschuh auf dem Nachttisch hat die Handform bewahrt, die entfernt an MJ erinnert.

10a)
Der blinde Passagier ist verschwunden. Wahrscheinlich von der Decke herab in den schrecklichen Hotelzimmerteppichboden gefallen. Vom Zimmermädchen weggesaugt.

11)
Heute morgen beim Frühstück spricht mich ein älterer Herr auf Deutsch an. Ob es Kaffee gebe? Ja, sag ich verdutzt. In der Thermoskanne.
Woher weiß er, dass ich Deutsche bin? Sehe ich so aus? Ohne dass ich blond bin – blond? Die Bewegung bzw. Bewegungslosigkeit? Bin ich reglos wie eine umtriebige Deutsche? Oder so unlustig lächelnd? So moralisch unmoralisch? Oder schlecht und teuer angezogen?

12)
Werde zu einem Tangoabend mitgenommen. La Conferia Ideal auf der Suipacha. Nachmittags Kaffeebetrieb, abends kommen Leute aller Altersklassen zum Tanzen. Sitze an einem kleinen Tischchen und sehe zu. Haben etwas Rührendes, Mildes, Angenehmes – diese vielen Paare. Die Frauen alle hochhackig. Es gibt Paare, die tanzen perfekt. Andere unbeholfen. Alle Altersklassen in allen Kombinationen. Und alle haben Spaß. Ein wunderbarer Ort: Man kommt einfach her, zahlt einen kleinen Eintritt und tanzt mit. Werde aufgefordert. A. ist siebzig, erzählt er, kommt immer hierher. Er tanzt besser als ich.

erstellt am 15.10.2010

Fotos aus Argentinien von Alissa Walser

Buenos Aires
Buenos Aires