Hanns Eisler mit Bertolt Brecht, 1950 Foto: Bundesarchiv
Hanns Eisler mit Bertolt Brecht, 1950 Foto: Bundesarchiv
Buchkritik

Und weil der Mensch ein Mensch ist

Eine höchst empfehlenswerte Monographie über Hanns Eisler

Von Thomas Rothschild

Hanns Eisler galt lange Zeit als nahezu unbekannt, jedenfalls unterschätzt. Das hatte wohl mit einem Umstand zu tun, der auf keinen anderen Komponisten des 20. Jahrhunderts so sehr zutraf: Seine Bewunderer, die es durchaus gab, formierten sich in zwei einander kaum überschneidenden Gruppen. Die einen sahen in dem Schönberg-Schüler einen Kollegen von Anton Webern und Alban Berg, einen der großen Erneuerer in der Musik und werteten seine Entscheidung für Arbeiterchöre und eingängige politische Lieder als Rückschritt, wenn nicht gar als Verrat. Die anderen kannten wiederum nur den Komponisten von Kampfliedern wie dem Einheitsfrontlied oder dem Solidaritätslied, den Koautor der DDR-Hymne und hatten mit seinen ambitionierteren Werken, gar mit der Zwölftonmusik nichts im Sinn. Erst mit dem Ende des Kalten Krieges verstärkte sich das Interesse an einer der anregendsten und intelligentesten Musikerpersönlichkeiten, erst jetzt gab es Versuche, seine beiden „Seiten“ unter einen Hut zu bringen. Erst allmählich begriff man den Zwiespalt eines politischen Menschen, der einerseits auf der Höhe der zeitgenössischen Avantgarde stand, andererseits aber zu jenen sprechen wollte, die auf Grund ihrer Benachteiligung auf den Gebieten der Bildung und der Kultur für diese Avantgarde kein Verständnis hatten, denen aber seine politischen Sympathien gehörten. Dass sich dieser Zwiespalt in so krasser Form manifestierte, hat sehr viel mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu tun. Hanns Eisler ist geradezu das paradigmatische Produkt einer Zeit, die durch Klassenkämpfe, zwei Weltkriege und den Holocaust charakterisiert ist.

Horst Webers in jeder Hinsicht gewichtige Arbeit über die amerikanischen Jahre Hanns Eislers schafft, was nur selten gelingt: Sie vereint nicht bloß eine breit angelegte biographische Darstellung mit einer genauen Analyse einzelner Werke, sie genügt auch jedem wissenschaftlichen Anspruch, ohne auf Lesbarkeit – auch und gerade für den Laien – zu verzichten. Bleibt zu fürchten, dass der Verlag, der als Publikumsverlag kaum wahrgenommen wird, und der hohe Preis des zum Vorteil der Illustrationen auf dickem Papier gedruckten Buchs eine größere Leserschaft verhindern werden. Ärgerlich die Fehler im Register (bei der alphabetischen Anordnung, bei diakritischen Zeichen, bei Vornamen).

Ausführlich beschäftigt sich Weber mit Eislers praktischen und theoretischen Auseinandersetzungen mit Filmmusik, die bis heute als Alternative zum Hollywood-Mainstream von Bedeutung sind. Ausführlicher auch als gemeinhin üblich geht Weber auf Eislers damalige Ehefrau Lou ein, die später Ernst Fischer geheiratet hat und selbst eine Schriftstellerin und Intellektuelle war, die ihre Männer um Jahre überlebt hat. Sie gehört unbedingt in die Galerie der „Frauen berühmter Männer“, die oft ihre eigene Kreativität zurücknehmen mussten, um ihre Partner so zu unterstützen, wie es die Gesellschaft, auch die Linke, damals erwartet hat.

Horst Weber durchbricht die chronologische Anordnung immer wieder zugunsten einer systematischen Darstellung, was einerseits der Argumentation zugute kommt, anderseits vor dem Schematismus von Lebensläufen schützt. Kapitel wie „Das Verhältnis zum Wort“, „Abgesang auf die Sonate“ oder „Das Verhältnis zum Ton“ gehen weit über Hanns Eisler hinaus ins Grundsätzliche und sind jedem zu empfehlen, der sich für Musiktheorie interessiert.

Es gibt einen viel zitierten Satz von Hanns Eisler: „Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch von Musik nichts!“ Horst Weber behauptet, dass sich die Autorenschaft nicht belegen lasse. Das Schicksal teilt die Aussage mit dem Satz vom Film als wichtigster aller Künste, der Lenin zugeschrieben wird, für den aber (bisher) keine Quelle gefunden wurde. Der angebliche Eisler-Satz jedenfalls formuliert eine richtige Erkenntnis. Die Eisler-Forschung darf also weiter suchen, um eine Belegstelle zu finden (oder nicht zu finden). Das Kapitel über den Johann Faustus führt über die amerikanischen Jahre hinaus in der Wirklichkeit der DDR. Hier könnte eine Fortsetzung von Webers Buch ansetzen. Und eine ebenso differenzierte Monographie über die Jahre vor dem Exil. Der ganze Eisler muss es sein.

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erstellt am 22.1.2013

Horst Weber
»I am not a hero, I am a composer«
Hanns Eisler in Hollywood
Georg Olms Verlag, Hildesheim – Zürich – New York 2012
536 S.

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Hanns Eisler 1947/48 vor dem McCarthy Ausschuss für unamerikanische Umtriebe