Es ist nicht zu leugnen, dass die moralische Erziehung des Menschengeschlechts totalitäre Züge trägt. Bei Diktaturen setzt man sie voraus, in sogenannten Demokratien werden sie über fürsorgliche Kampagnen eingeführt. Wir könnten uns allerdings kaum noch verständigen, vermieden wir alle Worte, die in der Vergangenheit schon einmal missbraucht, also herabsetzend, verletzend oder verleumdend verwendet wurden. Die Satire profitiert schon lange von dem Unsinn, der von der political correctness eingefordert wird. Und zu Recht haben sich die Schwarzen in den USA dagegen gewehrt, als »Farbige« bezeichnet zu werden. Denn sie sind schwarz und nicht farbig. Alban Nikolai Herbst hat anlässlich der jüngsten »Säuberungen« in deutschen Kinderbüchern mit Quasi un manifesto auf den Tisch gehauen.

political correctness

Quasi un manifesto

Von Alban Nikolai Herbst

Die Diskussion war auf facebook begonnen worden, ich hatte ärgerlich reagiert und werde ärgerlich noch immer, ja immer mehr, je länger ich über die Ungeheuerlichkeit nachdenke, die jetzt als, sowieso furchtbar, political correctness durch die Gegenwart läuft. Nicht wirklich vorausgegangen – da wirken ältere Bewegungen, die, heißt es, aus dem Feminismus stammen -, vorausgegangen aber unmittelbar war die Ankündigung des Kinderbuchverlages Thienemann, Bücher von Ottfried Preußler von ihrer rassistischen Sprache zu befreien – für einen Eingriff in ein Werk seinerseits ein Begriff, ich meine „Befreiung“, dessen Mißbrauch wir politisch sehr gut, was „entsetzlich“ heißt, kennen. Mit „rassistischer Sprache“ sind Wörter wie „Neger“ gemeint – ähnliche Reinheits-Unternehmen sind derzeit in den USA mit Mark Twain im Gang. Auch die Bibel steht auf dem Prüfstand solch selbsternannter Moraler, die sich zugleich, selbstverständlich, scheuen, etwa die Thora von rassistischer Sprache „zu befreien“ – d a s gäb ein Aufschrein! uneindenklich, daß sie, die Thora, eben die fünf ersten Bücher des Alten Testamentes umfaßt und also ganz ebenfalls, aber als anders benannte, „bereinigt“ werden soll. Hinter solcher Bereinigunsideologie – die abgeschlagenen Nasen antiker Statuen zeugen von der Zähigkeit der, in Heinrich Heines Sinn, Philister – steht letzten Endes der Glaube, was man anders nenne, sei deshalb auch anders, vor allem, es sei dann auch anders gewesen. Auf gleicher Linie liegt in Deutschland die Umbenennung von Straßen nach Fall der Mauer, der Abriß des Palasts der Republik und der Neubau eines architektonisch geschmacklosen Schlosses, kurz: Klitterung und Verleugnung von Geschichte. Ästhetisch gesprochen, soll schöngefärbt werden, weil daraus Harmonisierung werde; ich halte entschieden dagegen, daß es sich um einen Verdrängungsprozeß handelt und verdrängte Traumata an anderer, oft nicht mehr oder nur schwer analysierbarer Stelle in Form von Fehlhandlungen wi(e)derkehren, die in der politischen Dimension furchtbar werden können. Nicht, daß man heute noch von „Neger“n schreiben sollte, bewahre! – aber es i s t so geschrieben worden, auch von des Rassismus ganz unverdächtigen, ja für Menschenrechte nicht selten mit ihrem nackten Leben einstehenden Autor:innen, ganz ebenso, wie, ob die Philister das wollen oder nicht, Jean-Paul Sartre selbstverständlich geraucht hat, ebenso wie Ernst Bloch und Gustav Mahler; es mag den Krankenkassen nicht passen, weil das Vorbild doch so schlecht ist; von Sartre las ich sogar, daß man anläßlich einer Ausstellung die Zigarette vom Plakat retuschierte, die der große Mann drauf hielt, dafür seinerzeit noch undiskriminiert. Alles, selbstverständlich, pädagogische Schritte, alles ehrenwerter Leute. Wenn Jonathan Swifts – eines galligen, um Fortschritt schreibenden Satirikers – großer Gulliver dann nicht nur n o c h mehr zum Kinderbuch verstümmelt, sondern auch um „gefährliche“ Begriffe, weil sie heutige Leser kränken könnten, hygienisiert sein wird, wird seine Dichtung endgültig genau die Harmlosigkeit haben, von der die Philister so träumen. Ah, und welch eine Schnüffelei dann losgehen wird quer durch die Literaturen! – erstmal die für Kinder, dann aber bald schon auch die für Erwachsene, und schließlich wird man Bücher insgesamt verbrennen oder Adäquates mit ihnen tun, weil doch irgendwo noch subversiv ein Begriff stecken könnte, der dem Gebot der Nächstenliebe, und daß wir alle gleich seien (was wir de facto nicht sind), Stöcke in die Speichen steckt. Wobei selbstverständlich andere kulturelle Codierungen in anderen Völkern gar nicht mitbedacht werden, sondern man geht ganz offenbar davon aus, den hiesigen „Standard“ qua Überstülpung denen schon noch beizubringen, was zugleich mit einer Kritik am Kolonialismus verbunden wird, von dem man ja so frei ist, wie man – eben: s a g t. „Ich sage, also bin ich“ – so der populäre, auf den Mainstream des Guten Meinens heruntergebrochene Descartes unserer Zeit. Wie schlimm dies Gute Meinen wirken kann, spielt dabei keine Rolle.

Was also tun? Fast müßte ich „Neger“ wieder schreiben, auch das Wort „Wilder“ wieder verwenden oder gar „Eingeborener“, allein, um die Wörter in der Existenz zu lassen, wenn sie denn bald aus den Büchern der Vorderen verschwunden gemacht sein werden. Um Geschichte zu halten – damit es etwas gibt, wovon wir uns tatsächlich befreien können. Späteren wird es so sein, als wären solche Wörter nie geschrieben, nie gedacht und auch nie gefühlt worden, sie kennen ihre Existenz nicht mehr, und begreifen darum Geschichte und also auch die Gegenwart nicht mehr, denn niemand wird noch verstehen, weshalb Angehörige bestimmter Gruppen überhaupt Traumata haben. Wobei man sie den einen, aus politischen Gründen, vorerst nicht bestreiten wird, anderen aber sehr wohl, die grad nicht auf dem Tablett der Begünstigungen und weltpolitischen oder sozialen Opportunitäten gereicht sind. Und auch das Spiel der Ironie wird verlorengehen, zumal der Selbstironie, mit der ein – jetzt tu ich‘s! – Neger dem anderen auf der Straße „Nigger!“ nachruft, und beide brechen in befreiendes Gelächter aus.

„„Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein“, heißt es zurecht in Walter Benjamins Geschichtsphilosophischen Thesen. Die Philister:innen, ja, auch die „des“ Feminismus, wollen das verschleiern. Damit stehen sie Schulter an Schulter mit dem siegreichen Armee-Unternehmen des Kapitalismus, die Dinge, Zustände und Prozesse der Welt so gleichzumachen, daß sie sich allesamt zur Ware eigen und ins Kaufhaus legen lassen: die Äquivalenzform hat Marx das genannt. Indem sie vermeinen, der Befreiung zu dienen, dienen sie dem exponentiell, und zwar allein nach westlichem Vorbild, sich globalisierenden Markt zu seinem besten Gewissen. Daß sie das nicht merken, ist tragisch. Kolonialismuskritik wird Kolonialismus, verbrämt über „gesäuberte“ Sprache. „Säuberung“ ist ein Wort, vor dem ich mich in der Tat fürchte; dennoch würde ich es nicht verbieten, weil mir sonst der Begriff von dem verlorengeht, vor dem ich mich fürchte und wogegen ich anstehen will. Wir Dichter:innen haben schon, anstatt uns massiv gegen sie zu wehren, die Rechtschreib„reform“ verschlafen und schließlich, infertil und impotent jammernd, rein über uns ergehen lassen; es darf nicht angehn, daß wir das für noch viel Schlimmeres wiederholen. Wir mögen wenige und zusammen nicht größer sein als David. Doch es gibt das Tal von Elah.

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erstellt am 21.1.2013